Juniorprofessur Totgesagte leben länger

Kritiker halten die Juniorprofessur als Alternative zur Habilitation für gescheitert. Die 13 Juniorprofessoren der Konstanzer Universität verteidigen in einem Essay das Modell: Die Nachwuchsforscher sind zufrieden - und rechnen sich gute Karriereschancen aus.


Ist die Juniorprofessur in Deutschland gescheitert? Die Zahl der geschaffenen Juniorprofessuren erreicht bei weitem nicht die Vorgabe, die das Bundesbildungsministerium bei ihrer Einführung im Jahr 2002 ausgegeben hatte. Viele Fakultäten sind weiterhin zurückhaltend und auch die klassische Habilitation gibt es immer noch.

Universität Konstanz: Juniorprofessoren sind zufrieden

Universität Konstanz: Juniorprofessoren sind zufrieden

Doch reichen solche Beobachtungen aus, um vom Scheitern der Juniorprofessur zu sprechen, wie es die "Zeit" Mitte Juli tat? Bislang konnten noch nicht einmal abschließende Erfahrungen mit der ersten Generation von Juniorprofessoren gemacht werden. Eine unveröffentlichte Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) bescheinigt den Juniorprofessoren und Juniorprofessorinnen "sehr, sehr gute Bewerberqualitäten"; die Zwischenevaluationen bestätigen dieses Bild.

Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass es heute weniger Stellen gibt, als das Berliner Ministerium es seinerzeit gewollt hatte. Doch diese fehlende Quantität spiegelt lediglich allzu großzügige Erwartungen wider, von denen die Politik sich leiten ließ. Es ist überdies fragwürdig, den Erfolg der Juniorprofessur nur an der Anzahl geschaffener Stellen zu messen.

Qualität statt Quantität

Guido Germano, Juniorprofessor für Physikalische Chemie in Marburg, fragt dementsprechend ironisch, ob das Emmy-Noether-Programm oder die Nachwuchsgruppenleiterstellen der Max-Planck-Institute und der Helmholtz-Gemeinschaft durch die geringen Zahlen an geförderten Wissenschaftlern zum Auslaufmodell würden. Alle drei Programme genießen zweifellos hohes Ansehen, da sie nach strengen Auswahlkriterien besetzt werden und hervorragend ausgestattet sind.

Der entscheidende Punkt für die Juniorprofessur ist eine nach hoher Qualifikation bemessene Auswahl bei der Berufung auf eine Juniorprofessur nach dem Vorbild gängiger, öffentlich ausgeschriebener Berufungsverfahren auf W2- oder W3-Professuren. Hat man vor einer fachwissenschaftlichen Auswahlkommission bestanden, werden die Unabhängigkeit und Eigenständigkeit der Juniorprofessoren sowie die Erstausstattung ihrer Stelle zu Kriterien, die diesem Modell gegenüber den Angeboten aus dem Ausland Attraktivität verschaffen.

Die Bundesförderung mit 60.000 Euro, die bis Ende 2004 zur Verfügung gestellt wurde, ging in die richtige Richtung. Bis Ende 2004 kamen gut 14 Prozent der Juniorprofessoren aus dem Ausland. Zudem zeigt eine Studie der Jungen Akademie und des Centrums für Hochschulentwicklung vom September 2004 einen erfreulich hohen Frauenanteil von rund 30 Prozent unter den Juniorprofessoren – das ist doppelt so hoch wie der derzeitige Frauenanteil auf C2-Stellen und gar dreifach höher als der Frauenanteil auf C4- oder W3-Professuren.

Die Habilitation wird an Bedeutung verlieren

Dass mit Aussetzung der Bundesförderung die Ausschreibungen für Juniorprofessoren nun deutlich zurückgegangen sind, ist kaum überraschend. Aber glaubt wirklich jemand, dass das Modell der Habilitation ohne eine vergleichbare finanzielle Ausstattung attraktiver ist? Durch den Wegfall der Assistentenstellen (C1-Position) fehlt zudem die entsprechende Alternative eines universitären Beschäftigungsverhältnisses.

Die German Scholars Organization, ein Zusammenschluss deutscher Wissenschaftler, die im Ausland forschen, hat sich jedenfalls klar zur Juniorprofessur bekannt und in ihrem offenen Brief an die deutschen Wissenschaftsministerien dargelegt, was Wissenschaftler aus dem Ausland zu einer Rückkehr nach Deutschland motivieren könnte. Dazu gehören transparente Berufungsverfahren, eine Einführung des "tenure track" und eine konkurrenzfähige finanzielle Ausstattung.

Auch die Tatsache, dass einige Juniorprofessuren parallel eine Habilitation anstreben, ist kein Indiz für ein Scheitern, sondern eine normale Anpassungsreaktion auf Unsicherheiten der Einführungsphase. In den Naturwissenschaften ist die Berufung ohne Habilitation ohnehin schon lange akzeptiert. Auf lange Sicht ist es wahrscheinlich, dass die Habilitation an Bedeutung verliert.

Nicht nur Publikationen zählen

In den Geisteswissenschaften gibt es nur scheinbar bessere Argumente für die Habilitation. Denn auch hier bemisst sich die Berufungsfähigkeit nicht in schieren Bücherzahlen, wie beispielsweise die Berufung des Anglisten Mark Stein von der Universität Potsdam zeigt. Der im Dezember 2002 berufene Juniorprofessor konnte mittlerweile unter drei Rufen an die Universitäten Hannover, LMU München und Münster auswählen – ohne Habilitationsschrift.

