Jungpolitikerin im Europawahlkampf Im Reich der Sonnenblumenkönigin

Als Endlager für ausgebrannte Politiker verstehen viele Parteien die Europapolitik. Nur zwei deutsche Kandidaten unter 30 haben Chancen ins EU-Parlament einzuziehen - beide von den Grünen. Die besten Aussichten hat Ska Keller. Ihr Wahlkampfmotto: "Nicht nur Opa für Europa."

Von Christian Fuchs


Als Ska Keller in Werder ankommt, pustet der Wind Bratwurstduft über die Wiese. Die Jugendfeuerwehr lädt zum Zielspritzen ein, die AOK verschenkt Anti-Stress-Bälle. Europafest in Werder an der Havel, einem Städtchen in Westbrandenburg. Keller - Bubikopf-Frisur, zierlich, schwarz gekleidet - zieht ihr Rollköfferchen über den staubigen Weg bis zum Stand der Grünen.

Der Chor auf der Bühne stimmt "Mein kleiner grüner Kaktus" an - eine schöne Begrüßung für die jüngste deutsche Europawahlkandidatin auf einem aussichtsreichen Listenplatz - am Revers ihres schwarzen Blazers prangt der stachlige Igel der "Grünen Jugend". Die 27-jährige Ska Keller steht auf Listenplatz 7 von Bündnis90/Die Grünen zur Wahl des Europäischen Parlaments, damit ist sie nach den aktuellen Prognosen so gut wie gewählt. Heute soll sie für ihre Partei Stimmen auf dem Land sammeln. Ihr Auftrag ist klar: Den Menschen deutlich machen, warum europäische Politik auch wichtig für das Leben in Werder ist.

Junge Kandidaten gern, aber bitte ohne Chancen

Junge Politiker haben es schwer nach Brüssel zu kommen, da oft erst verdiente Parteikader versorgt werden. Zwar tauchen immer mehr Nachwuchstalente auf den Europawahllisten auf - die meisten stehen jedoch auf aussichtslosen Plätzen. Die 29-jährige Carolin Opel (CSU) ist ebenso chancenlos, wie der 25-jährige Landwirt Hans Georg Quakernack (FDP). Weder SPD, Linkspartei noch FDP haben einen einzigen Kandidaten unter 30 auf einem sicheren Wahllistenplatz aufgestellt. Einzig die Studentin Laura Luise Banse (CDU) aus Sachsen-Anhalt hat Außenseiterchancen. Und die Grünen Franziska Brantner, Jan Philipp Albrecht und Ska Keller.

Vor dem Grünen-Stand in Werder herrscht nicht gerade Gedränge, aber auch bei den Kandidaten von CDU, SPD und Linkspartei stehen mehr Menschen hinter den Tischen mit den Broschüren als davor. Die CDU hat Feuerzeuge und Frisbee-Scheiben, die Grünen bieten lediglich EU-Verfassungen im Mini-Format. Ska Keller holt Blätter mit einem "Europa-Quiz" aus dem Koffer. Damit sollen Leute an den Stand gelockt werden. Wer die zehn Fragen am besten beantwortet, kann einen Keramik-Blumentopf gewinnen - natürlich in grün. Bisher gibt es noch keinen einzigen Kandidaten.

Der Weg von Ska Keller nach Werder an der Havel war lang. Er führte sie über Rom, Oxford, Brüssel und Dortmund, obwohl die Studentin nur 300 Kilometer entfernt in Guben geboren wurde. Seit acht Jahren macht sie grüne Politik und in jeder dieser Städte ging sie einen Schritt in Richtung EU-Parlament. Mit 13 begann Ska - damals noch Punkerin - vegan zu leben und sich für Tierrechte zu interessieren. Durch ein Rhetorikseminar kam sie eher zufällig zur "Grünen Jugend", der Nachwuchsorganisation der Partei. Dort machte sie schnell Karriere: Sie wurde Landesvorsitzende und in den Bundesvorstand gewählt. Mit 22 gründete Ska Keller in Rom die European Green Party mit, die erste gesamteuropäische Partei. In Oxford wurde sie Sprecherin der Föderation der Jungen Europäischen Grünen, die sie zwei Jahre lang in Brüssel leitete.

"Durch meine Arbeit, kenne ich die europäischen Grünen und das EU-Parlament schon viel besser als viele ältere Politiker aus Deutschland", sagt Ska Keller und sieht sich dadurch im Vorteil. Schon jetzt reist sie fast wöchentlich zwischen Stockholm und Istanbul umher, sie spricht sechs Sprachen. Vergangenes Jahr hat sie ihren finnischen Freund Markus geheiratet: Keller ist eine Vorzeige-Europäerin.

