Headhunter-Abwehr "Es gibt böse Buben, verdammt böse Buben"

Wird ein Headhunter aktiv, bedeutet das für den Kandidaten eine Karrierechance - und für das Unternehmen hohes Risiko. Der Abgang guter Mitarbeiter ist teuer, manche plaudern bereitwillig Interna aus. Spezialisten zeigen Firmen, wie sie sich wirksam gegen die Abwerb-Attacken schützen können.

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Wenn Peter Romero ins Plaudern kommt, könnte man meinen, Wirtschaftsspionage sei ein Kinderspiel. Einmal bekam er einen Auftrag aus der Rüstungsbranche: Ein Unternehmen arbeitete an einem Projekt im Auftrag von Bundeswehr und Nato. Romero sollte Spezialisten finden, bekam eine Liste mit Firmen, rief dort an. Viele Kandidaten, die er interviewte, "unterlagen der höchsten Sicherheitsstufe Ü3, die vor allem vor fremden Nachrichtendiensten schützen soll".

Headhunter auf der Pirsch: "Firmen sind hammernaiv"
[M] Corbis; mm.de

Headhunter auf der Pirsch: "Firmen sind hammernaiv"

"Die waren für ihre Qualifikation extrem unterbezahlt und entsprechend interessiert", sagt Romero. So groß wie ihr Interesse war auch ihre Bereitschaft, geheimes Wissen preiszugeben: Ein Kandidat schwatzte detailliert über die Entwicklung einer Fernlenkwaffe, ein anderer erzählte, wo die Entwicklungsabteilung des Nato-Projektes sitzt und wer daran beteiligt ist. "Ich habe damals Kandidaten geliefert. Wenn ich aber Böses im Schilde geführt hätte, hätte ich ganz anderen Leuten ganz andere Dinge liefern können", so Romero.

Romero ist kein Wirtschaftsspion - er arbeitete während seines BWL- und Psychologiestudiums als Identer und Researcher für eine Personalberatung. Für Unternehmen auf Personalsuche sollte er Kandidaten finden, sie kontaktieren und ihre Tauglichkeit prüfen. Inzwischen hat Romero die Seiten gewechselt: Er hat ein Konzept zur Headhunter-Abwehr entwickelt und berät Unternehmen in Sicherheitsfragen. Sind denn Firmen in puncto Sicherheit und Mitarbeiterschutz gegen Begehrlichkeiten von außen naiv? Romeros Antwort ist eindeutig: "Nein. Sie sind hammernaiv."

"Unternehmensloyalität gibt es nicht"

Der Fall aus der Rüstungsindustrie zeigt, wie groß das Sicherheitsrisiko Headhunter ist. Jeder Headhunter weiß von Schwachstellen der Unternehmen, fast nie werden sie effizient gehindert, Angestellte ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Manche scheinen ihre Mitarbeiter auf dem Silbertablett zu präsentieren: IBM etwa bietet auf seiner Homepage ein Mitarbeiterverzeichnis. Gibt man in die Suchmaske Vor- und Nachnamen ein, erhält man die Durchwahl und die E-Mail-Adresse.

Dabei sind hochqualifizierte Fachkräfte in vielen Branchen rar, sie sind der Erfolgsgarant und die Lebensversicherung ihrer Unternehmen. Wie teuer die Abwerbung eines Mitarbeiters für ein Unternehmen wird, hat vor einigen Jahren das Gallup-Institut ausgerechnet: Die zwischenzeitliche Vakanz des Postens, die Suche nach Ersatz und die unproduktive Einarbeitungszeit verursacht bei einer Fachkraft Kosten in Höhe des 1,7-fachen Jahreslohns. Bei Managern liegt der Faktor bei 2,4. Noch teurer wird es, wenn abgeworbene Kandidaten Prämien erhalten ("Signing Bonus") und alte Kollegen überzeugen, ebenfalls zum neuen Arbeitgeber zu wechseln.

Der Kontakt eines Mitarbeiters mit Researchern oder Headhuntern birgt weitere Risiken: Immer wieder werden Interna, Strategien, Strukturen und Daten bereitwillig ausgeplaudert. Winkt ein höheres Gehalt, ein Karrieresprung, ist die Loyalität zum Unternehmen schnell vergessen. "Unternehmensloyalität gibt es nicht", sagt Romero trocken.