Die Leistungsfähigkeit in Forschung kann flexibel bemessen werden, wobei der Stellenwert der Forschungsleistungen in der Fachgemeinschaft nach Innovativität der Forschungsprojekte, Forschungspreisen, erfolgreichen Stipendieneinwerbungen und überdurchschnittlichen Drittmittelquoten bemessen werden kann. Auch Erfahrungen in Lehre, Prüfungen, Doktorandenausbildung und akademischen Gremien können für die Berufung auf eine Dauerstelle von Relevanz sein.

Eine im Jahr 2006 vorgelegte Studie auf der Datengrundlage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt, dass man sich gerade in den Geisteswissenschaften einem gegenüber den Natur und Sozialwissenschaften doppelt bis dreifach so starken Bewerberfeld stellen musste, um eine Juniorprofessur zu erlangen. Unter den 60 Juniorprofessoren, die allein die Humboldt-Universität zu Berlin beschäftigt, konnten bereits neun diese Position als Sprungbrett für eine Dauerprofessur nutzen. Darunter ein Philosoph, ein Literaturwissenschaftler und ein Politologe.

Die Humboldt-Universität hat – nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen – durch einen Entscheid des akademischen Senats im Mai 2006 beschlossen, ein vom Präsidenten vorgeschlagenes" tenure track"-Komitee einzurichten, um ihre besten Juniorprofessoren auf Lebenszeitstellen berufen zu können. Im fünften Jahr der Juniorprofessur kann die Fakultät ein Tenure-Verfahren einleiten.

Hochwertige Arbeit

Die CHE-Umfrage unter den Hochschulleitungen deutet darauf hin, dass Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren qualitativ hochwertige Arbeit in Forschung, Lehre und Drittmittelakquisition geleistet und sich dadurch auf dem Berufungsmarkt gute Chancen erarbeitet haben. Eine jüngst publizierte Untersuchung der Anträge von Juniorprofessoren bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft zeigt, dass diese eine überdurchschnittlich hohe Erfolgsquote vorzuweisen haben. Die Förderquote von 54,2 Prozent unter den Juniorprofessoren lag 6,5 Prozentpunkte höher als die allgemeine Quote.

Im Zeitraum von 2002 bis 2005 warben Juniorprofessoren in 179 Anträgen insgesamt 18,5 Millionen Euro ein. Erfolgsgeschichten gibt es bereits jetzt: Claudia Kemfert etwa, die bereits im Jahr 2004 den Sprung von einer Juniorprofessur für Umweltökonomik an der Universität Oldenburg auf einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität in Berlin geschafft hat, oder der Soziologe Steffen Mau, der im September 2003 auf eine Juniorprofessur an der Universität Bremen berufen wurde und dort seit Juli 2005 eine Professur bekleidet.

Es bleibt trotz allem genug Zeit für Forschung. Solche Beispiele belegen, dass Juniorprofessoren nicht im bitteren Tagesgeschäft der Gremiensitzungen und Lehrbelastungen untergehen müssen. Die Regel ist ohnehin, dass Juniorprofessoren mit ihrer Stellung zufrieden sind. In der Studie der Jungen Akademie und des CHE vom September 2004 sagten 91 Prozent der Juniorprofessoren, dass sie mit ihrer Situation "sehr zufrieden" oder "zufrieden" seien.

Die Konstanzer Juniorprofessoren haben jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass bei aller Belastung in Lehre und Gremien genug Zeit für die eigene Profilierung in der Forschung bleibt. Dies hat mit einer insgesamt sehr fairen Behandlung durch Kollegen, Fachbereiche und Rektorat zu tun, welche durch das Land BadenWürttemberg beispielgebend unterstützt wird.

Im Dezember 2005 hat das Land ein zweijähriges Juniorprofessoren-Programm mit einer Fördersumme von 2,4 Millionen Euro ausgeschrieben. Je Juniorprofessor können bis zu 120.000 Euro für eigene Infrastrukturmittel beantragt werden. Zur Jahreswende wird das Programm nochmals aufgelegt werden. Die Konstanzer Juniorprofessoren empfehlen, dem derzeit praktizierten Modell selbstständiger Forschung und flexibler Qualifizierung eine Entwicklungschance einzuräumen. Eine Mischung aus frühen Förderungen und Forderungen, die durch Aussicht auf einen "tenure track" belohnt werden kann, erscheint uns als ein Erfolg versprechendes Zukunftsmodell universitärer Nachwuchsförderung.

Von den dreizehn Juniorprofessuren der Universität Konstanz, duzMAGAZIN

Die Autoren: Michael Dreher (Mathematik), Thomas Exner (Chemie), Wolf-Heimo Grieben (Wirtschaftswissenschaft), Bars Kabak (Sprach wissenschaft), Johanna Kißler (Psychologie), Albert Kümmel (Kunst und Medienwissenschaft), Hendrik Küpper (Biologie), Christian Lukas (Wirtschaftswissenschaft), Sean McCrea (Psychologie), Heiko Möller (Chemie), Frank Neuner (Psychologie), Sven Reichardt (Geschichtswissenschaft), Jens Südekum (Wirtschaftswissenschaft).

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