Interview zum Akademiker-Arbeitsmarkt "Fachkompetenz allein reicht nicht"

Rund 250.000 Akademiker waren Ende September in Deutschland arbeitslos. Trotzdem haben Hochschulabsolventen recht gute Berufschancen, wie eine Untersuchung des Hochschul-Informations-Systems bestätigt. HIS-Forscherin Hildegard Schäper plädiert für neue Studienformen - denn der "Nürnberger Trichter" bringt's nicht.


Studenten-Angst: Nach dem Examen zum Arbeitsamt
DDP

Studenten-Angst: Nach dem Examen zum Arbeitsamt

Frage:

Die Quote arbeitsloser Akademiker lag im vergangenen Jahr mit 4,6 Prozent deutlich unter der allgemeinen Arbeitslosenquote von 10,6 Prozent. Sie sind Mitautorin der Studie, bei der HIS Hochschulabsolventen befragt hat, die ihren Abschluss etwa fünf Jahre hinter sich liegen haben. Wie viele davon standen denn in einem festen Beschäftigungsverhältnis?

Hildegard Schäper: Fünf oder fünfeinhalb Jahre nach Hochschulabschluss sind insgesamt ungefähr 90 Prozent der befragten Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen regulär erwerbstätig. Das ist natürlich etwas unterschiedlich je nach Fach. Traditionell haben Absolventinnen und Absolventen der Geisteswissenschaften etwas größere Schwierigkeiten, in den Arbeitsmarkt hineinzukommen. Und natürlich gibt es auch Unterschiede zwischen den Fächern, die konjunkturbedingt sind. Derzeit haben die baubezogenen Studiengänge wie Architektur oder Bauingenieurwesen größere Probleme. Aber insgesamt sagen auch alle Zahlen, dass im Vergleich zu anderen Qualifikationsgruppen Akademikerinnen und Akademiker vergleichsweise gute Chancen haben.

Frage: Sie haben sich bei Ihrer Befragung ja speziell auf die Kompetenzen der Absolventen und auf die Anforderungen der Arbeitgeber konzentriert. Was müssen Absolventen im Jahr 2004 mitbringen, um beruflich Erfolg zu haben?

Grafik: Akademiker und Arbeitsmarkt
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Akademiker und Arbeitsmarkt

Schäper: Zwei grobe Antworten. Die erste: Ohne Fachkompetenzen geht es selbstverständlich nicht, das müssen alle Hochschulabsolventinnen und Absolventen mitbringen. Es lässt sich aber auch eine etwas andere Aussage dazu formulieren: So bedeutsam diese Fachkompetenzen auch sind, um die beruflichen Anforderungen zu bewältigen - sie genügen nicht, professionelle Handlungsfähigkeit herzustellen. Das heißt, hinzu kommt etwas, was wir als Schlüsselfähigkeit bezeichnen: Fähigkeiten, Wissen, auch allgemeine Einstellungen, die nötig und in verschiedenen Bereichen anwendbar sind, um komplexe Probleme lösen zu können. Ein Mediziner muss sicherlich die Anatomie des Körpers beherrschen, ein Ingenieur muss vielleicht wissen, wie man eine Maschine konstruiert. Aber beide müssen kommunizieren können.

Frage: Verfügen die Absolventen über eben diese Schlüsselkompetenzen?

Schäper: Insgesamt kann man sagen, dass in einigen Bereichen da doch ein erheblicher Nachholbedarf besteht. Das betrifft gerade soziale Kompetenzen, so etwas wie Organisationsfähigkeit und die flexible Einstellung auf andere Gegebenheiten.

Frage: Haben Sie Unterschiede zwischen den Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen festgestellt?

Schäper: Ja, wir haben insgesamt festgestellt, dass Absolventen universitärer Studiengänge sich besser auf den Beruf vorbereitet fühlen als Absolventen von Fachhochschulen.

Frage: Im Job unterzukommen ist das eine. Haben Sie in Ihrer Studie auch danach gefragt, wie zufrieden die Absolventen mit ihrem Arbeitsplatz sind und ob sie tatsächlich in einer Tätigkeit untergekommen sind, die ihrem Studium entspricht?

Grafik: Absolventen auf Stellensuche
Deutscher Instituts-Verlag

Grafik: Absolventen auf Stellensuche

Schäper: Ja, das haben wir auch getan. Da ist das generelle Ergebnis, dass inadäquate Beschäftigung äußerst selten ist. Die meisten Hochschulabsolventinnen und -absolventen üben eine Berufstätigkeit aus, die ihrer Qualifikation entsprechend ist. Auch da gibt es wie beim Unterkommen im Arbeitsmarkt einige fachrichtungsspezifische Unterschiede, die zum Teil auch mit wirtschaftlichen Konjunkturen zusammenhängen. Hinsichtlich der Arbeitsinhalte lässt sich ein hohes Niveau an Zufriedenheit feststellen. Hinsichtlich der Beschäftigungssicherheit zum Beispiel, der Weiterbildungsmöglichkeiten oder auch Aufstiegsmöglichkeiten sehen die Absolventinnen und Absolventen ihre Berufstätigkeit schon deutlich negativer.

Frage: Welche Konsequenzen lassen sich aus der Studie ziehen? Was muss sich an den Hochschulen Ihrer Ansicht nach verändern?

Schäper: Ich denke, der Dreh- und Angelpunkt sind die die Studienformen. Meistens wird derzeit noch traditionell nach dem Verfahren des Nürnberger Trichters verfahren, also oben viel rein, kommt unten schon was Passendes raus. Ich denke, dieses Modell des Lernens, Lehrens und Studierens ist immer schon überholt gewesen. Wir brauchen Lehr- und Lernformen, die aktivierend sind, die Selbständigkeit und Autonomie fördern und die Wissen nicht kontextlos und isoliert vermitteln, sondern immer in einem Zusammenhang. Bei solchen Formen handelt es sich um projektorientierte Studienformen. Wir haben in unserer Studie auch herausarbeiten können, dass solche Formen gleichzeitig ein hohes Niveau an fachlichen Kompetenzen fördern und an Schlüsselkompetenzen.

Interview: "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk




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