Joblexikon "Praktikum"

Ein Praktikant darf Fehler machen, schließlich hat er noch kaum Berufserfahrung. Er sollte allerdings nicht über Routinearbeiten murren, sie werden häufig von Chefs vergeben, um den Praktikanten zu testen. Wer sich dafür zu schade ist, ist schnell unten durch.


Das Wort bedeutet eigentlich "Übungsstunde zur praktischen Anwendung des Erlernten, Zeit der praktischen Berufsausbildung" . Heute ist der Zusammenhang zwischen Ausbildung und Praktikum jedoch längst nicht mehr so eng umrissen: Man kann durchaus auch Praktika in Berufen machen, die wenig oder nichts mit dem ursprünglich Erlernten zu tun haben. Vorausgesetzt jedenfalls, man findet einen Arbeitgeber, der sich an mangelndem theoretischen Wissen nicht stört.

Praktikum als Kompromiss. Ein Praktikum bringt beiden Seiten sowohl Vorteile als auch Nachteile. Da aber die Vorteile letztlich überwiegen, werden Praktikantenstellen immer wieder gerne ausgeschrieben und immer wieder gerne angenommen.

Der Arbeitgeber muss damit leben, dass die meisten Praktikanten kaum Berufserfahrung mitbringen, eine ganze Reihe falscher Vorstellungen vom Arbeitsleben haben und entsprechend viele Fehler machen. Andererseits bieten Praktikanten ihm den unübersehbaren Vorteil, dass er für wenig Geld oft hoch motivierte Mitarbeiter zur Verfügung hat. Die selbst noch so öde Routinearbeiten ohne Murren erledigen und gleichzeitig aus dem Stand zu Hochform auflaufen können, wenn sie die Chance bekommen, durch die Erledigung eines komplizierteren Arbeitsauftrags mal zu zeigen, was sie können.

Der Praktikant muss damit leben, dass er für wenig Geld möglicherweise monatelang nicht mehr machen darf als Kaffee kochen und Kopierarbeiten erledigen. Oder aber so viel Arbeit auf den Tisch bekommt, dass man durchaus von Ausbeutung sprechen kann und es auch keinen Trost mehr bringt, dass einige der Aufgaben ziemlich anspruchsvoll sind. Andererseits sind Praktika heutzutage von unschätzbarem Wert. Denn nur mit ihrer Hilfe kann man nachweisen, dass man selbst als Berufsanfänger schon Arbeitserfahrung hat und sein Fachgebiet nicht nur theoretisch beherrscht. Solche Ausbildungsabsolventen gelten nämlich als völlig ahnungslos und haben deshalb größte Mühe, ihr Wissen auf Anhieb an einem regulären Arbeitsplatz durch praktische Erfahrungen zu untermauern.

Faustregeln für Praktika. Rechtliche Grundlagen gibt es nicht allzu viele. Aber dafür ein paar gute Tipps:

Die Dauer des Praktikums sollte nicht zu knapp bemessen sein. Alles, was kürzer ist als drei Monate, bringt nicht viel: Dieser Zeitraum reicht nicht aus, um komplizierte Sachverhalte zu begreifen und vielschichtige Fähigkeiten zu erlernen. So sehen das jedenfalls zukünftige Arbeitgeber und lassen sich deshalb von kurzen Praktika nicht allzu sehr beeindrucken.

Ein vernünftiges Zeugnis muss her. In größeren Unternehmen mit vielen Praktikanten wird gerne nur ein einfaches Zeugnis ausgestellt. Das ist bequemer, weil darin nur die Tätigkeiten aufgelistet sind; eine Leistungsbeurteilung fehlt. Genau die macht jedoch das Zeugnis erst interessant. Wer clever ist, bearbeitet also seinen Praktikumschef so lange, bis der ein qualifiziertes Zeugnis schreibt. Auf die innere Einstellung kommt es an. Praktikantenjobs haben nun mal den Nachteil, viele lästige, langweilige Routinearbeiten mit sich zu bringen. Die bekommen die Praktikanten aber in den meisten Fällen nicht aus reiner Bösartigkeit aufs Auge gedrückt. Sondern deshalb, weil sie als Anfänger mit komplizierteren Aufgaben am Anfang oft überfordert sind - und weil die Chefs erst mal sehen wollen, wie ein Praktikant "sich so macht".

Es macht sich ausgesprochen schlecht, wer von Anfang an nur naserümpfend an Kopierer und Kaffeemaschine zugange ist und ansonsten unter Verweis auf hervorragende Abschlusszeugnisse lautstark schwierige Großprojekte für sich einfordert. Dieses Ziel lässt sich viel einfacher erreichen: Indem man nämlich selbst die größten Routinejobs noch freundlich und zuverlässig erledigt und genau dadurch so viel Vertrauen aufbaut, dass die anspruchsvolleren Aufgaben von ganz alleine folgen.


Auszüge aus dem Buch von Susanne Reinker:

Eintrag "Alkohol": Vorsicht mit "Château Migraine"
Eintrag "Duzen": "Sie Trottel!"
Eintrag "Sekretärinnen": Das Ohr des Chefs
Interview mit Susanne Reinker




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