Kita-Erzieher Mann, mach das doch!

Pädagogen, Eltern und Politiker sind sich schon lange einig: Kitas brauchen mehr Erzieher. Doch nach wie vor wollen zu wenige Männer den Job - trotz jahrelanger Kampagnen. Waren die Ziele zu hoch gesteckt?

Erzieher Sven Walle
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Erzieher Sven Walle


Sven Walle ist heute allein unter Füchsen. In der Hamburger Kindertagesstätte "Die Urmelis" geht ein Magen-Darm-Virus um, die Kollegin und eine Aushilfe sind krank. Die 23 Kinder seiner Vorschulgruppe stecken dagegen voller Energie. Der 41-jährige Erzieher nimmt's gelassen.

Einem Mädchen hilft er bei der Buchstabensuche. Auf ihrem Arbeitsblatt soll sie Worte mit "G" ankreuzen: Förster hat keins, Kleiderbügel schon. Nebenbei behält er die Experimentierwerkstatt im Blick, beantwortet dringliche Fragen zu Mittagessen, Flugzeugen, nassen Pullovern und lobt zwei Kinder, die das Badezimmer aufgeräumt haben.

Politik und Pädagogik sind sich einig: Es braucht mehr Erzieher wie Sven Walle. Die Europäische Union empfahl bereits 1996 den Männeranteil in Kitas auf 20 Prozent zu erhöhen. 2011 waren 3,6 Prozent erreicht, heute liegt die bundesweite Quote bei 5,85 Prozent - weit vom Ziel entfernt, auch wenn sich absolut die Anzahl der Männer verdoppelt hat.

Vor allem mit den Kleinen arbeiten kaum Männer
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Vor allem mit den Kleinen arbeiten kaum Männer

Für Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) ist das keine Überraschung. "Realität und politisches Ziel lagen hier weit auseinander. Ein Männeranteil von zehn Prozent wäre schon ein sehr großer Erfolg", sagt er.

Den höchsten Männeranteil in Kitas haben Großstädte wie Hamburg oder Berlin. Dort sind zehn Prozent bereits erreicht. In Bayern und Thüringen liegt die Quote bei kaum vier Prozent. Tim Rohrmann, Professor für Entwicklung im Kindesalter in Dresden, erklärt das Gefälle unter anderem mit eher traditionellen Geschlechtervorstellungen auf dem Land.

Aber es geht auch ums Geld. Studien zeigen, je höher der Frauenanteil in einem Beruf, desto niedriger sind die Einkommen. So spielt etwa in Baden-Württemberg die Konkurrenz durch besser bezahlte Jobs im Maschinenbau oder der Automobilbranche eine Rolle. Schleswig-Holstein wiederum, das etwas besser dasteht als der Bundesdurchschnitt, "profitiert" laut Rohrmann von der kulturellen Nähe zu Norwegen und Dänemark, wo es bereits seit über 20 Jahren großangelegte Kampagnen für mehr männliche Erzieher gibt.

Mehr Erzieher in der Ausbildung

Doch von dem 20-Prozent-Ziel der EU ist auch Skandinavien weit entfernt. Ob es überhaupt jemals irgendwo in Europa erreicht werden wird, mag Rohrmann nicht voraussagen. "In Norwegen liegt die Quote immerhin bei knapp zehn Prozent." Auch für Deutschland hält er das für ein realistisches Ziel. Ein langfristiger Wertewandel vorausgesetzt. Und dafür braucht die Frühpädagogik vor allem ein höheres Ansehen.

Umfragen zeigen, dass sich inzwischen 20 bis 25 Prozent der männlichen Schüler einen pädagogischen Beruf grundsätzlich vorstellen könnten. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie am Ende in einer Kita arbeiten werden. Großangelegte Kampagnen bringen durchaus Bewegung: In Hamburg warb der Paritätische Wohlfahrtsverband drei Jahre mit dem Slogan "Vielfalt Mann" um mehr Pädagogen. Die Zahl der angehenden Erzieher an den Fachschulen für Sozialpädagogik erhöhte sich in den letzten acht Jahren von 18,5 auf 26,8 Prozent. Doch erfahrungsgemäß arbeiten männliche Erzieher laut DJI-Chef Rauschenbach lieber mit Kindern im Alter zwischen fünf und zehn Jahren als mit den ganz Kleinen - also eher im Hortbereich.

