Karriere als Taxifahrer Das Glück lag in der Notlösung

150 Mal bewarb sich Bankfachwirt Christian Brüggmann, 56, um einen Job, bis er genug hatte vom Frust - und eine andere Idee: "Dann fahre ich halt Taxi." Wie geht es ihm heute damit?

Maria Feck

Eine Multimedia-Story über Erfolg von und (Video und Fotos)


Es gibt Menschen, die sind erfolgreich, wenn andere längst hingeworfen hätten. Sie überwinden Hürden, an denen andere scheitern. Was zeichnet diese Menschen aus, die es gegen viele Widerstände geschafft haben? Dieser Frage geht SPIEGEL ONLINE in fünf Multimediaporträts nach. Um die Antwort vorwegzunehmen: Es ist Ehrgeiz, ja. Aber nicht nur der.

Es wäre schön gewesen, mit Christian Brüggmann zu seinem Lieblingsort in Hamburg zu fahren. Doch er konnte sich nicht entscheiden. Er mag zu viele Orte. Der 56-Jährige arbeitet als Taxifahrer und Stadtführer in Hamburg. "Ich mache meinen Job gern", sagt er. Dabei war der eigentlich nur eine Notlösung.

Vor gut 15 Jahren hatte Brüggmann seine Stelle als Verkaufsleiter gekündigt und sich gerade selbstständig gemacht, als Berater und Trainer für den Vertrieb. Da wurde er krank, erst Lungenentzündung, dann Kniegelenksentzündung.

Als er nach einem guten Jahr wieder fit war, gelang es ihm nicht, zurück in seinen Beruf zu finden. "Ich dachte, ich schreibe drei Bewerbungen und dann bin ich wieder drin", sagt Brüggmann.

Er habe 150 Bewerbungen auf Stellen im Vertrieb verschickt, erzählt er. Und bekam 150 Absagen.

Vielleicht lag es daran, dass er sich nicht um einen Job als Verkaufsleiter bemühte, sondern um Posten, die auf der Karriereleiter ein bis zwei Stufen darunter lagen. Er wollte weniger Personalverantwortung und mehr Zeit für Frau und Kinder. "Soll ich mich auf das bewerben, was von mir erwartet wird, oder auf das, was mich glücklich macht?", fragt er und es klingt auch heute noch etwas trotzig.

Als Selbstständiger weiterzumachen, sei auch nicht infrage gekommen, sagt Brüggmann. Die Kunden waren weg, er hätte von vorn anfangen müssen. "Dann fahre ich halt Taxi", sagte er sich. "Das kann doch jeder."

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Vom Banker zum Taxifahrer: "Ich bin freier als zuvor"

Jetzt steht Brüggmann vor dem Chilehaus nahe der Speicherstadt. Es ist einer der vielen Orte, die er mag. Er erzählt von der Cholera, die an dieser Stelle vor 125 Jahren ausbrach, und von der Pudelstatue, die auf dem Dach der Reederei Laeisz nebenan sitzt. Die Frau des Reeders habe einst diesen Spitznamen getragen, wegen ihrer Frisur.

Brüggmann trägt einen grauweißen Schnäuzer, ein hellblaues Hemd und Jeans. Er ist gedrungen gebaut, Lachfalten zieren seine Schläfen, seine Halbglatze schimmert in der Sonne.

2002 ließ sich Brüggmann zum Taxi-Stadtführer und später auch zum Taxiunternehmer ausbilden. Seither eignet er sich ständig neue Fakten über Hamburg an. Deshalb weiß er, dass jeder Zeiger an der Turmuhr des Michels 130 Kilo wiegt und dass es fünf Millionen Euro kosten kann, um eins der großen Containerschiffe vollzutanken.

"Ich liebe es, Dinge zu erzählen, bei denen die Leute große Kulleraugen kriegen", sagt er.

Es war nicht immer so leicht als Taxifahrer. "Ich kenne Kollegen, die anfangs nicht mit dem Taxi nach Hause gefahren sind, weil sie sich schämten", so Brüggmann. Er selbst habe stets zu seinem neuen Beruf gestanden.

