Junge Akademiker Wir sind so frei

In der Konjunkturflaute arbeiten Hochschulabsolventen oft für ein Taschengeld. Sie hangeln sich mit Praktika und Zeitverträgen durch, drehen Warteschleifen vor Architekturbüros oder Redaktionen - von Sicherheit keine Spur. Wer dauerhaft selbstständig sein will, muss unternehmerisches Denken lernen.

Von Tilman Weigel


Die Entlassungswelle rollt: Trübe Aussichten für Berufseinsteiger
AP

Die Entlassungswelle rollt: Trübe Aussichten für Berufseinsteiger

Der Lebenslauf von Sarah Wagner, 25, liest sich fast wie ein Musterbeispiel im Bewerberhandbuch: nach der Schule Au Pair in Chicago, dann Touristik-Studium an einer Privatakademie, Praktikum in Montreal und Master-Studium in England. Noch vor drei Jahren wäre der jungen Frau eine lukrative Stelle sicher gewesen. Doch statt Stellenangebote in Massen kassierte Sarah Wagner lauter Absagen.

Immerhin hat sie bei einer Reederei einen Praktikumsplatz gefunden. 500 Euro gab es dafür - in Städten wie Hamburg, München oder Frankfurt gerade genug, um die Miete zu bezahlen. Was die junge Frau hielt, war die Hoffnung auf eine Festanstellung.

Architektenbüros ringen ums Überleben

Diese Hoffnung machen sich viele Firmen zunutze, besonders in den "Traumberufen". So arbeiten auch junge Architekten oft für ein Taschengeld. Schließlich ist der Name eines renommierten Büros im Lebenslauf eine gute Investition in die eigene Karriere. Architektur-Absolventen müssen zudem eine gewisse Zeit gearbeitet haben, um Entwürfe unterschreiben und bei der Gemeindeverwaltung einreichen zu können. Dafür nehmen sie niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten in Kauf.

Praktikant: Hoffnung auf feste Stelle
GMS

Praktikant: Hoffnung auf feste Stelle

Nicht immer steckt hinter dieser Praxis böses Kalkül ausbeuterischer Arbeitgeber. Insbesondere kleine Architekturbüros und freischaffende Architekten sind auf die billigen Arbeitskräfte angewiesen. Rund 800 Euro verdient Bauingenieur Marcel Wink (Name geändert) im Monat - bei einem Arbeitspensum von oft 60 Wochenstunden. Doch er weiß: Sein Chef bekommt auch nicht viel mehr. Denn der Baubranche geht es schlecht, die Einnahmen des Büros schwanken von Monat zu Monat stark. Zudem kann Wink sich nach fünf Jahren selbst Architekt nennen und ein eigenes Büro eröffnen.

Immer weniger Absolventen schaffen es nach dem Studium, eine unbefristete, tariflich bezahlte Stelle zu bekommen. Und so schlagen sie sich als Praktikanten, mit Zeitverträgen oder als freie Mitarbeiter durch. Vor allem die Zahl der Alleinunternehmer hat in den vergangenen fünf Jahren stark zugenommen, um gut ein Drittel auf heute 1,8 Millionen. Die meisten von ihnen verkaufen ihre Arbeitskraft an Privatpersonen oder Unternehmen.

Grafik: Arbeitslose Absolventen
Deutscher Instituts-Verlag

Grafik: Arbeitslose Absolventen

Nicht alle sind unfreiwillig selbstständig und erhalten nur einen Hungerlohn. Manche Unternehmensberater verdienen prächtig; auch Journalisten oder Inhaber kleiner Läden sind oft aus freien Stücken ihr eigener Herr. Arbeitsbedingungen und Verdienst sind also höchst unterschiedlich. Doch viele Alleinunternehmer liegen am unteren Ende der Einkommensskala, denn auch florierende Anwaltspraxen oder Steuerberatungskanzleien haben meist einen oder mehrere Mitarbeiter.

Die Selbstständigen haben nicht nur weniger Sicherheit als Angestellte, sie müssen auch mehr leisten. "Alleinunternehmer brauchen die Qualifikationen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern", erklärt Professor Albert Martin von der Universität Lüneburg. Sie müssen Unternehmer sein und zugleich "ihr Handwerk" beherrschen. Ein selbstständiger Programmier etwa sollte nicht nur mit dem Computer umgehen können, sondern sich auch in Buchführung und Kostenrechnung auskennen.

Kein Chef, keine Staus, keine Nörgelei

Ein Forschungsprojekt an der Universität Lüneburg soll nun die Arbeitsbedingungen in den neuen Beschäftigungsformen näher ergründen - nicht immer ganz einfach. "Die Kategorie 'Selbständige ohne Angestellte' tauchte bis vor kurzem in vielen Statistiken noch gar nicht auf", erzählt Martin.

Besonders weit verbreitet sind Alleinunternehmer unter den Journalisten, eine Beschäftigungsform mit Tradition: Kaum eine Zeitung oder Zeitschrift könnte ohne ihre "Freien" überleben. Jetzt hat man sich an der Lüneburger Uni entschieden, ihre Situation genauer zu analysieren.

Dabei zeigt sich, dass die Mehrheit der Befragten sich als Alleinunternehmer durchaus wohl fühlt, obwohl ein Großteil weniger als 1500 Euro im Monat verdient und es bei der sozialen Absicherung hapert. "80 Prozent der Befragten wollen keine feste Anstellung", sagt Magdalena Hertkorn. Die Lüneburger Studentin hat sich in ihrer Diplomarbeit mit den Arbeitsbeziehungen Freier Journalisten auseinandergesetzt und dazu rund 900 Hamburger "Freie" befragt.

"Ich möchte nie wieder jeden Morgen zur gleichen Zeit im Stau stehen, einen nörgelnden Chef in mein Büro stürmen sehen und den ganzen Tag das Gerede über andere Kollegen von Kollegen anhören müssen", merkte ein Journalist auf seinem Fragebogen an. Vor allem Alleinerziehende profitieren zudem von der Möglichkeit, sich die Zeit relativ frei einteilen zu können. "Selbstständige können sich meist nicht aussuchen, welche Aufträge sie annehmen, wohl aber, wie sie ihre Arbeit machen", so Albert Martin.

Selbstständig statt arbeitslos

Während inzwischen die Medienkrise Tausende von Journalisten kalt erwischt und in die Selbstständigkeit gezwungen hat, steigt auch in anderen Branchen die Neigung, Aufträge an externe Spezialisten zu vergeben, statt eigenes Personal anzustellen.

Letzte Ausfahrt Arbeitsamt: "Ich-AG" als Alternative
DPA

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Ist die Arbeitssituation der Journalisten also ein Vorgeschmack auf die neue Arbeitswelt? "Vermutlich nicht", meint Magdalena Hertkorn. Denn der Arbeitsalltag in einer Redaktion sei nur zum Teil mit einer Unternehmensverwaltung oder Fabrik vergleichbar.

Die Zahl der Selbstständigen wird aber in Deutschland wohl weiter zunehmen. Das muss, wie das Beispiel vieler Journalisten zeigt, nicht zwangsläufig negativ sein - vorausgesetzt, man bringt unternehmerisches Denken mit. Dann kann die Selbstständigkeit auch ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit sein.

Sarah Wagner hat unterdessen Glück gehabt: Nach dem Praktikum ist die Touristik-Absolventen inzwischen Offizierin auf einem Schiff, das durchs Mittelmeer kreuzt - ganz nahe an ihrem Traumjob.



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