Karriere "In Krisenzeiten werden Netzwerke wichtiger"

Für manche ist "Networking" die ideale Tritthilfe auf der Karriereleiter, andere schimpfen über Seilschaften und Vitamin B. Im Interview erklärt der Bielefelder Soziologe Martin Diewald, 48, wie man Kontaktnetze knüpft, wann sie nützen und wo ihre Grenzen sind.


SPIEGEL ONLINE: Ob Studenten oder Berufseinsteiger, Manager oder Firmen - alle spinnen ihre Netzwerke. Warum?

Martin Diewald ist Soziologieprofessor in Bielefeld und erforscht seit Jahren die Rolle sozialer Netzwerke in Beruf und Gesellschaft

Martin Diewald ist Soziologieprofessor in Bielefeld und erforscht seit Jahren die Rolle sozialer Netzwerke in Beruf und Gesellschaft

Diewald: Weil Netzwerke extrem wichtig sind, und zwar für jeden Einzelnen wie für Unternehmen. Wer in einem Netzwerk ist, kennt Menschen, die einen fördern, ermutigen und unterstützen. Netzwerke erleichtern auch den Kontakt zu Menschen, die man sonst nicht erreichen kann. Sie machen es leichter, Geschäfte abzuwickeln, einen Studienaustausch zu organisieren oder gemeinsame Projekte zu machen. Außerhalb eines Netzwerks ist das schwieriger, da man nicht weiß, ob der andere vertrauenswürdig ist.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich ein Netzwerk vorstellen wie ein Fischernetz?

Diewald: Diese Metapher hat was für sich. Allerdings sind die Knoten mal stärker, mal schwächer, die Abstände sehr unterschiedlich, sicher ist das Netz nicht ohne Risse. Und es gibt sehr unterschiedliche Netze. Die engmaschigsten und stabilsten sind die, die mit Familie und guten Freunden geknüpft sind. Andere Netze - wie zu Kollegen und Bekannten - sind eher instrumentell: Wer weiß, welche Uni gut, welcher Prüfer angenehm und welche Arbeitsstelle vakant ist? Netzwerke funktionieren, weil Informationen, die uns Freunde oder gute Bekannte geben, umfassender und vertrauenswürdiger sind als bedrucktes Papier.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, ich suche Arbeit: Sind gute Kontakte dann wichtiger als gute Zeugnisse?

Diewald: Nein, aber sie sind zusätzlich wichtig. Zeugnisse und Noten sind relativ und für Arbeitgeber nicht leicht zu lesen. Zudem verraten sie wenig über Persönlichkeit, Durchsetzungsvermögen und Kreativität. Will ein Arbeitgeber wissen, welcher Bewerber am besten zu ihm passt, muss er intensive Auswahlverfahren durchführen. Doch die kosten Zeit und Geld. Besser ist es, er fragt Menschen, denen er vertraut. Beispiel Wissenschaftsmarkt: Wenn ich eine Stelle zu besetzen habe, frage ich Kollegen, die ich schätze und gut einschätzen kann. Empfehlen sie mir jemanden, dann hat der Bewerber beste Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Menschen, die über "Vitamin B" einen Arbeitsplatz ergattert haben, besonders loyale Arbeitnehmer?

Diewald: Nicht unbedingt - die Loyalität gilt ja nicht dem Unternehmen, sondern dem Fürsprecher. Gut möglich, dass sich der neue Arbeitnehmer dann in Abhängigkeit wähnt oder der Fürsprecher diese sogar einfordert.

SPIEGEL ONLINE: Netzwerke haben den Geruch von Vetternwirtschaft. Zu Unrecht?

Diewald: Vetternwirtschaft, Patronage und Seilschaften gibt es durchaus. Hier werden Gefälligkeiten ausgetauscht und private Interessen bedient. Das kann bis hin zur Korruption gehen. Solche Netzwerke dienen oft der Selbstverteidigung: Konkurrenten sollen ferngehalten, das eigene, unlautere Tun soll verdeckt werden. Und oft gibt es Protagonisten und Gefolgsleute.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in jedem Netzwerk Starke und Schwache?

Diewald: Absolut. Und es ist völlig falsch, den Begriff "Netzwerk" als Gegenbegriff zu "Hierarchie" zu verwenden. Dass Netzwerke egalitär sind, ist ein Mythos. Was oft übersehen wird: Beziehungen können ambivalent sein, es gibt manifeste Konflikte, Abhängigkeiten oder schiere Überbelastungen einzelner Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Arbeitsmarkt fällt auf, dass vor allem Freiberufler gut vernetzt sind. Für welche Berufsgruppen lohnt sich das sonst noch?

Diewald: Grundsätzlich für alle. Netzwerke sind nützlich für die Karriere. Junge Wissenschaftler, die sich vernetzen und mit anderen publizieren, sind schlichtweg im Vorteil. Und in der Wirtschaft gilt: Wenn sich Arbeitnehmer gut verstehen, profitiert das Unternehmen. Manche fördern mit Personalstrategien ganz bewusst ein Wir-Gefühl, denn sie wollen, dass sich die Mitarbeiter an das Unternehmen gebunden fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Schützen Netzwerke auch vor Abstieg und Arbeitslosigkeit?

