Jobkrise in den USA Vom Bachelor zum Briefträger

Die Studiengebühren in den USA steigen rasant - und damit auch die Schulden der Uni-Absolventen. Auf die meisten warten derzeit aber nur Jobs in Sekretariaten oder Kneipen, jeder achte US-Briefträger ist inzwischen ein Bachelor. Für sie wird die teure Ausbildung zum Verlustgeschäft.

US Postal Service: Wenn der Absolvent dreimal klingelt
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US Postal Service: Wenn der Absolvent dreimal klingelt


US-Präsident Barack Obama glaubt noch fest an die Bedeutung einer Hochschulausbildung. "In den nächsten zehn Jahren werden beinahe alle neuen Jobs mehr als einen Schulabschluss verlangen", sagte er Ende Januar in seiner Rede zur Lage der Nation. Sein ehrgeiziges Ziel: Bis zum Jahr 2020 soll Amerika wieder weltweit den höchsten Prozentsatz an Uni-Absolventen haben.

Obamas Wunsch könnte in Erfüllung gehen. Nach Angaben des Arbeitsministeriums aus dem Jahr 2009 entscheiden sich in Amerika bereits heute mehr als 70 Prozent der Highschool-Abgänger für ein Studium. Die Tendenz ist seit Jahren steigend. Doch was der Präsident verschweigt: Der Uni-Abschluss ist in den USA längst nicht mehr die Garantie für Wohlstand. Denn wer lernen will, muss zahlen - und wird oft nicht einmal für die Investition belohnt.

Die Studienkosten sind aus deutscher Sicht immens. An einer privaten Uni betragen sie mehr als 27.000 Dollar (fast 19.000 Euro) pro Jahr - und selbst am öffentlichen College sind es 7600 Dollar jährlich. Und sie steigen weiter, 2010 um durchschnittlich 4,5 Prozent an privaten und acht Prozent an öffentlichen Unis. Besonders teuer sind begehrte Studiengänge wie Jura, selbst an einer mittelmäßigen Law School sind bis zu 43.000 Dollar im Jahr fällig.

Gebühren rauf, Schulden rauf - doch die Qualität bleibt gleich

Mit den steigenden Gebühren steigt auch die Verschuldung der Absolventen. Was dagegen nicht steigt, sei die Qualität der Ausbildung, kritisieren Experten. Erst kürzlich sorgten die Soziologen Richard Arum und Josipa Roska mit einem Forschungsergebnis für Aufsehen, nach dem Studenten in den USA heute deutlich weniger Zeit für ihr Studium aufwenden als noch vor einigen Jahren - und somit nicht genug lernen.

Dennoch gilt ein Studium gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise immer noch als der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit. Mit 4,8 Prozent liegt die Quote der Universitätsabsolventen in den Vereinigten Staaten deutlich unter dem nationalen Durchschnitt von 9,4 Prozent. In Deutschland ist das so ähnlich, hierzulande liegt die Akademikerarbeitslosigkeit seit Jahren konstant bei drei Prozent. Doch hier wie dort gilt auch: Viele Akademiker ergreifen Berufe, für die sie überqualifiziert sind.

"Heute haben zum Beispiel zwölf Prozent unserer Postboten einen Bachelor. In den siebziger Jahren dagegen waren es nur drei Prozent", sagt Wirtschaftsprofessor Richard Vedder von der Universität in Ohio und ergänzt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ausliefern der Post heute so viel komplizierter geworden ist als noch vor 40 Jahren."

Wenn schon Kellner, dann vorher wenigstens Spaß haben

Postboten sind nur ein Beispiel. Laut Vedder haben momentan 17 Millionen Akademiker Jobs, für die eigentlich kein Studium notwendig wäre. Etwa 13 Prozent der Kellner haben studiert, ebenso fast 17 Prozent in Vorzimmern und Sekretariaten und acht Prozent der Elektriker.

Damit steigen auch die Erwartungen der Arbeitgeber: "Sie verlangen nun häufig akademische Abschlüsse für Berufe, bei denen ein Studium wirklich nicht notwendig ist", sagt Christopher Matgouranis vom Center for College Affordability and Productivity, einer Organisation, die sich mit den Studienbedingungen beschäftigt.

Die Jura-Studentin Rebecca Johnson, 21, aus Michigan, ist trotzdem optimistisch, dass sie eines Tages als Richterin arbeiten wird: "Mir ist klar, dass mir mein Traumjob nicht in den Schoß fallen wird. Aber mit harter Arbeit und den richtigen Kontakten werde ich es schon eines Tages schaffen."

Etwas fatalistischer sieht es der Politikstudent Robert Gilbert, 20. Studieren sei schon richtig, besonders weil Studieren mehr Spaß bringt als Arbeiten. "Ich verbringe lieber vier Jahre an der Uni und habe eine tolle Zeit, um danach erstmal als Kellner zu arbeiten, als dass ich direkt nach der Highschool einsteige", sagt Gilbert, der an der Bradley University in Illinois studiert. Und er ist überzeugt: Irgendwann wird sich der Arbeitsmarkt entspannen.

