Betreuungslücke "Es gibt mehr Plätze - aber auch mehr Kinder"

Bundesweit fehlen Kita-Plätze für unter Dreijährige - 300.000 hieß es zuletzt. Wie viel genau, weiß keiner. Das liegt laut Christiane Meiner-Teubner auch an schwer ergründbaren Elternwünschen.

Kind spielt in einer Kita in Nordrhein-Westfalen (Symbolbild)
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Kind spielt in einer Kita in Nordrhein-Westfalen (Symbolbild)

Ein Interview von


Zur Person
  • DJI/TU Dortmund
    Christiane Meiner-Teubner, 34, forscht seit vier Jahren am Deutschen Jugendinstitut und an der Technischen Universität Dortmund zur Kindertagesbetreuung.

SPIEGEL ONLINE: Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet vor, dass in Deutschland rund 300.000 Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren fehlen. Wie dramatisch ist das?

Meiner-Teubner: Das IW bezieht sich auf eine Umfrage unseres Instituts, für die das DJI Eltern befragt hat, ob sie sich einen Kita-Platz für ihr Kind wünschen. Daraus geht aber nicht hervor, wie viele Eltern einen Platz abgelehnt haben, zum Beispiel weil die Öffnungszeiten nicht passten oder weil ihnen das Konzept nicht gefiel. Manche suchen vielleicht auch nur eine Betreuung für zwei bis drei Stunden - und ihre Kinder kommen in einer Krabbelgruppe oder bei der Oma unter. Solche Angebote erfasst die amtliche Statistik aber nicht. Einige Eltern gehen zunächst auch leer aus, bekommen dann aber einige Monate später doch noch einen Platz. Wie viele Plätze genau fehlen, ist schwer zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: In Bremen bekommt dem IW zufolge jedes fünfte Kind keinen Kita-Platz. Auch wenn es weniger sein mögen - selbst jedes sechste Kind wäre noch zu viel.

Meiner-Teubner: Der Ausbau der Betreuung muss definitiv weitergehen, aber das tut er auch. Seit 2013 kamen bundesweit jährlich Zehntausende Plätze hinzu. Das wird leicht übersehen, weil die Betreuungsquote zuletzt nicht weiter wuchs, sondern konstant blieb. Das liegt daran, dass deutlich mehr Kinder geboren wurden und dass viele geflüchtete Familien zu uns kamen. Es gibt also mehr Plätze - aber auch mehr Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr hat der Zuzug von Flüchtlingen den Mangel an Plätzen verschärft?

Meiner-Teubner: Es gibt dazu keine Zahlen, aber alle Länder haben Programme aufgelegt, um Flüchtlingskinder zumindest stundenweise zu betreuen, bis die Eltern einen Kita-Platz finden. Viele Familien wünschen sich am Anfang aber auch gar keinen Platz, zum Beispiel weil sie erst noch die Flucht verarbeiten und hier emotional ankommen müssen, bevor sie ihr Kind in Betreuung geben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kitas suchen händeringend nach Erziehern. Doch viele, die in dem Bereich arbeiten, fordern eine bessere Bezahlung. Reicht es, da anzusetzen?

Meiner-Teubner: Es wäre wünschenswert, wenn Erzieher besser bezahlt würden. Aber ich bin nicht sicher, ob das allein den Mangel beheben würde.

SPIEGEL ONLINE: Was kann dann helfen?

Meiner-Teubner: Wir brauchen mehr Ausbildungsplätze in dem Bereich. Da wurde in den vergangenen Jahren schon aufgestockt, aber das reicht nicht. Man könnte noch mehr junge Menschen für den Job begeistern. Dafür müsste man aber attraktivere Stellen schaffen, damit Erzieher zum Beispiel mehr Zeit für alltägliche pädagogische Arbeit, für Vor- und Nachbereitung haben. Wichtig wären auch mehr multiprofessionelle Teams, zum Beispiel aus Erziehern, Sozialpädagogen und Logopäden, die die anspruchsvolle Arbeit gemeinsam bewältigen.