Ohnedies bedeutet der Headhunter-Anruf nicht zwangsläufig echtes Interesse an einem Kandidaten: Immer wieder bekommen Personaler Anfragen, Strategien von Wettbewerbern zu erkunden oder in Abteilungen Unruhe zu stiften. Der Konkurrenzdruck unter Headhuntern ist hoch, manche werden da schwach. "Fake-Vorstellungsgespräche werden regelmäßig geführt", so Romero.

Mitarbeiterbindung durchkreuzt Abwerbeversuche

Wie kann ein wirksamer Schutz gegen Headhunter aussehen? Rein rechtlich hat der Bundesgerichtshof in Grundsatzentscheidungen klargestellt: Die Kontaktaufnahme ist erlaubt, wenngleich der Anruf am Arbeitsplatz nur kurz sein darf und ausführliche Verhandlungen außerhalb von Büro und Arbeitszeit stattfinden müssen. "Auch der Headhunter hat das Recht, seinen Beruf auszuüben", sagt Hans-Peter Löw, Rechtsanwalt für Arbeitsrecht bei der Sozietät Lovells LLP. Es gebe immer wieder Versuche, Headhunter mit einstweiligen Verfügungen an der Kontaktaufnahme zu hindern. Aber grundsätzlich gelte: "Reisende wird kein Unternehmen aufhalten."

Peter Romero sieht das anders. Wenn die Kontaktaufnahme nicht verboten ist, so muss man sie verhindern, so sein Credo. In Seminaren schult er Personaler, Fachkräfte und Manager. Seine Anti-Headhunter-Strategie setzt zunächst bei der externen Kommunikation an, jeden Kontakt rät er genau zu überdenken. Beispiel Messe: "Ein Tag Cebit, und Sie haben alle neuen Produktmanager." Er rät von Namensschildern ab, der Firmenname reiche.

Auch wenn sich die Mitarbeiter selbst präsentieren, im Karriere-Netzwerk Xing etwa, solle der Arbeitgeber wachsam sein. Ein Eintrag mit Firmenname und Position bedeute eine Einladung für Headhunter. Detaillierte Angaben sollte der Arbeitgeber verbieten, rät Romero. Einfach sei das nicht, der Eingriff in den scheinbar privaten Bereich bei seinen Seminaren immer "der härteste Punkt". Doch auch Arbeitsrechtler Löw hält eine Xing-Zensur des Arbeitgebers für denkbar, weil die Profile "schon sehr stark in die Arbeitgeberinteressen eingreifen".

Zu Wachsamkeit ruft Romero auch am Telefon auf: Oft erzählen Headhunter eine fingierte "Coverstory", um sich durchstellen zu lassen oder Infos zu erhalten - "keine Namen nennen, keine Daten ausplaudern". Für ebenso wichtig hält der Experte die Mitarbeiterbindung durch "Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl". So sollte auf eine Restriktion, etwa das Xing-Verbot, eine Satisfaktion folgen. "Die Chance zum Sabbatical oder ein Betriebskindergarten binden Mitarbeiter an ein Unternehmen und können im Ernstfall das Argument für den Verbleib und gegen den Wechsel mit Gehaltserhöhung sein", so Romero.

"Wer viel redet, macht mehr Fehler"

Bei der Mitarbeiterbindung setzt auch das Konzept von Stephan Weilandt an, der wie Romero früher als Researcher aktiv war und nach eigenen Angaben als erster in Deutschland Headhunter-Abwehr anbot. Aus einem Pool mit rund 300 Fragen stellt er zwecks "Profiling" Fragebögen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen. Dabei geht es um Denk- und Verhaltensmuster sowie berufliche Interessen. Gegenseitiges Wissen um Motive und Gewohnheiten hält Weilandt für zentral: "Wenn ich Leute entsprechend ihrer Persönlichkeit behandle, ist es schwer, sie abzuwerben."

