Komparse bei der US Army Studenten spielen Krieg

Wenn es ums Geld verdienen geht, sind sich Studenten für nichts zu schade. In den Semesterferien tauschen sie schon mal ihre Studentenbude gegen eine Kaserne. Und spielen bosnische Zivilisten bei Manövern der US Army - mitten in Bayern.

Von Christian Fuchs


Army-Übung in Hohenfels: Soldaten führen zwei "Aufständische" ab
DDP

Army-Übung in Hohenfels: Soldaten führen zwei "Aufständische" ab

Als Politiker noch über Auslandseinsätze der Bundeswehr stritten, war der 25-jährige Sascha Leser (Name geändert) aus dem sächsischen Borna schon mitten drin. Als "Zivilist auf dem Gefechtsfeld" mimte der BWL-Student 15 Tage lang einen Bewohner eines bosnischen Dorfes - im bayerischen Hohenfels.

Auf dem Truppenübungsgelände der US Army in Hohenfels laufen "seit zwei Jahren bis zu vier solcher Übungen jährlich", so Timothy L. Good, Chef der Zivilisten auf dem Army-Gefechtsfeld. In fünf künstlichen Dörfern "spielen Menschen jeglichen Alters Bauern, Bürgermeister" oder arbeitslose Orangenverkäufer - wie Sascha, der an der Uni Halle studiert. Die Dörfer haben realistische Namen, ihre Anordnung ist realen Landschaften im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina nachempfunden.

Saschas neuer Name: Mehmet Izmir

Bei den Manövern sollen die amerikanischen Soldaten Verhandlungen mit den regionalen Obrigkeiten üben, Mentalität und Eigenheiten der Ex-Jugoslawen kennen lernen und die Sprache dort üben. Deshalb waren bei Sascha Lesers Einsatz neben fast 300 Deutschen auch 150 Albaner dabei. "Die spielten meist Priester, Chefs oder terroristische UCK-Einheiten", berichtet der Kurzzeit-Ausländer.

Sascha zog aus der beschaulichen Studenten-WG in die Großkaserne. Außerdem bekam er "einen Pass und eine neue Identität, mein Name dort war Mehmet Izmir." Zwei Wochen lang musste er um vier Uhr früh aufstehen. Nach einem original American Breakfast ging es auf den Übungsplatz.

Dort mussten die Manöver-Komparsen zunächst Bar, Radiostation und Wohnungen einrichten und konnten dann machen, was sie wollten. Nach einigen Stunden "Demonstrationen und Aufstand üben", wie Sascha Leser es nennt, gab es echtes US-Armeeessen. "Meal Ready-to-Eat", "U.S. Government Property" oder "Nutrition" (künstliche Nahrung) steht auf den Plastikverpackungen, die der sonnengebräunte Wirtschaftswissenschaftler massenweise aus seinem Rucksack fischte. Bis nachmittags um 17 Uhr wurde dann wieder Balkanleben simuliert.

Bequem ist es in der Kaserne nicht

Der Sachse mit Vorerfahrung als Grundwehrdienstleistender der Bundeswehr nahm seine Aufgabe sehr ernst. Für 92 Euro Tagesgage widersetzte er sich oft den Kfor-Truppen und verstand kein einziges englisches Wort, trotz fünf Jahren Schulenglisch. Dafür durfte er das Gefängnis auch mal von innen sehen. Bis Dienstschluss, versteht sich. "Wir wurden doch dafür eingestellt, Stunk zu machen", sagt er und setzt nach: "Die Studenten waren echt die Besten dort, die Alten standen nur rum und waren stinkefaul. Wir aber hatten unseren Spaß und haben uns voll abreagiert."

Alle gegen einen: Die Statisten müssen einstecken können
DDP

Alle gegen einen: Die Statisten müssen einstecken können

"Bezahlter Abenteuerurlaub" nennt der Student das. Dazu kam er über die Firma Optronic aus dem baden-württembergischen Königsbronn. Eigentlich stellt der Familienbetrieb Infrarotkameras für die Dasa her. Doch seit Beginn der US-Einsätze in Ex-Jugoslawien vor zwei Jahren organisiert der Sohn des Besitzers, ebenfalls Student, die Rollenspiele. Regelmäßig veranstaltet die Firma Castings in deutschen Großstädten.

Neben Sprachkenntnissen brauchen die Laiendarsteller auch hohe Widerstandsfähigkeit: Die Unterkünfte sind alles andere als komfortabel, Alkohol und Drogen strikt verboten, die Statisten die gesamte Zeit von der Außenwelt abgeschnitten. Kein Telefonanruf erreicht sie in der bayrischen Funkloch-Pampa zwischen Regensburg und Nürnberg.

Angeblich droht Komparsen keinerlei Gefahr

Ein Teilnehmer berichtet, dass die Verträge immer nur über die nächsten sieben Tage liefen. Denn bei längeren Verträgen hätten die Nachwuchskrieger Anspruch auf Urlaub. Die Veranstalter üben hier und da Druck aus, damit sich die Statisten auch ja immer anstrengen. Einige halten das nicht durch und müssen frühzeitig nach Hause fahren. Dafür gibt es dann einen geringeren Tagessatz.

Daneben werfen Kritiker der Armee vor, dass die Übungen für unausgebildete Zivilisten zu gefährlich seien. Army-Koordinator Timothy L. Good ("wie very good") widerspricht energisch: Die Männer und Frauen bekämen eine kurze Ausbildung zu Beginn der Übung, die Soldaten benutzten nur Platzpatronen - und das auch nur im Notfall und für Luftschüsse. "Bisher wurde noch niemand dabei schwerer verletzt. Die Jungs sollen doch lernen, die Bevölkerung zu schützen", schiebt Good im breitesten Ami-Slang hinterher.

Von einem Sonnenbrand auf der Nase und einem Schlag in den Bauch abgesehen hat auch Sascha Leser den Einsatz unversehrt überlebt. Die nächste Übung findet von Mitte April bis Mitte Mai statt, die Castings laufen gerade an. Sascha will wieder dabei sein - beim "Hammerurlaub" auf dem Truppenübungsplatz.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.