Internetsuche nach Obdachlosem in Hamburg Wie weit geht man, um seinen Vater zu finden?

In Hamburg verschwindet ein Obdachloser immer wieder aus seinem Viertel. Sein Sohn ruft dann im Netz dazu auf, ihn zu suchen - und erzählt sehr private Dinge. Warum teilt ein 25-Jähriger seine schwierige Kindheit mit der Welt?

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An einem Tag im November sitzt der obdachlose Thomas vor einer U-Bahnstation im Hamburger Stadtteil Hamm, trinkt Bier, guckt in die Wolken. Die Luft ist eiskalt und Thomas allein. "Was meinst du, ist Klaus jetzt da oben?"

Zur selben Zeit ist es in Boston nach Mitternacht. Norman liegt in seinem Bett, aktualisiert den Posteingang bei Twitter. Hat irgendjemand in Deutschland einen Hinweis, wo sein Vater Klaus sein könnte? Hat einer von Normans knapp 35.000 Followern ihn gesehen?

Sie teilen sein Hilfegesuch, kommentieren, trösten, versprechen, dass sie Ausschau halten. Der Sohn macht ein Au-Pair-Jahr in Amerika, der Vater ist nicht auffindbar, Zehntausende Twitternutzer suchen einen Menschen, der das nicht weiß, der nicht mal ein Handy hat.

Klaus ist weg, Angehörige, Freunde und Behörden fragen sich, ob er noch lebt. Dass er sich in diesen Novembertagen in Altona aufhält, sich wegen der offenen Schulter in einem Krankenhaus behandeln lässt, ahnt zu diesem Zeitpunkt keiner von ihnen. Normalerweise verlässt Klaus sein Viertel nicht, sagt Sohn Norman.

Norman, 25: Vatersuche von Boston aus
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Norman, 25: Vatersuche von Boston aus

Klaus ist ein Obdachloser, der sich nach Angaben der Polizei seit mehreren Jahren in Hamburg-Hamm aufhält. Er ist Kumpel von Thomas, die beiden sitzen abends häufig an einer U-Bahn-Station im Viertel und trinken Bier, behauptet Thomas. Und Klaus ist ein Vater, der sich vor mehr als zehn Jahren von seiner Familie verabschiedete.

In Deutschland sind Obdachlose ein blinder Fleck in der Statistik. Genaue Zahlen gibt es nicht, sagt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, und schätzt: Etwa 52.000 Menschen lebten im Jahr 2016 auf der Straße. Klaus ist einer von ihnen.

Wie weit geht man, um den verlorengegangenen Mann zu finden, von dem man abstammt?

Kindheit und Kneipe

Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Normans Vater Klaus in Karlstein am Main, Bayern. Er lernte Dachdecker, bekam mit seiner Frau zwei Jungen. Norman war der Zweite. Es ging elf Jahre gut. "Wir hatten nicht viel Geld", sagt Norman, "aber wir hatten einen großen Garten." Normans Stimme klingt kratzig, aufgeregt, während er seine Version der Vergangenheit schildert.

An einem Tag vor den Sommerferien 2004 passierte es. Die beiden Brüder saßen mit der Mutter in der Küche, als Klaus von der Arbeit kam. Wortlos legte er ein Kündigungsschreiben auf den Tisch und sagte: "Der Laden ist pleite. Ich bin bei Conny."

Die Kneipe am Ende der Straße, Wirtin Conny. Der Ort, an dem Klaus zu einem anderen wurde. Er fand keine neue Arbeit, trank stattdessen, öfter, mehr, kam besoffen nach Hause, die Mutter hellwach im Bett, Tränen im Schlafzimmer.

Die Eltern trennten sich. Klaus zog aus. In der Familie sprach man über nichts, sagt Norman, selbst unter den Brüdern kaum. Im Dorf Getuschel: Wo ist Klaus? Keiner wusste was, selbst Freunde sahen ihn nie. Als Norman 16 wurde, rief der Vater besoffen an und bestellte Glückwünsche. Norman war so perplex, dass er die drängenden Fragen nicht rausbekam. Wo blieb Klaus ab?