Sonja Salzburger, dpa/cht



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insgesamt 132 Beiträge
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juergenpf 26.03.2011
1. Ähnliches Problem wie bei uns
Na ja, ein Bildungssystem das überwiegend nur noch Juristen, BWLer, Politologen, Soziologen, ... andere ...logen produziert sollte sich nicht wundern, wenn die Wirtschaft keine Verwendung dafür hat. Die Jobs gehen nach Indien, China etc. Deren Bildungssysteme fokussieren stärker darauf, die MINT Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu pushen. So ist das halt mit Investitionen: mit der Gieskanne und ohne Steuerung fördert man das Unkraut genauso wie die Nutzpflanze.
burninghands, 26.03.2011
2. Das ist eine weitere Finanzblase, die die Banken in den USA
zu verantworten haben. Es geht nicht um die Titel oder um Chancen auf dem Arbeitsmarkt, es geht darum, jungen Menschen und ihren Eltern vorzugaukeln, sie würden in ihre Zukunft investieren, während sie sich in Wahrheit nur verschulden. Nicht umsonst werden die entsprechenden Kredite - im Gegensatz zu Verbraucher- und Immokrediten - bei einer persönlichen Bankrotterklärung nicht annulliert. Der "burger flipper with ph.d." ist bei unabhängigen Finanzanalysten wie Karl Denninger http://market-ticker.org/ oder Mish Shedlock http://globaleconomicanalysis.blogspot.com schon lange ein geflügeltes Wort. So wie die Immokredite wurden und werden auch die Studienkredite von den Banken verpackt, in Tranchen geschnitten und weiterverkauft. Dazu ganz passend gehört die Bildung, zusammen mit Lebensmittel und Energie, zu den Kostenfaktoren, die aus der Kerninflationsrate ausgeklammert sind. Womit klar ist, welchen Aussagewert diese Statistik hat (anhand derer Renten, Sozialhilfe etc. berechnet werden...) - keine.
Andreas Rolfes 26.03.2011
3. sind unwichtig
Zitat von juergenpfNa ja, ein Bildungssystem das überwiegend nur noch Juristen, BWLer, Politologen, Soziologen, ... andere ...logen produziert sollte sich nicht wundern, wenn die Wirtschaft keine Verwendung dafür hat. Die Jobs gehen nach Indien, China etc. Deren Bildungssysteme fokussieren stärker darauf, die MINT Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu pushen. So ist das halt mit Investitionen: mit der Gieskanne und ohne Steuerung fördert man das Unkraut genauso wie die Nutzpflanze.
Als angehender Politikwissenschaftler frage ich mich natürlich, woher diese Fixierung auf die MINT-Fächer kommt. Möchte da einfach nur wer die Einstiegsgehälter auf das Niveau von Historikern drücken? Oder ist tatsächlich der Bedarf da? (An einem Industriestandort, der seine Industrie weder mit Strom aus Kernenergie, Kohle noch Gas versorgen will.) Aber natürlich sind Juristen, BWL und besonders alle X-logen unwichtig. Weil Techniker so viel Ahnung von Gesetzen, Wirtschaft und sonstigen gesellschaftlichen Zusammenhängen haben. Ausdifferenzierung und Arbeitsteilung braucht der gebildete MINT-Absolvent natürlich nicht.
xtraa, 26.03.2011
4. Selbst schuld...
... wenn wir die Unis zum outgesourceten Trainee-Programm der Wirtschaft verkommen lassen und dafür auch noch Geld bezahlen, anstatt was zu bekommen =) So eine dämliche Bevölkerung muss man sich erst mal heranzüchten, das ist schon eine Leistung. Und ich rede nicht von den USA, sondern auch und vor allem Deutschland.
fritzyoski, 26.03.2011
5. Duennbrettbohrer
Zitat von Andreas RolfesAls angehender Politikwissenschaftler frage ich mich natürlich, woher diese Fixierung auf die MINT-Fächer kommt. Möchte da einfach nur wer die Einstiegsgehälter auf das Niveau von Historikern drücken? Oder ist tatsächlich der Bedarf da? (An einem Industriestandort, der seine Industrie weder mit Strom aus Kernenergie, Kohle noch Gas versorgen will.) Aber natürlich sind Juristen, BWL und besonders alle X-logen unwichtig. Weil Techniker so viel Ahnung von Gesetzen, Wirtschaft und sonstigen gesellschaftlichen Zusammenhängen haben. Ausdifferenzierung und Arbeitsteilung braucht der gebildete MINT-Absolvent natürlich nicht.
Natuerlich brauchen wir Duennbrettbohrer die sich Gedanken ueber den Kruemmungswinkel von Bananen machen. Oder mehr Juristen die Verordnungen erlassen um die Wirstschaft auszubremsen. Ja, Politikwissenschaftler auch gaaanz wichtig! Warum nicht gleich Einkaufen und Schminken studieren?
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