Keller kämpft - die Brandenburger klatschen verhalten

So kamen ihre Parteifreunde gar nicht drumherum, sie auf dem Europaparteitag in Dortmund weit vorn auf der Bundesliste der Partei zu nominieren. Ska Keller hat das Einmaleins des modernen Internet-Wahlkampfs verinnerlicht - und der jungen Frau nimmt man das auch ab: "Durch soziale Netzwerke, Blogs und Online-Mitwirkungsmöglichkeiten erreichen wir auch eine Gruppe, die von der Europapolitik kaum wahrgenommen wird: Leute unter 30."

Kandidatin Keller hat die Arme verschränkt. Drei Besucher haben bisher am "Europa-Quiz" teilgenommen. Eine grauhaarige Frau schiebt ihr Fahrrad an den Stand: "Wer sind sie?" "Ich bin ihre Kandidatin für das Europaparlament", antwortet Keller. Misstrauisch fragt die Frau weiter: "Und wo kommen sie her?" - "Ich bin Brandenburgerin." Das Eis ist gebrochen, zehn Minuten beantwortet Ska Keller alle Fragen. Immer wieder betont sie, dass in der Europäischen Union die Richtlinien verabschiedet werden, die vorgeben, wie Politik in Werder gemacht wird.

Wenig später wird sie von dem Festplatz-Moderator gefragt, warum man sie wählen solle? Sie antwortet: "Wir sind die einzigen, die Antworten auf Klima- und Wirtschaftskrise haben und setzen auf nachhaltiges Wachstum." Astreiner Wahlkampfslogan, verhaltenes Klatschen. Eine Frau mit Falten im Gesicht ruft: "Die ist klasse, die findet kluge, klare Worte." Die Frau ist aus Berlin zu Besuch.

Bis vor zwei Stunden saß Ska Keller auch noch in Berlin auf dem Grünen-Parteitag in der zweiten Reihe, wenige Meter von den Vorsitzenden Cem Özdemir und Claudia Roth entfernt. Aber sie hat sich für Brandenburg entschieden. "Mein Listenplatz ist ziemlich sicher. Klar könnte ich auch zu Hause bleiben und sagen: Macht den Wahlkampf doch allein", sagt sie, "aber jede Veranstaltung dient dazu unsere grüne Utopie vorzustellen, darum ist auch dieser Auftritt wichtig."

Sonnenblumenkönigin? - "Wir stehen nicht auf Monarchie"

Seit Wochen schläft sie nachts nur ein paar Stunden, verbringt viel Zeit auf Bahnhöfen und in Zügen. Sie hält Reden, sitzt auf Podien und in Tübingen ist sie auch schon mal abends durch Kneipen gezogen, um direkt junge Leute anzusprechen. Am Wochenende kann man die Jungpolitikern auch mieten: In sogenannten "Livingroompartys" will sie mit Wohngemeinschaften zusammen frühstücken oder fernsehen und darüber mit jungen Leuten ins Gespräch kommen. "Seitdem ich Politik mache, habe ich keine freien Wochenenden mehr", sagt Keller. Zwischen den Terminen füllt sie ihren Blog und zwitschert mehrmals täglich Neuigkeiten über Twitter an knapp 500 Abonnenten.

Ska Keller hatte auch das Angebot, heute in Barcelona eine Rede über Frauenpolitik zu halten, stattdessen sieht sie der Vorstellung der "Sonnenblumenkönigin" vom Grünen-Stand in Werder aus zu - ein harter Kontrast. Die dralle Blondine krächzt ins Mikrofon: "Ich kann nur alle Mädchen ab 18 dazu aufrufen, sich als Königin zu bewerben, es ist das schönste Amt, was man sich vorstellen kann." Die Frau auf das Äußere zu reduzieren, ist von Kellers Frauenbild so weit entfernt wie ein Hamster vom Literaturnobelpreis. Sie nimmt es mit Humor: "Wir sind ja eher für die normalen Leute und stehen nicht so auf die Monarchie", sagt Keller und lächelt.

Nach einer Stunde am Wahlkampfstand vereitelt die laute Musik einer Rapband jeden Gesprächsversuch. Keller gibt auf. Drei Mädchen, die sich zufällig gerade informiert haben, gewinnen die Blumentöpfe. Foto. Händeschütteln. Tschüss. Ska Keller muss zurück zum Zug, zum nächsten Termin. Nachts wird sie über den Tag auf Twitter schreiben: "War heute in Werder auf dem Europafest. Gutes Feedback!"

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