Seitdem fragt Norman sich, wer daran Schuld hat, dass seine Kindheit so früh zu Ende ging, ob er nicht eher hätte suchen sollen. Auf Twitter erzählt er von seinem Leben, zeigt auch Selfies, die gefallen einigen, ständig bekommt Norman neue Follower. Er fragt sie, wie sie seine Krawatte finden, dazwischen Gedanken: "Bin vorhin ans Meer gefahren und habe alles, was mich belastet, ins Wasser getreten."

Nachdem der Vater ausgezogen war, lernte Norman fürs Abi, studierte Psychologie, trauerte um den sterbenden Großvater, verliebte sich zum ersten Mal. Alles ohne Klaus. "Und dein Vater?", wollte die WG-Mitbewohnerin einmal wissen. "Der ist tot", sagte Norman. Das hatte er sich selbst so oft erzählt, dass es okay geworden war, es auszusprechen. "Es war keine Lüge", sagt Norman. Für seinen Sohn war Klaus tot.

Dann bekam Norman diese WhatsApp-Nachricht. Ein Typ schrieb ihm, er hätte seinen Vater gesehen, in Hamburg. Der Vater habe Normans Namen erwähnt. Daraufhin habe der Typ gegoogelt und Normans Handynummer gefunden. Er schickte ein Foto, auf dem Klaus in einer Sparkassenfiliale sitzt. "Ist das dein Vater?", wollte der Unbekannte wissen.

Norman erstarrte. Papa. Hamburg. Seine gesamte Kindheit leuchtete im Display vor ihm auf. Sein Vater war tot, aber er lebte. Tod, Leben! Das Handy leuchtete.

Der Unbekannte konnte ihm nicht sagen, wo genau sich Klaus aufhielt. Irgendwo in Hamburg, während Norman kurz davor war, das Au-Pair-Jahr in Boston zu beginnen. Er wollte raus, endlich, die Koffer standen gepackt im Flur. Nun hatte ihn irgendein Fremder an das erinnert, das er weit ab der Heimat vergessen wollte.

Norman flog nach Amerika. Er fand sich in einer neuen Familie ein, doch es kam immer wieder hoch, Papa, Hamburg. An Weihnachten lud Norman das Bild auf Twitter, das der Unbekannte ihm geschickt hatte, und fragte nach Hilfe beim Suchen des Mannes. Jemand erkannte ihn auf der Straße in Hamburg-Hamm wieder.

Ein paar Tage später stieg Norman in ein Flugzeug, Twitter immer dabei, und fuhr nach Hamm. Er traf seinen Vater wieder, kurz. Klaus war hinüber. Bevor er Norman umarmte, trank er einen Schluck Bier. Die beiden, ein schwerer Alkoholiker und sein Sohn, sprachen nicht lang. Norman gab Klaus einen Kuss und informierte die Wartenden auf Twitter.

Dann musste Norman zurück nach Boston. Da saß eine Familie, die ihn brauchte, und in der niemand besoffen war. Von Boston aus hielt Norman Kontakt zum Vater, vor allem über einen Twitterfreund aus Hamburg-Hamm. Der sah nach Klaus, immer wieder, und schrieb Norman dann. Meistens enthielten die Nachrichten nicht mehr als die Information, dass Klaus betrunken, hingefallen oder verwirrt war. Ab und zu bekam Norman übermittelt: Der Vater hat nach dem Sohn gefragt.

Von den USA aus schaltete Norman die deutschen Behörden ein. Sozialarbeiter versuchten, Klaus zum Hamburger Jobcenter zu bringen. Doch er habe sich gewehrt, sagt Norman. Gegen alles. "Er nimmt ungern Hilfe an."

Pläne für den Frühling

Norman nahm sich vor, im März 2019, wenn der Arbeitsvertrag in Boston ausläuft, nach Hamburg zu fahren. Doch dort tauchte Klaus vor einigen Tagen wieder ab. Der Twitterfreund, der für Norman oft nach Klaus sah, konnte ihn plötzlich nicht mehr finden, und obwohl viele im Viertel Klaus kennen, wusste niemand, wo er sein könnte.

