Integration durch Bildung und Arbeit Deutschland mit guten Noten - und Nachholbedarf

Migrationsforscher stellen Deutschland ein gutes Zeugnis bei der Integration von Zuwanderern aus - und machen gleichzeitig klar: In Schulen und auf dem Arbeitsmarkt bleibt noch viel zu tun.

Auszubildende bei BMW in Leipzig (Archivbild)
Getty Images

Auszubildende bei BMW in Leipzig (Archivbild)

Von


Das Zeugnis, das die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die EU am Mittwoch für Deutschland ausgestellt haben, fällt ambivalent aus. Die Wissenschaftler haben in einer neuen Studie bewertet, wie gut Zuwanderer durch Bildung und Arbeit integriert werden.

Die Forscher bescheinigen Deutschland dabei einerseits "beachtliche Fortschritte" und stellen, entgegen mancher Tendenzen in der öffentlichen Debatte, klar, dass die überwiegende Mehrheit der Zuwanderer in Deutschland gut integriert ist.

Andererseits aber weisen sie auf etliche Felder hin, in denen Integration noch nicht gelingt: in Schulen, bei der Berufsausbildung und bei der Anerkennung von Arbeitsmarktqualifikationen.

"Zusammen wachsen" - Studie zur Integration von Zuwanderern
Vom wem stammt die Studie?
Die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) und die Europäische Union (EU) haben die Untersuchung gemeinsam erstellt. Berücksichtigt wurden dabei die 36 Mitgliedsstaaten der OECD und die aktuell 28 EU-Länder.
Welche Daten wurden genutzt?
Es handelt sich um Daten, die von den Statistikbehörden der jeweiligen Länder erhoben und übermittelt wurden. Außerdem wurden eigene Erhebungen wie die Pisa-Studien zu den Schulleistungen mit einbezogen.
Sind die Ergebnisse repräsentativ?
Ja, die Datenbasis ist so groß, dass die Ergebnisse repräsentativ sind. Sie beziehen sich damit auf rund 128 Millionen Zuwanderer im OECD-Raum und 58 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte in den Ländern der EU.

Deutschland wird von den Autoren der Studie dabei zwar nicht als klassisches Einwanderungsland eingestuft, wohl aber zur Gruppe der "langjährigen Zielländer" gerechnet. Aus diesem Grund haben die Wissenschaftler in der Studie auch zwischen der ersten und zweiten Generation unterschieden.

Die wichtigsten Ergebnisse für die erste Generation der Zuwanderer:

  • Generell sind Zuwanderer in allen untersuchten Ländern häufig an den Enden der Bildungs- und Qualifikationsskala zu finden: Oft sind sie im Vergleich zu nicht Zugewanderten entweder besonders gut oder besonders schlecht ausgebildet.
  • Die in Deutschland ansässigen Zuwanderer gehören eher zur Gruppe der Geringqualifizierten, sind aber oft schon besonders lange im Land: "Der Großteil der erwachsenen Zuwanderer, fast 70 Prozent, lebt hierzulande bereits seit über zehn Jahren", schreiben die Autoren.
  • Immer mehr Zuwanderer gehen einer Beschäftigung nach, demnach ist die Arbeitslosenquote in dieser Gruppe fast zweimal stärker gesunken als unter den in Deutschland Geborenen.
  • "Zugewanderte fühlen sich Deutschland ähnlich stark verbunden wie hierzulande Geborene", heißt es im Bericht. Der Anteil der Migranten, die sich Deutschland "eng" oder "sehr eng" verbunden fühlen, liegt nur knapp drei Prozent unter dem entsprechenden Wert bei nicht Zugewanderten.

Dabei benennen die Autoren einen entscheidenden Grund dafür, wann Integration gelingen kann: "In Deutschland ist der Ursprung der Qualifikation besonders wichtig." Wer als Migrant einen deutschen Bildungsabschluss erwirbt, hat deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Weil zugleich viele ausländische Abschlüsse nicht oder nur zögerlich anerkannt werden, sind viele Zuwanderer in ihren Jobs überqualifiziert: EU-weit liegt die Zahl der hoch qualifizierten Zuwanderer, die arbeitslos oder auf einem deutlich niedrigeren Level berufstätig sind, bei 5,5 Millionen Migranten.

In Deutschland betrifft das 31 Prozent der besonders gut ausgebildeten Zuwanderer, aber nur 16 Prozent der im Inland Geborenen. Bei den zugewanderten Frauen ist die Quote mit 35 Prozent noch höher als bei den Männern (28 Prozent).

Eine große Mehrheit der Bevölkerung legt bei der Integration den Fokus gar nicht auf die formale Qualifikation, sondern viel stärker auf das Erlernen der Sprache und auf gleiche Werte. Über 55 Prozent der Deutschen halten es für "äußerst wichtig", dass Migranten die hiesigen Lebensgewohnheiten annehmen; mehr als 50 Prozent finden die Landessprache entscheidend.

Die wichtigsten Ergebnisse für in Deutschland geborene Jugendliche mit zugewanderten Eltern:

  • Die Schulleistungen der 15-jährigen Zuwanderer in zweiter Generation haben sich zwischen 2006 und 2015 erheblich verbessert. Dieser Leistungszuwachs war mehr als doppelt so groß wie bei Kindern mit im Inland geborenen Eltern.
  • Trotzdem schneiden diese Schüler etwa beim Pisa-Test besonders schlecht ab - innerhalb der EU sind nur die Werte in Frankreich noch schlechter. "Der Bildungsstand der Jugendlichen mit zugewanderten Eltern ist nach wie vor deutlich unter dem der Vergleichsgruppe", heißt es in der Auswertung.
  • Ziemlich gut steht Deutschland im internationalen Vergleich da, wenn es um die Quote der Jugendlichen geht, die sich nicht in einer Ausbildung, Beschäftigung oder Fortbildung befinden: Die liegt mit rund 10 Prozent in etwa auf dem Niveau von Kanada und der Schweiz. Negativ-Spitzenreiter ist Spanien mit einer Quote von mehr als 30 Prozent.

