IT-Arbeitsmarkt Die Computerbranche stellt wieder ein

Rund 100.000 Jobs gingen der IT-Branche in den letzten drei Jahren verloren. Jetzt sprechen Experten von einer Wende: Unternehmen melden mehr offene Stellen, die Arbeitslosenzahlen gehen leicht zurück. Auch Raico Ebel hat wieder Fuß gefasst - nach drei harten Jahren hat er endlich eine feste Stelle.

Von Peter Ilg


Das Jahr 2000 wird die Computerbranche so schnell nicht vergessen: Für die Silvesternacht hatten Experten das Chaos durch abstürzende Computer in Wirtschaft und Verwaltung prophezeit, weil in vielen Softwareprogrammen aus Kostengründen nur sechs- statt achtstellige Datumsfelder angelegt wurden. Krisenstäbe wurden gebildet und Hamsterkäufe getätigt, allenthalben grassierte Panik, dass ein Massencrash der Computer die halbe Welt stillstehen lassen würde.

Milleniums-Panik: Umstellung fast folgenlos
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Tatsächlich geschah fast nichts. Aber auch der vermeintlich gefährliche Jahrtausend-Bazillus trug zum Boom der IT-Branche bei. Die Aktien kleiner Internetklitschen schossen nach oben, zur Jahresmitte 2000 erreichte die IT-Branche den Gipfel ihres Höhenfluges - und bereits zum Jahresende zeichnete sich der freie Fall ab.

75.000 neue Arbeitsplätze hatte die Computerindustrie im Jahr 2000 geschaffen, die Beschäftigung wuchs um 10,1 Prozent auf 820.000 Stellen. Ein Jahr später lag der Zuwachs nur noch bei zwei Prozent. In der Folgezeit wurden jährlich im zweistelligen Prozentbereich Stellen abgebaut. 100.000 Jobs sind in den vergangenen drei Jahren verschwunden. Jetzt scheint der Stellenschwund beendet.

"Auch in diesem Jahr wurden noch Stellen abgebaut, allerdings überwiegend in der ersten Jahreshälfte", verkündet Axel Pols, Chefvolkswirt beim Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) in Berlin. Sein Kollege Stefan Pfisterer, Bereichsleiter Bildung und Personal, geht davon aus, dass im kommenden Jahr bis zu 10.000 neue Stellen in der Branche geschaffen werden. "Die neuen Stellen entstehen beispielsweise im Sicherheitsbereich", weil hier die Nachfrage anziehe, so Pfisterer.

Strapaziöse Stellensuche

Dirk Fox, Geschäftsführer von Secorvo, eines Beratungshauses für IT-Sicherheit, hat vor kurzem zwei Security Consultants eingestellt, eine weitere beginnt Mitte November. "Die Dame erzählte, es sei ihre erste Bewerbung gewesen, die sie losgeschickt hatte, und gleich habe es geklappt", erzählt Fox. Ihr Diplom-Zeugnis sei überdurchschnittlich gut gewesen, zudem habe sie sich privat im IT-Bereich engagiert und sich so weiter für den Job qualifiziert.

Hat wieder Arbeit: Raico Ebel

Hat wieder Arbeit: Raico Ebel

Raico Ebel hatte es da schon wesentlich schwerer, eine Stelle zu finden. "Ich war drei Jahre arbeitslos", erzählt der 40-jährige. Der gebürtige Hamburger ist ein Seiteneinsteiger in der Branche. Als gelernter Bürokaufmann mit starker Neigung zur IT hat er sich, angesteckt vom Internet-Hype Ende der neunziger Jahre, als Web-Designer selbständig gemacht. "Irgendwann blieben die Aufträge aus", blickt er zurück. Ebel wurde vom Freiberufler zum Angestellten, die Aufgabe blieb dieselbe. Aber auch da ging es nicht lange gut: "Nach knapp zwei Jahren musste ich gehen."

Ein Jahr lang versuchte Ebel vergeblich in Hamburg einen Job als Web-Designer zu finden. Dann zog er nach Berlin, in der Hoffnung, dort erfolgreicher zu sein - vergebens. Zurück in Hamburg weitete Ebel den Suchradius stark aus, und so verschlug es ihn zum IT-Dienstleister TDS nach Heilbronn. "Eingefädelt hat die ganze Sache mein Bruder, der in derselben Abteilung arbeitet wie ich", erzählt er. Seit dem 1. Oktober ist Raico Ebel Systemadministrator bei TDS und für die Datensicherung zuständig.

Für Leute wie Web-Designer, die sich um Handling und Optik kümmern, sei es momentan besonders schwer, eine Stelle zu finden, weiß Bernhard Hohn, Experte für IT-Berufe bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit in Bonn. "Zurzeit sind die Betriebe einfach nicht bereit, dafür Geld auszugeben", so Hohn.

"Der Investitionsstau musste sich mal auflösen"

Aber er hat auch eine gute Nachricht: Zum ersten Mal seit Jahren seien die Arbeitslosenzahlen von Computerspezialisten zurückgegangen. Im September 2004 waren 6329 Computerexperten arbeitslos gemeldet und damit im Vergleich zum Vorjahresmonat genau 97 weniger. Auf den ersten Blick wirke das zwar unbedeutend. Doch wenn man beachte, dass in den Monaten und Jahren zuvor die Arbeitslosenzahlen im zweistelligen Prozentbereich zulegten, "kann man jetzt von einer Wende sprechen", sagt Hohn.

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Bislang ist die Arbeitslosigkeit unter Informatikern im Jahresverlauf um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Bereits seit Jahresbeginn verzeichnet Hohn eine leichte Zunahme an offenen Stellen, die Unternehmen der Arbeitsagentur melden. Im September waren es 676. Auch bei den Einkommen in der IT-Branche gibt es einen leichten Aufwärtstrend, wie ein Gehaltsreport bei SPIEGEL ONLINE kürzlich zeigte.

"Der Investitionsstau musste sich mal auflösen", begründet Hohn die Wende am Arbeitsmarkt. Auf Dauer könnten eben Unternehmen nicht mit alten Systemen arbeiten, weil der Unterhaltungsaufwand die Anschaffungskosten neuer Rechner übersteige. Mit den Investitionen entstünden Arbeitsplätze. Hohns Prognose: Wenn man alle Entwicklungen zusammennehme, könne man davon ausgehen, dass sich "der Arbeitsmarkt für Computerspezialisten in den nächsten Jahren positiv entwickeln wird".



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