Diewald: Personaler sind gehemmt, Mitarbeiter auf die Straße zu setzen, mit denen sie befreundet sind. Wer dennoch seine Stelle verliert, den schützen Familie und Freunde vor einem rasanten Fall in ein ganz tiefes Loch. Für Arbeitslose sind Netzwerke vermutlich noch wichtiger als für Beschäftigte. Sie haben weniger Geld und sind schnell abgeschnitten von Informationen. Ein zusätzliches Problem ist, dass Arbeitslose und Niedrigqualifizierte eigene Netzwerke eher mit ihresgleichen unterhalten und darin dann gefangen sind. Gerade hier ist es wichtig, parallele Netze anzubieten, die sie aus der Arbeitslosigkeit wieder herausholen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Netzwerke für spezielle Gruppen, etwa Frauen. Ist das sinnvoll?

Diewald: Ja, aber nur, solange es sich nicht um Patronage handelt. Wir sollten Menschen fördern, die schlechte Chancen haben, beruflich weiterzukommen oder überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden. Gerade Frauen haben es schwer. Männer schließen Frauen gern aus, wenn sie sich zum Fußball, zum Stammtisch oder zum Männerabend verabreden. Dort werden aber nicht nur Männergespräche geführt, sondern oft auch wichtige Entscheidungen getroffen und Kontakte angebahnt. Frauen tun gut daran, ihre eigenen Netze aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie uns einen Tipp: Wie baut man sich ein Netzwerk auf?

Diewald: Den einen ist es in die Wiege gelegt: Sie sind intelligent, sehen gut aus, werden womöglich später viel Geld verdienen. Wie die anderen es schaffen, sich Netzwerke zu knüpfen, ist in der Tat ein Problem. Es hilft, sich klar zu machen, dass man unterschiedliche Arten von Kontakte braucht: Freunde, Kollegen, Kunden. Und alle Kontakte sollten gepflegt werden, auch wenn man sie nicht aktuell benötigt. Niemand sollte sich allein auf seine Verwandtschaft verlassen. Die hilft einem zwar durch Krisen, aber nur selten bei der Karriere.

Kehrseite des Netzwerkens: Manche müssen draußen bleiben
mm.de

Kehrseite des Netzwerkens: Manche müssen draußen bleiben

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass es in Krisenzeiten mehr auf Netzwerke ankommt?

Diewald: Je mehr Arbeitslose es gibt, je mehr der Sozialstaat zurückgefahren wird, je mehr Leistungen entfallen, desto wichtiger werden Netzwerke. Freunde helfen bei psychischen Problemen und sogar, wenn der Arbeitsplatz bedroht ist. Sie ziehen sich häufig erst dann zurück, wenn man in Dauerarbeitslosigkeit abrutscht. Andere Netzwerke helfen mit Sachleistungen wie Kleidung oder handwerklichen Arbeiten. In Krisen werden Netzwerke wichtiger - und in der Diskussion um Netzwerke werden in Krisenzeiten die positiven Eigenschaften wie Unterstützung und Förderung betont. Falls die Wirtschaft wieder boomen sollte und alles offen und möglich erscheint, wird sich das ändern. Dann werden möglicherweise wieder die Schattenseiten wie Korruption oder Ausbeutung ausgeleuchtet.

Das Interview führte Dirk Schneider

Forum - Netzwerke: Unverzichtbar für Berufskarrieren?
insgesamt 31 Beiträge
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Bloomberg76, 17.07.2006
1.
---Zitat von sysop--- Ob Firmenangestellter oder Freiberufler: Netzwerke sind der Treibstoff für berufliche Karrieren. Welche Erfahrungen haben Sie mit "Networking" gemacht? Wie wichtig sind in Ihrer Branche Beziehungen? Wie kann man die Kommunikation untereinander verbessern? ---Zitatende--- Karriere wird zu 10% durch Leistung bestimmt und zu 90% aus der Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren und sie für seinen Standpunkt einzunehmen. Und das ist gut so.
GLA, 17.07.2006
2.
---Zitat von Bloomberg76--- Karriere wird zu 10% durch Leistung bestimmt und zu 90% aus der Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren und sie für seinen Standpunkt einzunehmen. Und das ist gut so. ---Zitatende--- Das ist vielleicht gut, wenn man sonst nichts kann ausser sich selbst gut zu verkaufen ("sich selbst verkaufen" klingt ja schon sehr negativ, oder). Aber ansonsten stimme ich Ihnen zu, durch gute Leistung kann man nur bis zu einem gewissen Grad Erfolg haben, irgendwann entscheiden die Beziehungen, ob es weiter voran geht oder nicht.
Pfälzer, 17.07.2006
3.
---Zitat von sysop--- Ob Firmenangestellter oder Freiberufler: Netzwerke sind der Treibstoff für berufliche Karrieren.(...) ---Zitatende--- Je mehr Leute man kennt, umso besser. Aber es ist schon schade, dass die Arbeit kaum mehr zählt.
La Bomba 17.07.2006
4.
Netzwerke sind eminent wichtig, leider erkennt man das oft erst, wenn man schon lange im Beruf steht. Sie können natürlich in Vetternwirtschaft ausarten, aber sinnvoll aufgebaut, nutzen sie allen. Was gerne übersehen wird: es genügt nicht, jemanden zu kennen, damit ein Netzwerk funktioniert, man muß auch Hintergründe zu den Netzwerken kennen, selbst bereit sein, Arbeit und Informationen zu investieren. Nur wer sich einbringt, kann auch ernten. Grüße vom Netzwerker
takkju, 17.07.2006
5. Netzwerke, Wie & Wo?
[QUOTE=La Bomba]Netzwerke sind eminent wichtig, leider erkennt man das oft erst, wenn man schon lange im Beruf steht... es genügt nicht, jemanden zu kennen, damit ein Netzwerk funktioniert, man muß auch Hintergründe zu den Netzwerken kennen, selbst bereit sein, Arbeit und Informationen zu investieren. Nur wer sich einbringt, kann auch ernten.
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