Junge Akademiker Mach doch, was du willst

Noch Monate nach dem Examen sind viele Absolventen ratlos: Was soll bloß aus mir werden? Manche finden ihren Traumjob schnell, andere lassen sich treiben und beginnen erst allmählich, nach ihren eigenen Vorstellungen zu fahnden - Sabrina, Nicola und Mirko erzählen.

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Irgendwann kam die Frage immer häufiger. "Und, was machst Du danach?", wollten Freunde und Verwandte wissen. Sabrina Schäfers hatte keine Antwort. Sie wusste selbst nicht, was sie nach ihrem Lehramtsstudium mit den Fächern Sport und Bio machen wollte - ein Referendariat anfangen, reisen, jobben? "Ich bin dann erstmal nach Amerika", sagt sie. Dort besuchte sie Freunde, hoffte aber insgeheim, dass sie in den USA bleiben könnte. Vielleicht würde sich eine Gelegenheit zum Arbeiten ergeben. Oder zumindest eine Idee, wie es weitergeht.

Sabrina blieb drei Wochen. Dann stieg die 26-Jährige wieder ins Flugzeug, zurück nach Köln, zurück zu ihrem Studienort. Es hatte sich keine Gelegenheit ergeben. Eine Idee hatte sie auch nicht.

Jetzt sitzt sie in einem Kölner Straßencafé und trinkt Kräuterlimonade aus der Flasche. Sie hat viel nachgedacht in den letzten Monaten, entweder zu Hause in der Wohnung oder hier im Café. Ihre letzte Prüfung liegt inzwischen acht Monate zurück. Vor allem nach der einjährigen Examenphase konnte sie mit der zurückgewonnenen Freiheit wenig anfangen. Und erst allmählich wurde ihr bewusst: "Keiner wird kommen und mir einen Job anbieten. So langsam müsste ich mal an den Punkt kommen, an dem ich weiß, was ich möchte."

Ein Rendezvous mit der Ungewissheit

An den perfekten Traumberuf glaubt Sabrina schon lange nicht mehr. Sie hat sich erst einmal dazu entschlossen, mehrere Dinge auszuprobieren. Im Sommer jobbt sie als Rettungsschwimmerin auf einer Nordseeinsel, nach den Ferien unterrichtet sie als Referendarin in einer Grundschule im Rhein-Sieg-Kreis. "Sachkunde, Sport, Englisch oder Musik. Die Stundenzahl kann ich mir aussuchen." Gleichzeitig bewirbt sie sich um einen Studienplatz in Zahnmedizin, das wollte sie schon als Mädchen. Für das Zweitstudium würde sie sich sogar Geld von der Bank leihen, mindestens 50.000 Euro, schätzt sie. "Das kann ich schnell zurückzahlen, ich verdiene dann ja gut." Ein paar Jahre will sie als Zahnärztin arbeiten - "aber eben nicht mein ganzes Leben lang."

Deutscher Studienpreis
Für SPIEGEL ONLINE und die Hamburger Körber-Stiftung spüren junge Journalisten der Henri-Nannen-Schule Trends in der Berufswelt nach. "Mittelpunkt Mensch" lautet das aktuelle Motto des Deutschen Studienpreises der Körber-Stiftung, "Hauptsache Arbeit" das Rahmenthema. Gesucht: Leitbilder und Ideen für die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben.

Bis zum 1. Oktober 2006 können beim Wettbewerb alle mitmachen, die nicht älter als 30 Jahre sind und studieren, lehren oder forschen. Den Gewinnern winken Preise im Gesamtwert von 100.000 Euro.

Sabrina Schäfers will sich nicht festlegen, oder sie kann es nicht. Jedenfalls hat sie sich mit der Ungewissheit nach der Uni arrangiert, auf ihre Weise. Das geht vielen Uni-Absolventen so. Nur die Hälfte von ihnen findet in den ersten zwölf Monaten nach dem Examen einen Beruf, die andere Hälfte ist entweder noch auf der Suche, jobbt, reist, schreibt sich ein zweites Mal an der Uni ein oder meldet sich arbeitslos.

Auch Nicola Lange aus Hamburg weiß noch nicht genau, was sie nach dem Studium in Germanistik und Musikwissenschaften machen soll. Wie Sabrina hat die 27-jährige Hamburgerin aber ein paar Ideen: Journalistin, Deutschlehrerin in Lateinamerika, Dozentin an der University of Honolulu auf Hawaii. "Ich könnte mir auch vorstellen, einen Kitschroman zu schreiben oder ein Kinderbuch. Irgendwie muss die Knete ja rankommen." Ihre Magisterarbeit in Germanistik hat sie inzwischen abgegeben, es stehen noch zwei mündliche Prüfungen an, dann ist sie fertig. Sie nennt sich selbst optimistisch. Trotzdem ist sie vorsichtig.