Trotz des nur langsam steigenden Anteils an Männern in Kitas, setzen immer mehr Einrichtungen auf sie. Bei den Hamburger Urmelis sind sechs Pädagogen männlich und vier Leistende des Freiwilligen Sozialen Jahres. "In jeder Elementargruppe arbeitet mindestens ein Mann", erklärt Kita-Leiter Ralf Haaso.

Bei den ganz Kleinen in der Krippe sind Männer auch in dieser Einrichtung noch die absolute Ausnahme. Aber das möchte Haaso möglichst bald ändern. Denn seine Erfahrungen mit den gemischten Teams sind positiv: Die Stimmung sei ausgeglichener, die Männer brächten neue Erfahrungen und pädagogische Anregungen ein. Ein weiteres Argument ist der Erziehermangel. Durch den Ganztagsausbau fehlen Zehntausende Fachkräfte. "Nur auf weibliches Personal zu setzen, wäre fahrlässig", sagt er. Und nach seiner Erfahrung bewerben sich männliche Erzieher gern da, wo schon andere Männer arbeiten.

Kinder entwickeln sich besser

Die Kinder profitierten von gemischten Teams, erklärt Rohrmann. Dabei gehe es nicht ums Raufen und Kicken. "Das sind oft Klischees." Die Vorteile seien andere. So stelle eine aktuelle norwegische Studie fest, dass sich Kinder aus gemischten Erzieherteams kognitiv besser entwickelten. Auch setzten sich Geschlechterklischees nicht so schnell fest.

Erzieher Walle in Hamburg ist Quereinsteiger. Der gelernte KFZ-Mechaniker war lange bei der Bundeswehr - auch im Ausland und als Ausbilder eingesetzt. 2009 stieg er aus. Eine Werbekampagne machte ihn auf den Erzieherberuf aufmerksam, er schulte um. Eigentlich wollte er mit Jugendlichen arbeiten. Doch als "Die Urmelis" am schwarzen Brett der Berufsschule nach Erziehern suchten, bewarb sich Walle spontan.

Walle arbeitet mit den Vorschulkindern
Privat

Walle arbeitet mit den Vorschulkindern

Bereut hat er es nie. "Die Kinder dabei zu unterstützen wie sie immer selbstständiger werden, ist sehr erfüllend", erklärt Walle. In seiner Gruppe sind die Vorschüler. Er vermittelt ihnen erste Kenntnisse in Rechnen und Schreiben - und versucht ihnen beizubringen, wie sie Konflikte auf dem Schulhof aushalten. Walle bietet Experimentiertage und Ausflüge an, einmal pro Woche probt die Rockband der Füchse.

Laut Rohrmann ist die Arbeitszufriedenheit unter Erziehern hoch - trotz der Nachteile des Jobs: hohe Arbeitsbelastung, geringes Gehalt, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung. Und trotz des Misstrauens mancher Eltern, die Erzieher der Pädophilie verdächtigen. In manchen Kitas dürfen deshalb Männer grundsätzlich nicht wickeln.

