Jagd auf Doktormacher "Nur eitle Tröpfe bezahlen Berater"

Bei Titelhandel gerät er in Rage: Seit mehr als 20 Jahren macht Manuel René Theisen Jagd auf geschäftstüchtige Kollegen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Münchner Wirtschaftsprofessor über das "Trio infernale" aus Promotionsberatern, Doktoranden und bestechlichen Doktorvätern.


SPIEGEL ONLINE: Ein Juraprofessor aus Hannover ist in Haft, gegen drei weitere wird im Zusammenhang mit dem Prozess gegen die Geschäftsführung des "Instituts für Wissenschaftsberatung" aus Bergisch Gladbach ermittelt. Rechnen Sie mit weiteren Fällen?

Manuel R. Theisen: Es werden noch ein paar Dutzend weitere Fälle dabei herauskommen. Der ehemalige Geschäftsführer des "Instituts für Wissenschaftsberatung", Frank Grätz, hat stets damit geworben, dass er mit 40 Fakultäten bei Promotionen zusammenarbeite. Selbst wenn der inhaftierte Professor aus Hannover das Rückgrat der Geschäfte des Instituts gewesen sein sollte, denke ich, dass noch mehr Professoren beteiligt waren. Derzeit geht es noch nur um Jura. Dieses "Institut" hat aber noch einige andere Wissenschaftsdisziplinen im Angebot, darunter Tiermedizin, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften.

SPIEGEL ONLINE: Muss es dabei stets unseriös oder illegal zugehen? Es kann doch wirklich schwer sein, den richtigen Doktorvater zu finden - vor allem wenn man nicht gut vernetzt oder schon eine Weile von der Uni weg ist.

Theisen: Das ist eine gängige Begründung der Promotionsberater in ihren Werbeschriften. Hier stimmt allerdings die Ausgangsthese nicht: Es gibt keine akademisch Interessierten, denen mitten im Berufsleben ein Karriereknick droht und die dann mal eben promovieren möchten. Ein ernsthafter Kandidat braucht niemanden, der ihn an die Hand nimmt. Promotionsberater sind etwas für eitle Tröpfe, die schon einen Karriereweg gegangen sind und merken: Hoppla, über mir sitzen nur die Promovierten, ich komme hier nicht weiter. Oder es ist schlichte Eitelkeit, gemischt mit Ahnungslosigkeit und dem Wunsch nach einem schmückenden Titel. Das ist die Kundschaft der Promotionsberater.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß schätzen Sie die Zahl der unlauteren Promotionsberater in Deutschland?

Einer von vielen? Diesen Jura-Professor verurteilte ein Gericht zu drei Jahren Haft wegen Bestechlichkeit
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Theisen: Es ist ein gutes Dutzend schön länger auf dem Markt. Die Granden finden sich schon im Buch "Die Doktormacher" von 1995. An der dortigen Auflistung hat sich nicht sehr viel geändert.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie, wie hoch der Anteil der "faulen" Promotionen in Deutschland ist, bei denen Bestechung im Spiel sein könnte?

Theisen: Wir haben jährlich 30.000 Promotionen in Deutschland. Setzt man zwei Prozent an, kommt man bereits auf die eindrucksvolle Zahl von 600 unrechtmäßig Promovierten.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sicher, dass Sie sich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen?

Theisen: Ja. Es wird sehr viel Werbung für die Dienstleistung Promotionsberatung gemacht, allein das "Institut für Wissenschaftsberatung" der aktuell angeklagten Geschäftsführer ist seit mehr als 20 Jahren aktiv. Außerdem gab es kürzlich die Durchsuchung der Büroräume. Und ich weiß von Professorenkollegen, die in den achtziger und neunziger Jahren von Doktor Grätz angeschrieben wurden, eine Zusammenarbeit mit ihm allerdings abgelehnt haben.

SPIEGEL ONLINE: Trifft alle, die fünfstellige Eurobeträge an einen Promotionsberater zahlen, eine Mitschuld?

Theisen: Es handelt sich meist um ein Trio infernale, bestehend aus dem Doktorvater, dem Berater und dem Doktoranden. Diese drei verstricken sich beim Kauf eines Doktortitels in strafrechtlich relevante Handlungen. Es können sogar steuerrechtliche Ermittlungen folgen, wenn außer den Beraterhonoraren auch noch Schwarzgeld geflossen ist. Ich sage es mal so: Die Kiste ist erst einen Spalt breit offen.

SPIEGEL ONLINE: Die ausländischen Titelmühlen, also Pseudo-Universitäten, die Titel gegen Geld vergeben, sind mittlerweile hinlänglich bekannt. Hat das die Situation verbessert?

Theisen: Gehen Sie mal mit offenen Augen durch die Stadt, da sehen Sie viele Türschilder mit Dr. Univ. Cayman und dergleichen. Und seit die EU 27 Mitgliedstaaten hat, ist die Szene in den Binnenmarkt gerückt. Fragwürdige Titel lassen sich leicht in deutsche Titel umwandeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie führen seit geraumer Zeit eine Art Feldzug gegen Promotionsberater. Wie bewerten Sie die aktuellen Verfahren?

Theisen: Sie sind eine späte Genugtuung. Ich weise seit bald 25 Jahren auf das "Institut für Wissenschaftsberatung" hin.

SPIEGEL ONLINE: Kämpfen Sie da einen einsamen Kampf?

Theisen: Nein, ich empfinde die Unterstützung durch die Wissenschaftskollegen als groß, da besteht ein breiter Konsens. Und wenn man sich nachhaltig um korrektes wissenschaftliches Arbeiten bemüht, gehören die Schattenseiten einfach dazu.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen Lehrstuhl in BWL. Wie viele Promotionen schaffen Sie pro Jahr?

Theisen: An der Fakultät sind es 50, bei mir etwa drei jährlich. Das ist sehr viel Arbeit für die Studenten, sie sitzen oft zwei oder gar drei Jahre an ihrer Promotion. Ich bleibe dabei: Ein echter Promotionskandidat weiß, wo er hin soll. Es gibt in der technischen Forschung Fälle, bei denen es am Geld oder an einem passenden Arbeitsplatz fehlt. Aber da hilft einem ein Promotionsberater auch nicht weiter.

Das Interview führte Christoph Titz

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