Damit sie nach der letzten Prüfung nicht in ein ähnliches Loch fällt wie Sabrina Schäfers, besucht sie derzeit ein Coaching-Seminar des "Women's Career Center" an der Hamburger Uni. Das Seminar hat den Vorteil, dass man sich mit anderen austauschen kann. Nicola Lange will nicht allein in ihrer Wohnung sitzen oder im Café und überlegen, was sie später machen will. Deshalb hat sie in dem Seminar "berufliche Orientierung" ihre "Lifeline" auf ein Blatt Papier gemalt, sie sollte ihre "Zielvorstellungen" aufschreiben und die dafür notwendigen Schritte.

Eine Art Kollektivtherapie für Akademiker

Auch eine Collage hat sie angefertigt, Leitfrage: "Wie sieht dein Leben in fünf Jahren aus?" Mit Hilfe von Zeitschriften, Schere und Klebstoff hat sie am Ende Worte wie "Familie", "Abenteuerlust", "optimistisch" und "begeisterungsfähig" auf einen Zettel gepappt. Das wurde in der folgenden Sitzung diskutiert.

Lifeline, Collagen, Gruppensitzungen: Was Nicola macht, ist eine Art Kollektivtherapie. Nur geht es nicht um Neurosen, sondern um den späteren Beruf. Bei den Arbeitsagenturen finden junge Akademiker selten sinnvolle Unterstützung, beim Karrierezentrum ihrer Uni schon eher. Früher sprach man von Berufsberatung, neudeutsch heißt das Coaching oder Career Service. Fast immer geht es um eine Frage: Was will ich werden?

Die Schnellen und die Langsamen
Am schnellsten gelingt Lebensmittelchemiker und Wirtschaftsingenieure nach dem Examen den Sprung in den Beruf: Nur drei Monate nach der letzten Prüfung haben 90 Prozent von ihnen einen Arbeitsplatz. Magister-Studenten brauchen in der Regel weitaus länger - auch weil vor allem die Geisteswissenschaften auf ein eher diffuses Ziel ausgerichtet sind. Nur knapp 60 Prozent aller Magister-Absolventen gehen nach zwölf Monaten einer "regulären Erwerbstätigkeit" nach, wie die Forscher vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover ermittelt haben.
Der HIS-Studie zufolge haben sich lediglich 16 Prozent aller Universitätsabsolventen schon vor dem Beginn ihres Examens ernsthaft um eine Stelle gekümmert, also nur jeder sechste. Dabei lautet die Faustformel für einen erfolgreiche Berufseinstieg: Je früher man mit der Suche nach dem richtigen Beruf beginnt, desto kürzer wird die Zeit zwischen Studienabschluss und erstem Arbeitsplatz. Zudem gilt: "Je früher die Stellensuche beginnt, um so geringer ist die Zahl der Bewerbungen", schreiben die Forscher weiter.
Trotz der späten Jobsuche schätzen 56 Prozent aller Studenten ihre berufliche Zukunftsperspektive "gut" bis "sehr gut" ein - nicht ohne Grund: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern liegt mit 4 Prozent immer noch weit unter dem Bundesdurchschnitt von rund 11 Prozent. Die alte Beschwörungsformel "Ein Studium ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit" ist also, immerhin, eine Halbwahrheit: Chancenreicher als Durchschnittsarbeitnehmer sind Hochschulabsolventen allemal. Das muss aber nicht für jeden Berufsbereich gelten.

Hilfe bieten auch private Karriereberater. Die sind aber nicht billig - bei Angelika Gulder zum Beispiel mindestens 60 Euro für anderthalb Stunden. "Die Kunst ist, sich die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten liegen in einem selbst", sagt Gulder, Karriere-Coach in Hessen und Buchautorin. Mach doch, was du willst, lautet am Ende stets die Antwort. Nur muss man das eben erst herausfinden - gar nicht so leicht, vor allem wenn man ein geisteswissenschaftliches Fach studiert hat, das nicht schnurstracks in einen bestimmten Beruf führt.

Für Nicola Lange hat das Karriere-Seminar in jedem Fall etwas Verbindliches, wenn sie ihre Ziele vor einer Gruppe beschreibt. Sie ist sicher: "Ich weiß jetzt, dass ich nicht mehr 19 bin, sondern 27. Ich will nicht mehr weitermachen wie bisher." Nach den Prüfungen will sie für ein paar Wochen nach Spanien, danach vielleicht nach Südamerika. Und dann? Mal schauen.

Optimist vom Scheitel bis zum Schuh

Ganz anders sieht es aus, wenn man bereits Ziele hat und nicht erst suchen muss. Mirko ist so ein Fall. Der 24-Jährige hat genaue Vorstellungen, wie es nach der Uni weitergeht. Mirko absolviert in Hamburg den Master-Studiengang "Entrepreneurship", eine Mischung aus praktisch angewandter Betriebswirtschaftslehre und Jura. In ein paar Wochen ist er mit den letzten Prüfungen fertig und hat bereits Bewerbungen für eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent verschickt, in ganz Deutschland.