Von solchen Sonderregelungen hält Urmeli-Leiter Ralf Haaso nichts. Skeptische Nachfragen kennt er aber. Erst vor wenigen Wochen wollte ein Vater wissen, warum ein Mann allein den Spätdienst übernehme. Oft erlebt er jedoch das Gegenteil: Eltern wollen unbedingt ihre Kinder bei den Urmelis anmelden, weil dort so viele Männer arbeiten.



insgesamt 166 Beiträge
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Seite 1
ReinhardZiegler 19.02.2018
1. Eltern unersetzbar
Kein Erzieher oder Betreuer kann die Eltern - vor allem die Mutter - ersetzen. Man kannn Erziehung nicht delegieren bzw. "Outsourcing". bis zum dritten Lebensjahr sollten die Kinder bei den Eltern bleiben und dann in eine Kita/Kindergarten gehen. Was vor allem an Waerme und Herzensbildung in den ersten drei Lebensjahren versäumt wird, kann später nicht mehr " repariert" werden. Wenn heutzutage immer mehr Psychotherapeuten an den Schulen benötigt werden, zeigt das doch, dass etwas krank ist im System.
dr.eldontyrell 19.02.2018
2. Im Vorletzten Abschnitt
werden alle Antworten gegeben: "Laut Rohrmann ist die Arbeitszufriedenheit unter Erziehern hoch - trotz der Nachteile des Jobs: hohe Arbeitsbelastung, geringes Gehalt, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung." Sprich wie bei den Pflegern: Der Idealismus und die Verantwortung, die diese Menschen in den Job einbringen, werden von denen, die damit Geld verdienen, knallhart ausgenutzt. Heraus kommen Jobs, die nur Idealisten machen, mit den oben genannten Nebenwirkungen: Hohe Arbeitsbelastung, geringes Gehalt, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung. Deshalb wirken diese Jobs auch nur auf eine ganz kleine Gruppe Menschen anziehend, wovon im Laufe der Karriere so mancher das Handtuch wirft. Aber: Der heilige Markt wird es richten.
ulmer_optimist 19.02.2018
3. Geschmackssache
Letztlich muss doch jeder für sich entscheiden, wo und wie er oder sie arbeiten will. So wie sich manche Frau "auf´m Bau" nicht wohlfühlen würde, wäre mir die Arbeit in einer weiblich dominierten Umgebung im Kindergarten zu anstrengend. Ich habe eine Weile lang im sozialpädagogischen Umfeld mit vielen Frauen gearbeitet - die Zickerei der Damen untereinander brauche ich nicht mehr.
DJ Doena 19.02.2018
4.
Zitat von ReinhardZieglerKein Erzieher oder Betreuer kann die Eltern - vor allem die Mutter - ersetzen. Man kannn Erziehung nicht delegieren bzw. "Outsourcing". bis zum dritten Lebensjahr sollten die Kinder bei den Eltern bleiben und dann in eine Kita/Kindergarten gehen. Was vor allem an Waerme und Herzensbildung in den ersten drei Lebensjahren versäumt wird, kann später nicht mehr " repariert" werden. Wenn heutzutage immer mehr Psychotherapeuten an den Schulen benötigt werden, zeigt das doch, dass etwas krank ist im System.
Früher war eine Lebensweisheit, dass Kinder vom *ganzen Dorf* erzogen werden. Spätestens wenn die Mutter ein zweites oder drittes Kind bekommt (was heute zugebenermaßen immer weniger passiert), muss der/die Älteste auch mal mit sich selbst zurechtkommen. Viele andere Kinder um sich herum zu haben, mit denen man nicht verwandet ist, ist in weiten Teilen der Welt immer noch usus. Nur in der westlichen Welt hat sich ein Muterkult entwickelt, weil man es sich in den 50er Jahren als Frau mal erlauben konnte, zu Hause zu bleiben und sich Vollzeit auf die Kinder zu glucken.
stoffi 19.02.2018
5. Eigentlich
wollte mein Enkel Erzieher werden, aber nach seinem Praktikum erzählte er, das er von den Eltern teilweise skeptisch betrachtet wurde. Ein Mann? Na der wird doch wohl nicht ? ,,Nee, Oma, da denken sicher immer welche was BÖSES und das will ich nicht." erzählte er mir, als ich ihn fragte, warum er sich um entschieden hat. Er arbeitet gern mit kleinen Kindern und übernimmt in den Ferien immer die Betreuung einiger Gruppen bei Ferienaktivitäten . Nur den Beruf selber, will es nicht mehr.
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