Ein weiterer Befund der Statistiker unterstreicht die Forderung nach einer besseren Integration: Zuwanderer der zweiten Generation nehmen seltener an Wahlen teil als die in Deutschland Geborenen ohne zugewanderte Eltern - und diese Differenz ist im internationalen Vergleich auch noch überdurchschnittlich groß.

Im Video: Wir haben es geschafft! - Gelungene Integration

SPIEGEL TV
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
aggelbagg 17.01.2019
1.
Die Zahlen machen meines Erachtens gar keinen Sinn, solange man die Zuwanderer nicht thematisch splittet. So sind Zuwanderer wie viele Polen und Rumänen selbstverständlich sehr in den Arbeitsmarkt eingebunden, weil sie deswegen kommen bzw. angeworben werden. Dasselbe gilt für hochqualifizierte Kräfte. Das in einen Topf mit anderen Zuwanderern zu werfen, finde ich unseriös und ohne hilfreiche Aussage. Auch legen meiner Erfahrung nach z.B.osteuropäische Zuwanderer selbst sehr großen Wert auf ein schnelles Erlernen der Sprache, damit auf Integration, und die Bildung ihrer Kinder. Das gilt nicht für alle Zuwanderungsgruppen. Daraus einen Durchschnitt zu bilden, ist für einen Lösungsansatz nicht hilfreich, sondern nur Rhetorik, bzw. ein Durchschnitt aus Äpfel und Birnen. Grundsätzlich denke ich, dass man sich auch mal sebst integrieren kann, statt immer integriert zu werden.
mantrid 17.01.2019
2. Wann bitte ist man hochqualifiziert?
Leider ergibt sich aus dem Text nicht, wen die Studie als hochqualifiziert ansieht. Üblicherweise sind das bei OECD-Studien ausschließlich Akademiker, also keine Handwerksmeister, Fachwirte, erst recht keine Facharbeiter. Im europäischen Bildungsrahmen sind jedoch Meister, Techniker und Fachwirte dem Bachelor gleichgestellt. Deutsche Facharbeiter sind merhjährig ausgebildete Fachkäfte, wähend es im Ausland oft angelernte Menschen solche Tätigkeiten ausüben. Deswegen sollte man solche Statistiken besser erklären.
scgtef 17.01.2019
3. Viel zu viele gering qualifizierte Zuwanderer
gibt es in D. Im Gegensatz zu Australien, Kanada, Dänemark. Da ist es kein Wunder, dass deren Kinder in einem hochtechnisierten Land wie D nicht so recht mitkommen. Gut ausgebildete Eltern kümmern sich viel besser um die Ausbildung ihrer Kinder. Das kann die Schule niemals alles schaffen. Fazit: D braucht dringend (hoch)qualifizierte Zuwanderung. (...) Wir brauchen angesichts der Überalterung in D Leute, die in die Sozialsysteme einzahlen. Die EU Freizügigkeit muss in diesem Sinne reformiert werden. (...)
claus7447 17.01.2019
4. Hochqualifiziert
Zitat von scgtefgibt es in D. Im Gegensatz zu Australien, Kanada, Dänemark. Da ist es kein Wunder, dass deren Kinder in einem hochtechnisierten Land wie D nicht so recht mitkommen. Gut ausgebildete Eltern kümmern sich viel besser um die Ausbildung ihrer Kinder. Das kann die Schule niemals alles schaffen. Fazit: D braucht dringend (hoch)qualifizierte Zuwanderung. (...) Wir brauchen angesichts der Überalterung in D Leute, die in die Sozialsysteme einzahlen. Die EU Freizügigkeit muss in diesem Sinne reformiert werden. (...)
Wo fängt das an und stimmt das? In einem Punkt sind wir sicher einig: ohne Sprachkenntnisse wird es eng. Aber danach? Mir ist ein Palästina Flüchtling mit guten deutschkenntnisse und Wille und Fähigkeit für eine handwerkerlehre genau so gerne gesehen wie der indische Programmierer. Selbst in niedrigen Ebenen, wie stapelfahrer, Lagerist ist es mir wurscht, Hauptsache er/Sie will. Und es ist verblüffend, wie viele der Asylanten die dürfen, sich rasch anpassen und ihr Geld selbst verdienen, wenn man sie lässt.
nwz86 17.01.2019
5. Äpfel und Birnen oder noch sinnloserer Vergleiche
Vergleiche wie z.B. von Ländern wie Kanada und Deutschland, anhand derer man versucht mit ein paar Kennzahlen irgendeine Entwicklung positiver oder negativer Art abzuleiten, zeigen doch, wie unwissenschaftlich diese "Studien" sind. Wieso vergleicht man ein dünn besiedeltes Einwanderungsland mit einem dicht besiedelten europäischen Kernland? Mit unterschiedlicher Historie, unterschiedlichen Gesellschafts- und Sozialsystemen und unterschiedlicher Einwandererklientel. Und dann erhebt man so Daten wie "Anteil Wähler in der 2. Generation". So ein Vergleich macht doch keinen Sinn. Überhaupt erwecken diese Studien den Eindruck, Migration sei grundsätzlich positiv zu bewerten und je mehr Migration und Integration, desto besser, eine Einschätzung die man doch stark anzweifeln kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.