insgesamt 11 Beiträge
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wasistlosnix 17.05.2017
1. Anspruch ist
für jedes Kind einen Kita Platz. Wenn dieses Jahr x Kinder geboren werden dann werden in 3 Jahren x Kitaplätze benötigt. Sicher kann es da zu Verwerfungen kommen wg. wegzug etc. ändert aber nichts an der Kitaplatzgarantie.
ronald1952 17.05.2017
2. Es ist eine Farce,
meine Kinder wurden vor 3 Jahrzenten geboren und es war auch schon so ein Kreuz mit den Kindergartenplätzen. Hat sich mittlerweile was getan? absolut nichts, außer der Tatsache das für meine Enkel heut horrende Preise führ Ihre Unterbringen in Kindergärten bezahlt werden müssen, denn wer will schon seine Kinder in einen normalen Kindergarten stecken die sich immer mehr als Parkstation für Kinder hervortun. Schon zu meiner Zeit hieß es immer es werden zu wenig Kinder geboren bei uns in Deutschland und Himmel wir werden Aussterben, aber Fakt ist unser Deutschland ist absolut Kinderfeindlich. Du kannst hier eher mit Hunden ankommen als mit Kindern leider eine traurige Tatsache.Und unsere Politiker machen das üblich, sie Schwätzen aber Sie Handel nicht. schönen Tag noch,
Teilzeitalleinerzieherin 17.05.2017
3. bitte nicht!
"Wichtig wären auch mehr multiprofessionelle Teams, zum Beispiel aus Erziehern, Sozialpädagogen und Logopäden, die die anspruchsvolle Arbeit gemeinsam bewältigen." Wir waren mal in einer privaten Kita, die mit den besagten Berufsgruppen (und nur studierten Erziehern) ausgestattet war. Die Damen (kein Herr dabei) verzweifelten regelmäßig an den Kindern, die sich partout nicht so benehmen und entwickeln wollten, wie es die Forschungserkenntnisse gerade vorsahen. Richtig glücklich waren die Kinder (und wir als Eltern auch!) trotz aller Nachteile bezüglich der personellen, finanziellen und materiellen Ausstattung in einer normalen Kita - Erzieher und Erzieherinnen, die größtenteils vorher etwas anderes gemacht und etwas von Welt gesehen hatten. Die konsultierten im Umgang mit unseren Kindern nämlich ihren Verstand und ihr Herz und nicht ihre Lehrbücher.
zak73 18.05.2017
4. Es fehlen keine Kita-Plätze
es fehlt die Lobby für die Eltern der unter 3-Jährigen. Was für Eltern geben schon gerne ihre Kleinkinder(U3) in fremde Hände zur Aufbewahrung wenn sie nicht, aus finanziellen Gründen, dazu gezwungen sind. Hier muss der Staat einspringen und dafür sorgen das Eltern von Kindern in dem Alter finanziell nicht schlechter gestellt sind wenn sie sich um ihre Kinder selbst kümmern. Teilweise werden bereits Säuglinge, im Alter von 3 Monaten in Kitas abgeschoben, was laut vieler renommierter Kinderpsychlogen, bereits in diesem zarten Alter zu schweren Traumata und Beziehungsstörungen auf Lebzeit führt. Kinder unter 2 Jahren haben, für eine gesunde emotionale Entwicklung bei ihren Eltern zu bleiben um Bindung, Beziehung und Vertrauen aufbauen zu können und die Liebe und Zuwendung ihrer Eltern zu erhalten. Alles andere ist unverantwortlich und gefährdet das Kindeswohl.
katja78 18.05.2017
5. Planung
Ich bin immer wieder überrascht, wie blauäugig die Verantwortlichen an die Planung der Kitaplätze gehen. Da werden die aktuellen Bedarfszahlen für zukünftige Planungen herangezogen, wohlwissend, dass es einen Trend zu früherer Betreuung gibt, der berücksichtigt werden müsste. Da werden Neubaugebiete ausgewiesen, ohne in anliegender Kita und Grundschule zu berücksichtigen, dass in solch ein Gebiet nun einmal vornehmlich junge Familien einziehen. Durch das Elterngeld wird ein klarer Anreiz gesetzt, die Kinder nach 14 Monaten in die Krippe zu geben, aber nach eben diesen 14 Monaten sind keine Plätze da.
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