Die Filialleiterin vom Penny nicht: "Der macht eh nur Ärger", sagte sie. "Der lungert mit seinen Freunden vor der Tür rum, klaut, hat Hausverbot." Die Leute von der Tanke, bei der Klaus oft Pfandflaschen abgab, nicht: "Seit Wochen nicht gesehen. Aber ein Netter. Den kennen wir."

Tankstelle in Hamburg-Hamm: "Den kennen wir"
SPIEGEL ONLINE

Tankstelle in Hamburg-Hamm: "Den kennen wir"

Die Sozialarbeiterin im Gemeindezentrum hat ihm mal fünf Euro gegeben: "Er war ziemlich runter und roch streng." Der Stadtteilpolizist, der in dem Viertel Streife fährt, sagte: "Selbst mit einer Vermisstenanzeige könnte ich nicht viel tun. Klaus ist erwachsen und keine Gefahr für die Öffentlichkeit. Aber auffällig war der schon."

Weil er immer im Vorraum der Sparkasse geschlafen habe, habe die ihre Öffnungszeiten geändert: von nun an nachts geschlossen. Im Café May, in dem Klaus häufig umsonst Kaffee bekam und mit den Kellnern plauderte, war er länger nicht gewesen.

Twittern, um zu leben

"Papa, bist du okay? Ich vermisse dich", schrieb Norman auf Twitter zu einem alten Foto von Klaus. Auch Norman ist erwachsen, 25 Jahre alt. Und er ist ein Kind, das seinen Vater verlor, als der vor 14 Jahren zu Conny in die Kneipe ging.

Mutter und Bruder halten sich eher raus. Sie wollen abschließen. Wenn Norman sucht, sucht er allein und doch mit Tausenden, auf Twitter. Dafür wird er auch kritisiert.

Einige finden es komisch, einerseits Tweets mit lustigen Emojis, andererseits Angst um Klaus. Einige fragen sich, warum Norman sein Au-Pair-Jahr nicht abbreche, es gehe schließlich um den Vater. Norman sagt, er hat sich in Boston was aufgebaut, betreut Kinder. Wenn er von ihnen spricht, sagt er: "Zuhause." Ein neues Leben verlassen, um in ein altes zu gehen?

Einige finden es nicht gut, dass Norman private Bilder teilt, dafür habe der Vater keine Zustimmung gegeben. "Es ist lebensfremd, sich darüber aufzuregen", sagt Norman. "Was soll ich denn machen? Besser twittern, als ihn da draußen zu lassen."

Norman schreit es beinah, seine Follower seien seine Stütze. Minütlich checkt er den Feed. Twitter gegen die Schmerzen, Twitter als Hoffnung, Privatsphäre nebensächlich.

Es hat wieder geholfen, Klaus ist zurück, ein Follower hat ihn am Freitagabend gefunden. Der schickte Norman auf Twitter ein aktuelles Foto von Klaus und schrieb: Wo genau der Vater in den vergangenen Wochen war, habe Klaus nicht sagen können, aber das mit dem Krankenhaus in Altona habe er noch gewusst.

Altona also. Verschwunden, gefunden, weg, wieder da. Wie hält man das aus?

In den kommenden Wochen wird eine Freundin von Norman nach Hamburg fahren, um auch nach Klaus zu sehen, sagt Norman.

Am Morgen, nachdem Klaus wieder in seinem Viertel angekommen ist, erzählt eine Drogerieverkäuferin, die nahe der U-Bahnstation arbeitet: "Ich habe Klaus in der Früh gesehen. Er sah traurig aus." Norman sagt, in Boston ist es noch nachts: "Ich bin so glücklich. Papa lebt. Auf mich wirkt er erholt."

Ist er das? Wann ist es das nächste Mal so weit, nächtliche Verzweiflung, Drama auf Twitter?