Doch das Gerede in seinem Heimatdorf Sahms in Schleswig-Holstein, knapp 400 Einwohner, ließ auch ihn nicht völlig kalt. Brüggmann wuchs dort auf dem Bauernhof der Eltern auf. Als er eine Ausbildung zum Bankfachwirt machte, 1985 die Sparkassenfiliale in Kuddewörde übernahm und später sogar einen Dienstwagen fuhr, kam das gut an im Dorf.

Als er ins Taxi umstieg, sagten manche: "Guck mal, jetzt muss er Taxi fahren." Ein Freund, für den er früher ein "adäquater Gesprächspartner" gewesen sei, habe nichts mehr von ihm wissen wollen. "Das prallt immer noch nicht ganz an mir ab", so Brüggmann.

Immerhin könne er heute damit leben, wenn Fahrgäste ihm ruppig mitteilten, wohin er fahren solle. Es nerve nur noch, wenn "manche meinen, ich sei nur Dienstleister und man müsse mich deshalb wie einen Diener behandeln".

Brüggmann langweilt sich schnell. Es klingt wie eine Last, wenn er das sagt, aber tatsächlich ist es ein Glück: Um der Langeweile zu entkommen, hat er sich in den Vorstand der Taxen-Union-Hamburg Hansa wählen lassen. Er schult junge Taxiunternehmer für seinen Verein und engagiert sich im bundesweiten Taxi- und Mietwagenverband.

"Ich wollte nicht riskieren, dass mein Verstand an der Motorhaube aufhört", sagt er. Und: "Wenn ich etwas mache, mache ich es gern gut."

Es gibt noch andere Gründe, warum Brüggmann in der Taxibranche so weit gekommen ist. Einer davon: Er kann sich verkaufen. "Sie bekommen im Taxi oft die Frage gestellt, wie das Geschäft denn so laufe", sagt er. "Und dann bekommen sie vom Fahrer das Füllhorn des Elends übergeschüttet."

Hinterher seien beide schlecht gelaunt, Fahrgast und Fahrer. Brüggmann macht es anders: Er lächelt, egal wie es ihm gerade geht, bringt einen flotten Spruch ("Ich kann nur meinen Anwalt zitieren: Ich kann nicht besser klagen.") und fragt zurück: "Wie war Ihr Tag denn so?"

Brüggmann beschert seinen Gästen geschickt gute Gefühle. Er spielt die Rolle so souverän, auch wenn er nach seinen schlechten Zeiten gefragt wird. Wie war es damals, im Krankenhaus, als er nicht wusste, ob er sein Bein würde behalten können? "Nicht so toll", so Brüggmann.

Wie war es, als er 150 Absagen kassierte und nicht wusste, wie es weitergehen sollte? "Natürlich ist man mal down", sagt Brüggmann. "Aber es bringt niemanden weiter, in seiner schlechten Laune zu verharren."

Brüggmann ist eitel, auch was sein Taxi angeht: Wie alt der Großraumwagen ist, will er nicht sagen. Er putzt jedenfalls täglich die Scheiben und schüttelt jedes Erdbröckchen schnellstmöglich von den Fußmatten. "Wenn man Stammkunden haben will, muss man bereit sein, einen Tick mehr zu tun."

Er hat inzwischen fast nur noch Stammkunden. Nur noch selten fährt er regulär Taxi, meistens wird er für mehrstündige Touren durch Hamburg und das Umland gebucht.

"Mein Nachbar sagt manchmal, dass ich bei der Bank hätte bleiben sollen", erzählt Brüggmann. Doch darüber will er nicht nachdenken. "Ich kann es sowieso nicht mehr ändern."

Eigentlich gehe es ihm gut, auf dem Dorf, mit seiner Frau und dem Garten. So gut, dass er lange nachdenken muss, wenn man ihn nach seinen Träumen fragt.

Brüggmann hat ein kleines Motorboot, mit dem er am Wochenende über Elbe und Kanäle fährt. "Ich würde gern mehr Zeit darauf verbringen", sagt er. "Und das Boot könnte etwas größer sein."

Mehr Träume wollen dem Taxi-Stadtführer nicht einfallen.



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