Mit Workshops will Weilandt überdies Bewusstsein wecken, "dass es böse Buben gibt - verdammt böse Buben". Er erklärt die Psychologie eines Angriffs, etwa dass Headhunter gern zur Mittagszeit anrufen, wenn die Mitarbeiter müde sind. Oder dass sie oft die "Bossing-Methode" anwenden, drohen, sich als Chefs einer anderen Abteilung oder Filiale ausgeben.

Abschließend schickt er die Teilnehmer per Rollenspiel in solche Situationen. Lernziel: "Niemals diskutieren - wer viel redet, macht mehr Fehler." Auf Wunsch bekommt man irgendwann einen Anruf von Weilandt, der dann die Standhaftigkeit mit einer Coverstory überprüft.

Wenn Peter Romero Unternehmen berät, weist er auch auf kleine Unachtsamkeiten hin: "Oft haben Mitarbeiter ihr Passwort auf einem Zettel am PC kleben." Aus England wisse man, dass Headhunter auch mal den Putzdienst bestechen - glaubt man ihm, muss man mit allem rechnen. Trotz allem betont Romero, er habe nichts gegen seine früheren Berufskollegen, sie machten eben ihren Job. "Aber ich bin dafür, dass Unternehmen die Realität erkennen."



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
-murof- 06.02.2009
1. ...
kennt hier jemand professionelle Headhunter die gut dotierte IT Stellen (Software Architektur und Sicherheit) vermitteln? Ich würde auch gerne mal meinen C.V. professionell prüfen bzw. verbessern lassen. Kennt hier jemand evtl. gute Ansprechpartner?
E. Bär, 06.02.2009
2. Arbeit ist kein Selbstzweck
Zitat von sysopWird ein Headhunter aktiv, bedeutet das für den Kandidaten eine Karrierechance - und für das Unternehmen hohes Risiko. Der Abgang guter Mitarbeiter ist teuer, manche plaudern bereitwillig Interna aus. Spezialisten zeigen Firmen, wie sie sich wirksam gegen die Abwerb-Attacken schützen können. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,604689,00.html
Der beste Schutz gegen Abwerbungen sind angenehme Arbeitsbedingungen. Den Headhuntern, die bei mir anriefen, habe ich meine Bedingungen genannt: kürzere Wochenarbeitszeit und längerer Urlaub bei gleichem Gehalt. Daraufhin erscholl am anderen Ende der Leitung Gewinsel: "Wie stellen Sie sich das vor - bei meinem Auftraggeber werden Sie wohl selten vor neunzehn Uhr das Büro verlassen können, so viel zu tun gibt es hier." Tja, und damit war für mich der Fall erledigt. Arbeit ist doch kein Selbstzweck, und ich bin kein Masochist.
trehalose 06.02.2009
3. Professionelle Headhunter ?
Zitat von sysopWird ein Headhunter aktiv, bedeutet das für den Kandidaten eine Karrierechance - und für das Unternehmen hohes Risiko. Der Abgang guter Mitarbeiter ist teuer, manche plaudern bereitwillig Interna aus. Spezialisten zeigen Firmen, wie sie sich wirksam gegen die Abwerb-Attacken schützen können. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,604689,00.html
Ich hatte bisher schon mit mehreren Headhuntern / Stellenvermittlern Kontakt (IT-Bereich). Das Attribut "professionell" möchte ich dabei aber nur einem bis zwei davon zubilligen. Bei manch anderen hat mich mit der Zeit doch eher das Gefühl beschlichen, dass man eher als "Füllmasse" dient.
Realo, 06.02.2009
4. @-murof-
- OPS Outputmanagement Personal Service GmbH Stadtlohner Str.14 80687 München - personal total SaarLorLux - Werth Solutions GmbH Berater für Management & Personal
H2M1 06.02.2009
5. Das wäre ja noch schöner
Ich lasse mir doch von meinem Arbeitgeber nicht verbieten mich bei Xing, Linkedin, etc. zu präsentieren. Der Arbeitsmarkt ist ein Markt wie jeder andere auch und man versucht die Ware anzubieten und dafür soviel zu bekommen wie möglich, sei es Geld, ein gutes Betriebsklima oder eine interessante Aufgabe. Wenn mich mein Arbeitgeber verpflichten würde ein Xing Profil zulöschen wäre das für mich erstrecht Grund die Head Hunter Anrufe anzunehmen. Michael
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