Wenn er den Job hat, will er promovieren, anschließend vier oder fünf Jahre arbeiten, und dann wieder an der Uni arbeiten - "Juniorprofessor oder so, was eben gerade aktuell ist." Mirko ist optimistisch vom Scheitel bis zu den schwarzen Schuhen: "Ich krieg 'nen Job und Deutschland wird Weltmeister", sagt er.

Schon als Student bastelte er zusammen mit zwei Freunden in der eigenen Firma Internetseiten; weil das Garagenunternehmen aber irgendwann kein Geld mehr verdiente, hängte er sich in sein Studium. Er wusste schon immer, was er wollte: Mit den eigenen Ideen Geld verdienen. Coaching-Seminare und den Career-Service braucht er nicht. "Ich werde später im Leben auch nicht an der Hand geführt."

Für Mirko besteht das Leben nach der Uni zuerst einmal aus Chancen, nicht aus Gefahren. Er hat sein Leben zwar nicht durchgeplant, aber er hat Vorstellungen. Und vielleicht sogar ein Rezept für den Erfolg. Erstens, er klappt den Daumen nach oben, die "eigene Leistung". Zweitens, der Zeigefinger geht hoch, "Vitamin B". Und drittens, jetzt kommt der Mittelfinger, "das Quäntchen Glück." Studieren kann man das allerdings nicht, sagt Mirko. Das kann man nur lernen.

Buchtipps

Uta Glaubitz: Der Job, der zu mir passt. Das eigene Berufsziel entdecken und erreichen. Campus Verlag 2003.

Jürgen Hesse, Hans Chr. Schrader: Was steckt wirklich in mir? Der Potenzialanalyse-Test. Eichborn 2004.

Lisa Krelhaus: Wer bin ich - wer will ich sein? Ein Arbeitsbuch zur Selbstanalyse. Mvg 2005.

Angelika Gulder: Finde den Job, der dich glücklich macht. Campus Verlag 2004.



insgesamt 372 Beiträge
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Seite 1
Adran, 21.06.2006
1.
Nun, ja..mein berufsstart ist ja 5 jahre her..und ist ehr frustierend abgelaufen. Als Frischling, ohne berufserfahrung..kommen dann schnell die rückschläge. Zwar hat man den komischen wisch, wo drauf steht, dass man diesen beruf gelernt hat, aber es fehlt an "Berufserfahrug"..ergo man kommt überhaupt schwer in das berufsleben rein.. Ist man dann erstmal drin, geht es eigentlich halbsweg einfacher. Nur die zeit zwischen berufsausbildung und ersten job ist sehr ernüchternt..und man fragt sich schon, warum man überhaupt eine Ausbildung machen soll, wenn man eh zu hören bekommt, dass man berufserfahrung haben soll...Stellt sich die frage..wie man die sammeln soll, wenn man kaum eine chance bekommt? Stellt man diese frage..dann stehn die münder offen..tja..sollte einem zudenken geben..
Elektro, 21.06.2006
2.
Ich finde die Antworten der befragten Personen allesamt eher traurig und unbefriedigend. Kann es denn wirklich sein, dass es das Ziel für ein erfüllteres Leben ist, mit weniger Schlaf auszukommen? So sehen also die "Opfer" einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft aus.
JoergB, 21.06.2006
3.
---Zitat von Elektro--- Ich finde die Antworten der befragten Personen allesamt eher traurig und unbefriedigend. Kann es denn wirklich sein, dass es das Ziel für ein erfüllteres Leben ist, mit weniger Schlaf auszukommen? So sehen also die "Opfer" einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft aus. ---Zitatende--- Ja oder eher gesagt die Wunschkandidaten der Untenrnehmen. Arbeiten bis in die Puppen und glücklich dabei :)
Pumo, 21.06.2006
4.
Ich bin erst seit 6 Monaten in meinem Beruf - und mir geht es in vielen Dingen ähnlich wie den Menschen in den Beiträgen. Man geht abends nicht mehr so selbstverständlich weg, muss mehr planen... Ich habe allerdings das "Glück", dass ich nur eine halbe Stelle (als Doktorandin) habe - und somit viele Freiheiten. Ich erlebe also gerade einen sehr sanften Übergang vom Studium zum Beruf. Für mich ist das perfekt. Mal sehen, wie es in drei Jahren aussieht, wenn ich meine Promotion abgeschlossen habe...
ninaspiegel, 21.06.2006
5. Berufsstart
Also, bei mir lief alles recht reibungslos (vor drei Jahren), allerdings bleibt die finazielle Sorglosigkeit aus. Ich hatte mir immer gedacht, dass die Geldknappheit besser statt schlechter würde... Schade. Aber ich stehe ja noch am Anfang! ;-)Ansonsten wird man Stress-resistenter und entscheidungsfreudiger; und natürlich MÜDER! Aber was soll man sonst den ganzen Tag tun?
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