Klaus ist wieder an seiner U-Bahnstation in Hamburg-Hamm, mit Bier, und während sein neuestes Foto auf Twitter noch immer Likes bekommt, ist in Klaus' Leben nicht einmal klar, wie spät es ist. Klaus sitzt, trägt Wollmütze, trinkt.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes waren Fotos zu sehen, auf denen der Vater von Norman zu erkennen war. Wir haben sie nachträglich entfernt, weil wir nicht sicher sein können, ob der Abgebildete wirklich mit der Veröffentlichung einverstanden ist.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
PRAN1974 17.11.2018
1.
Einerseits kritisiert SPON, dass der Sohn die ganze Suche öffentlich macht und andererseits berichtet man in aller Breite darüber und garniert den Artikel sogar mit Fotos des alkoholkranken Obdachlosen. Ziemlich scheinheilig. Frage mich allerdings, ob solche Menschen nicht besser entmündigt und unter Zwangsentzug und Betreuung gestellt werden sollten. Unbeteiligten kann das Schicksal solcher alkoholkranker Obdachloser natürlich egal sein und er stellt anscheinend auch keine große Gefahr dar, aber ob es Angehörigen nicht sogar lieber wäre, wenn solche Menschen behandelt und betreut würden, auch gegen ihren Willen? Angesichts der traurigen Story kann man hier kaum von einem Menschen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ausgehen. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es, aber ist ein solches "Leben" auf der Straße wirklich noch ein Leben in Würde?
mirage122 17.11.2018
2. Der Zweck heiligt die Mittel
An PRAN1974: Ich finde das überhaupt nicht scheinheilig, dass SPON über den armen Klaus und seinen Sohn berichtet. Ist ein Leben auf der Straße würdevoll? Das zu entscheiden, steht uns nicht zu. Vielleicht ist Klaus ganz glücklich, Und entmündigen geht kaum noch. Vielleicht erreicht Norman ja, dass die Umwelt in Hamburg-Hamm ihn immer im Auge behält und dass er nach seiner Rückkehr aus Boston seinem Vater irgendwie helfen kann. Es ist nie zu spät, und einen Sohn, der sich aus der Ferne so um seinen Vater kümmert, den er kaum kennt, finde ich absolut lobenswert.
adal_ 17.11.2018
3.
Sozialarbeiter versuchten, Klaus zum Hamburger Jobcenter zu bringen. Doch er habe sich gewehrt, sagt Norman. Gegen alles. "Er nimmt ungern Hilfe an." Jobcenter ist eh die falsche Adresse. Die richtige Adresse ist das Sozialamt (SGB XII: Sozialhilfe oder Grundsicherungsrente und Hilfe in besonderen Lebenslagen) Statt mal Sozialarbeiter einzuschalten, sollte eine rechtliche Betreuung eingerichtet werden, damit die Behördenangelegenheiten geregelt werden.
galyeftherios 17.11.2018
4.
@PRAN1974 Vielleicht haben Sie auch nicht länger über Ihren Beitrag nachgedacht, aber es sollte eigentlich jedem auffallen, dass es reichlich absurd ist, über die Unantastbarkeit der Menschenwürde zu sprechen und gleichzeitig über Zwangsreinweisung und Entmündigung zu fantasieren.
dasfred 17.11.2018
5. Zu Nr.4 Menschenwürde gegen Zwangseinweisung
Hier wird gleich maßlos übertrieben. Eine rechtliche Betreuung, die sich um seine Behördenangelegenheiten, seine Unterkunft und medizinische Versorgung kümmert, ist keine Entmündigung, wie man sie früher verstand. Zuerst ermittelt ein Gutachter den Hilfebedarf, sowie die Fähigkeit, seine grundlegenden Bedürfnisse selbstständig zu regeln. Ich kenne selbst in Hamburg Fälle, in denen ein Berufsbetreuer solchen Menschen erst ihre Würde zurückgegeben hat. Das Problem ist, dass erst jemand einen Antrag für ihn stellen muss und dass das Kosten verursacht. Daher überlässt man die meisten Leute ihrem Schicksal und nimmt hin, dass sie sich in wenigen Jahren tot saufen. Die Grenze zur Selbstgefährdung wird sehr willkürlich festgelegt.
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