Juniorprofessur Lebt denn d'r alte Habilitand noch?

Ja, er lebt. Blinker raus und auf die Überholspur, das war der Sinn der Juniorprofessur. Sie sollte die langwierige Habilitation ersetzen. Jetzt fahren viele junge Wissenschaftler auf beiden Spuren zugleich: Juniorprofessur und Habilitation - wegen der unklaren Chancen.

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Es wirkte wie ein schöner, ein sympathischer, ein segensreicher Plan: Erst im Alter von durchschnittlich 42 Jahren erreichen deutsche Wissenschaftler den akademischen Olymp einer regulären Professur. Die Juniorprofessur sollte das ändern - weg mit dem alten Zopf der Habilitation, her mit jüngeren Wissenschaftlern, die nicht mehr am Gängelband der Altvorderen hängen und sich viele früher eigenständig in Forschung und Lehre beweisen können.

Nachwuchs der Wissenschaft: Juniorprofessur, Habilitation, beides?
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Nachwuchs der Wissenschaft: Juniorprofessur, Habilitation, beides?

Mit diesem Ziel versuchte vor einigen Jahren die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, die Juniorprofessur bundesweit durchsetzen und damit die Habilitation, eine sehr deutsche Spezialität, komplett abzulösen. Formell gibt es Juniorprofessoren seit 2002. Doch die traditionsfesten Universitäten wehrten sich hartnäckig, vor allem in den Geisteswissenschaften. Sie wollten an der Habilitation festhalten und die Juniorprofessur allenfalls als alternativen Weg der Qualifizierung zulassen. Ihren Bedenken schlossen sich die unionsregierten Länder, in der Ablehnung aller Pläne aus dem Hause Bulmahn stets fest vereint, an. Sie drängten auf eine Klärung durch das Bundesverfassungsgericht. Und bekamen sie: Die Länder haben das Recht, die Juniorprofessur zu nur einem von mehreren Qualifikationswegen zu machen, entschieden die Karlsruher Richter 2004.

Hoch lebe die Habilitation, heißt es seitdem an vielen Hochschulen. Jene inzwischen rund 800 jungen Wissenschaftler, die sich auf das Abenteuer Juniorprofessur einlassen, reagieren verunsichert: Ein Drittel plant zusätzlich zur Juniorprofessur auch noch die Habilitation, ein weiteres Viertel ist noch unentschieden. Das ergab im Frühsommer eine Erhebung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE).

Zufrieden trotz beruflicher Unsicherheit

Wer dieses Programm schultern will, muss ganz tapfer sein. Denn Juniorprofessoren müssen eine Fülle von Aufgaben in Lehre, Prüfungen, akademischer Selbstverwaltung und Drittmitteleinwerbung bewältigen. Und dann das opus magnum, das große, zweite Buch nach der Dissertation noch obendrauf? "Diese Doppelbelastung widerspricht der ursprünglichen Konzeption der Stelle", sagte Kurosch Rezwan, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins Juniorprofessur in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

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Der Verein tagt gerade in Bremen und zieht mit etwa 100 Teilnehmern eine Zwischenbilanz nach fünf Jahren Juniorprofessur. Viele der Wissenschaftler sind gerade in der Endphase der sechsjährigen Evaluationsphase und bereiten sich auf den Sprung zur nächsten Professurstufe vor. "Es muss endlich eine Perspektive geschaffen werden, die es ermöglicht, nach einer befristeten Anstellung in eine höher dotierte Professur zu wechseln", fordert Rezwan. Doch nur etwa 20 Prozent der Juniorprofessoren bekämen tatsächlich eine besser bezahlte Stelle angeboten.

In den USA etwa ist der "Tenure Track" üblich: Nachwuchskräfte in der Wissenschaft erhalten zeitlich befristete Verträge als Assistenzprofessoren - und wenn sie sich bewähren, haben sie eine feste Laufbahnzusage in der Tasche. Davon sind die deutschen Hochschulen noch weit entfernt.

Die Juniorprofessoren steuern also in eine ungewisse Zukunft. Dennoch ist ihre Zufriedenheit überraschend hoch: "Das Konzept hat sich etabliert, rund drei Viertel würden den Schritt noch einmal gehen", sagte Rezwan. Das bestätigt auch die CHE-Untersuchung: Demnach sind über zwei Drittel mit ihrer Situation eher oder sehr zufrieden. Besonders positiv gestimmt sind die Humanmediziner, bei den Ingenieuren äußern sich viele neutral.

Negative Wertungen gab es am häufigsten bei den Sprach- und Kulturwissenschaftlern. Und hier ist auch der Anteil derjenigen, die parallel die Habilitation anstreben, hoch: Fast die Hälfte sucht nach einem Fallschirm und erhofft sich durch die Habilitation bessere Berufschancen.

Nach Daten des Statistischen Bundesamtes habilitierten sich im letzten Jahr knapp 2000 Wissenschaftler an deutschen Hochschulen, fast genauso viele wie im Vorjahr. Die Zahl der Juniorprofessoren stieg von 102 im Jahr 2002 auf 617 im Jahr 2005. Die Gesamtzahl der Professoren ist in diesem Zeitraum fast konstant geblieben: bei rund 38.000.



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