Junge Top-Juristen Jagdszenen am Times Square

Während in Deutschland viele Rechtsabsolventen darben müssen, können sich die Abgänger von renommierten amerikanischen Law Schools vor Avancen kaum retten. Die Stufen der Karriereleiter: Aufnahmeprüfung schaffen, hohe Gebühren bezahlen - und dann ganz dick abkassieren.

Von Kirsten Grieshaber, New York


Nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft in New York erhielt Katharina Domnick die erste Einladung einer Großkanzlei zu einer Cocktailparty - elegante Abendessen und Werbegeschenke folgten bald darauf. "Das ist schon eine komische Welt hier", erzählt die 27-jährige Studentin aus Berlin. Sie studiert seit August 2005 an der Columbia University Jura.

Doch die verführerischen Schmeicheleien der Headhunter zu Semesterbeginn waren noch harmlos im Vergleich zu den Jagdszenen, die sich am vergangenen Wochenende bei der Jobmesse der Columbia Law School abspielten. Über 150 Topkanzleien präsentierten sich in einem schicken Hotel am Times Square. Und obwohl sie die Wahl zwischen 360 ausländischen Studierenden von Amerikas renommiertesten Law Schools hatten, interessierten sie sich ganz besonders für die deutschen Studenten.

"Unsere deutschen Studenten sind wirklich gut und bei den Arbeitgebern sehr, sehr beliebt", berichtet Ellen Wayne, Dekanin für "Career Services" an der Columbia Law School, die die Messen organisiert.

Firm in beiden Rechtssystemen

Die Absolventen sind in einer Position, von der viele Kommilitonen nur träumen können: Die Großkanzleien schnappen sich die vielversprechenden Talente gegenseitig vor der Nase weg. Deutsche Kanzleien schicken eigens für die Jobmesse ihre Anwälte in die USA, damit sie dort die Köder auslegen.

Während der Arbeitsmarkt für angehende Juristen in Deutschland zum Teil dramatisch schlecht ist, herrscht bei den global agierenden Law Firms akuter Mangel an Nachwuchskräften, die sowohl das deutsche als auch das amerikanische Recht kennen. Seit zahlreiche US-Kanzleien in den neunziger Jahren Büros in Deutschland eröffnet haben, ist der Bedarf an hochqualifizierten Junganwälten noch größer geworden.

Auch Kai Haakon Liekefett wird derzeit nach allen Regeln der Kunst umworben. Mehr als 20 Law Firms meldeten sich im Vorfeld der Messe bei dem 30-jährigen Juristen aus Köln und luden ihn zu Vorstellungsgesprächen ein. Liekefett, der wie Domnick im einjährigen LL.M. (Legum Magister) Studiengang der Columbia University eingeschrieben ist, suchte sich die interessantesten fünf Angebote aus, den restlichen Bietern gab er den Laufpass.

"Die deutschen Firmen schlagen sich richtig um die LL.M.-Studenten, bei den Kanzleien in New York ist es schon schwieriger", erzählt Liekefett, der in Deutschland zu den besten ein Prozent seines Jahrgangs gehört und neben exzellenten Staatsexamensnoten auch einen Doktortitel, einen MBA, ein abgeschlossenes Referendariat und Joberfahrungen im In- und Ausland vorweisen kann.

Privatleben ist erst einmal passé

Auch Till Müller-Ibold von der Kanzlei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton LLP saß am Wochenende in einer der angemieteten Hotelsuiten und schaute sich den Nachwuchs interessiert aus der Nähe an. Der deutsche Anwalt arbeitet im Brüsseler Büro der amerikanischen Kanzlei und hat selbst vor Jahren einen LL.M. Abschluss an einer US-Uni gemacht. "Aus meiner persönlichen Sicht ist die Kommunikationsfähigkeit auf Englisch das Wichtigste", betont Müller-Ibold. "Aber auch die hohe Motivation, Eigeninitiative und Leistungsfähigkeit, die diese Studenten mit sich bringen, spielen bei der Einstellung natürlich eine große Rolle."

Berufseinsteiger bekommen bei Cleary rund 80.000 Euro Jahresgehalt, wer nach dem Studium als Corporate Lawyer, oder Gesellschaftsrechtler in New York arbeitet, bekommt mindestens 125.000 Dollar im Jahr. Dafür erwarten die Arbeitgeber aber auch, dass sich die Anfänger völlig ihrem Job widmen. 60- bis 80-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. Auch am Wochenende sitzen die jungen Anwälte oft stundenlang im Büro und bereiten Übernahmeverträge und Fusionen vor - viel Zeit für ein Privatleben bleibt da nicht mehr.

Doch bevor die Jungstars die steile Karriereleiter erklimmen können, müssen sie zuallererst von einer US-Law School angenommen werden, und das ist nicht einfach. Dekanin Sylvia Polo, die für die Zulassung der internationalen Studenten an der Columbia University zuständig ist, erzählt, dass sie jedes Jahr von deutschen Bewerbungen überschwemmt wird.

"Aus dem Pool dieser Kandidaten suchen wir uns dann die 'highest potentials' aus", erklärt Polo. Neben glänzenden akademischen Leistungen, überschwenglichen Empfehlungsschreiben und Arbeitserfahrungen rund um den Globus ist besonders der persönliche Essay ausschlaggebend. "Wir gucken immer, ob unsere Kandidaten etwas Besonderes sind", beschreibt Polo den Auswahlprozess. "Spielen sie hervorragend Klavier, sind sie ein Jahr durch Asien gereist oder ist ihre Bewerbung witzig geschrieben? - es geht darum, dass sie unser Interesse und unsere Neugierde wecken."

38.000 Dollar Gebühren

Für die drei bis fünf glücklichen Deutschen, die jedes Jahr eine Zulassung zur Columbia Law School erhalten - bei Harvard, Yale, Standford und den anderen Top Law Schools sind die Quoten für Deutsche ähnlich niedrig - erhält die Freude über den Studienplatz allerdings bald einen gewaltigen Dämpfer, denn die angehenden Juristen müssen gehörig in Vorschuss gehen.

Die Studiengebühren belaufen sich auf 38.000 Dollar, dazu müssen die Studenten für Miete, Mahlzeiten und weitere Extrakosten insgesamt 60.000 Dollar für ihr Studienjahr in New York veranschlagen. Die Universitäten vergeben kaum Stipendien, und auch Fördergelder vom DAAD oder den Rotariern decken die Kosten nur teilweise ab. "Bei insgesamt 500 Unterrichtsstunden kommen da schlappe 80 Dollar pro Stunde zusammen", hat Thorsten Häberlein errechnet. "Das ist wesentlich mehr, als ich für ein Opernticket ausgeben würde." Der 32-jährige Schwabe, der im Mai seinen LL.M.-Abschluss an der Columbia machen wird, bereut es trotzdem nicht, dass er sich in Unkosten gestürzt hat.

Das Studium sei auch eine persönliche Bereicherung: "Das Tolle hier sind die Mitstudenten aus der ganzen Welt und die Professoren", schwärmt Häberlein. Von seinen Kommilitonen habe er viel gelernt über Umgangsformen, Ton und Stil in anderen Ländern, und die Professoren hätten einen viel persönlicheren Ansatz als ihre Kollegen in der deutschen Heimat. "Hier ruft dich dein Professor auch schon mal am Sonntagmorgen an, um mit dir über deine Arbeit zu diskutieren und zu erklären, wie du es noch besser machen kannst", erzählt Häberlein. "Das würde doch in Deutschland niemals passieren."



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