HIS-Studie Dauerpraktikanten sind die Ausnahme

Zweifel an der Existenz der "Generation Praktikum": Laut einer aktuellen Studie sind Kettenpraktika bei Jungakademikern selten. Die Arbeitgeberverbände freut das Ergebnis - aber die Gewerkschaften sehen keinen Anlass zur Entwarnung.


Berlin - Das Hochschulinformations-System (HIS) hat 10.000 Hochschulabsolventen verschiedener Fachrichtungen des Jahres 2005 befragt und kommt zu dem Schluss: Alles nur halb so schlimm. Praktika nach dem Studium seien nicht an der Tagesordnung. Laut der Studie arbeitete jeder siebte Uni- und jeder achte Fachhochschul-Absolvent nach dem Studium als Praktikant. Geld bekamen dafür 66 Prozent der Praktikanten mit Uni- und 83 Prozent der Praktikanten mit Fachhochschulabschluss.

Demonstranten in Berlin: "Erst Praktikum, dann Job?"
DDP

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Die Arbeitgeberverbände fühlen sich durch das Ergebnis bestätigt. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagte, das oft beschriebene Horrorszenario einer "Generation Praktikum" gebe es nicht. Vielmehr handele es sich um "negative Einzelfälle". Er warnte vor gesetzlichen Regelungen, wie sie offenbar im Arbeitsministerium erwogen würden.

Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Ingrid Sehrbrock, hält die HIS-Studie hingegen "für wenig aussagekräftig". Es gebe keinen Grund zur Entwarnung bei der derzeitigen Situation von Hochschulabsolventen.

"Der Befragungszeitpunkt von einem halben bis maximal anderthalb Jahren nach Studienabschluss ist zu kurz, um Angaben über den Berufseinstieg beziehungsweise Praktika nach dem Studium machen zu können", sagte Sehrbrock. Ein ehrliches Bild ergäbe eine Befragung, die sich auf die ersten drei Jahre nach Studienende beziehe. Neben Praktika müssten zudem weitere prekäre Jobverhältnisse wie Befristungen, Werkverträge und Scheinselbstständigkeiten berücksichtigt werden. Ein Praktikum dürfte nicht länger als drei Monate dauern und müsse mit mindestens 300 Euro vergütet werden. "Wir bleiben dabei: Berufseinsteiger brauchen Schutz", sagte Sehrbrock.

Die DGB-Jugend hatte Anfang Februar ebenfalls eine Untersuchung vorgestellt, die zu einem anderen Schluss als die HIS-Befragung kommt. Laut den Untersuchungen der Hans-Böckler Stiftung steigen mehr als ein Drittel aller Hochschulabsolventen als Praktikanten ins Berufsleben ein. Die Hälfte aller Praktika ist unbezahlt und dauert knapp ein halbes Jahr. Betroffen sind vor allem Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler.

Kolja Briedis, Experte beim Hochschul-Informations-System, kritisiert, dass der Begriff "Generation Praktikum" die Situation in den einzelnen Fächern zu stark verallgemeinert. In technischen Berufen oder in den Naturwissenschaften seien Praktika nach Studienende eine Ausnahme, in den Sozialwissenschaften seien Kettenpraktika hingegen häufiger anzutreffen.

mzs/han/ddp

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