Job und kranke Kinder Mama kann heute nicht zu Hause bleiben

Immer öfter bringen Eltern auch kranke Kinder zur Schule oder Kita - denn der Job zerrt an Mama und Papa, und die Großeltern wohnen weit weg. In Bayern sind nun Schulkrankenschwestern im Gespräch.

Krankes Kind
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Krankes Kind

Von Madeleine Janssen


Das Norovirus grassiert mal wieder! Vor allem berufstätige Eltern kriegen bei einer solchen Nachricht umgehend Panik: Was, wenn unser Kind das auch kriegt? Wer betreut es, wenn es tagelang nicht in die Kita oder zur Schule kann? Die Not, jemanden zu finden, wächst offenbar. Immer öfter tauchen Kinder auch in krankem Zustand bei den Erziehern und Lehrern auf.

"Unser Eindruck ist, dass bei Grippewellen mehr kranke Kinder zur Schule geschickt werden als noch vor zehn Jahren", sagt der Sprecher der Hamburger Schulbehörde, Peter Albrecht. Er mahnt, dass Eltern verpflichtet sind, ihre kranken Kinder zu betreuen - allein schon, um andere Kinder nicht anzustecken. "Vielleicht wägen manche Eltern in dieser Frage falsch ab."

Krankenschwestern an Schulen gehören in Skandinavien längst dazu

Für viele Familien ist das leichter gesagt als getan. Omas und Opas wohnen oft weit weg oder sind selber berufstätig und können im Notfall nicht schnell herbeieilen. Viele Frauen kehren nach einer Geburt früher wieder in den Beruf zurück, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war. Kurz: Das traditionelle Familiengefüge hat sich verschoben, und das System ist nur unzureichend darauf eingestellt.

Eltern haben zwar verschiedene Rechte, darunter auch den Anspruch auf zehn Kinderkrankentage im Jahr. Doch die sind schnell aufgebraucht - und das Verständnis der Vorgesetzten oft auch.

"'Dein Sohn ist schon wieder krank?' Das konnten meine beiden Chefs überhaupt nicht verstehen", berichtet die zweifache Mutter Melanie Herbst*. Die 31-Jährige arbeitete in einem Kosmetiksalon - keine besonders familienfreundliche Branche, wie sie feststellte. Wenn sie wegen ihres Sohnes Leon* zu Hause bleiben musste, hätten ihre Chefs ihr das am liebsten verwehrt - und sagten ihr das deutlich. Auch Herbsts Ehemann Kai* konnte nicht immer einspringen. Als Gymnasiallehrer musste er jedes Mal mit der Schulleitung darum ringen.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat nun eine alte Idee wieder aufgegriffen: Schulkrankenschwestern könnten Schüler, die sich während des Unterrichts krankmelden, zumindest kurzzeitig pflegen. Kranke Kinder bräuchten Zuwendung, sagt die BLLV-Vorsitzende Simone Fleischmann. Wer nicht sofort abgeholt werden könne, müsse sich unter Aufsicht für ein paar Stunden aufs Sofa legen und heißen Tee trinken können.

In vielen Schulen Großbritanniens, Israels und Skandinaviens gehören Krankenschwestern zur Grundversorgung. Auch in Hamburg gab es das schon mal: Tessa-Marina Alagöz arbeitete als einzige ihrer Art an der Klosterschule im Stadtteil St. Georg. Die meisten Schüler kamen mit Bauch- oder Kopfweh zu ihr oder weil sie sich beim Toben das Knie aufgeschlagen hatten. Mittlerweile ist sie in Rente, ihre Stelle nicht wieder besetzt. Peter Albrecht von der Schulbehörde verweist aufs Geld: "Eine ausgebildete Krankenschwester, wissen Sie, was das kostet?" Auch in Bayern heißt es: Schöne Idee, aber bei akuter Krankheit müssen die Eltern ran. Egal wie.

"Das System beruht auf der Fiktion, dass da irgendwo noch Frauen sind"

Doch was, wenn man ausgerechnet am ersten Tag der Magen-Darm-Grippe des Sprösslings ein wichtiges Meeting leiten soll oder die lange geplante Dienstreise nach Tokio ansteht? Karin Jurczyk vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) plädiert für ein neues Bewusstsein in der Gesellschaft. "Das ganze System beruht ja auf der Fiktion, dass da noch irgendwo Frauen im Hintergrund sind", sagt sie. "Es muss ein Interesse an Gemeinschaft und an geteilter Last geben."

Jurczyk wünscht sich, dass die Menschen häufiger in neuen genossenschaftlichen Wohnformen und Mehrgenerationen-Projekten leben und sich feine Netzwerke unter den Nachbarn entspinnen. "Wenn das Kind von nebenan dann mal krank ist", sagt sie, "kann ich als Nachbarin darauf aufpassen, und es kennt mich schon."

Noch sind solche Netzwerke eher die Ausnahme als die Regel. Gerade unter zugezogenen Großstädtern beklagen viele, dass sie wenig Kontakt zu ihren Nachbarn hätten. Dass man anonym aneinander vorbei lebe. Diese Notlage haben private Initiativen zunehmend als Geschäftsfeld entdeckt.

Etwa der gemeinnützige Verein "Notmütterdienst". Er bietet in Köln, Hamburg, Frankfurt und Berlin Betreuung zu Hause an - für 15 Euro pro Stunde. Er kooperiert bei den Kosten mit den gesetzlichen Krankenkassen, in manchen Fällen übernimmt sie das Jugendamt. Die "Notfallmamas" hüten kranke Kindern in sechs Großstädten. Hier arbeiten rund 30 ausgebildete Krankenschwestern und Erzieher. Ihr Service kostet Eltern 35 Euro pro Stunde.

In München kümmert sich der Verein "Zu Hause gesund werden" mit einem Team ehrenamtlicher Helfer um kranke Kinder. 2016 hat der Verein mehr als 1300 Familien betreut, fast zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Stunde kostet 6,50 Euro plus Fahrtkosten. Möglich macht das auch die Stadt München, die das Projekt finanziell unterstützt.

"Familien mit kranken Kindern mal entgegenkommen"

Dass flexible Betreuung in der Regel teuer ist, sieht Karin Jurczyk vom DJI kritisch. "Privaten Kuschel-Service" nennt sie das. Sie sagt aber gleichzeitig: "Selbstverständlich brauchen wir Back-up-Systeme. Unser ganzes Arbeiten erfordert so viel Flexibilität. Da muss man auch den Familien mit kranken Kindern mal entgegenkommen." Und zwar auf betrieblicher Ebene. Man könne zwar die Gesetze verändern und zusätzliche Kinderkrankentage einführen. "Aber das ist für den einen zu wenig, und der andere schöpft es nicht aus." Besser seien verlässliche Vereinbarungen in den Unternehmen.

Melanie Herbst hat inzwischen Konsequenzen gezogen - die gleiche wie Generationen von Frauen vor ihr: Nach der Geburt ihres zweiten Sohnes verabschiedete sie sich aus der Kosmetikwelt, der eigentlich ihre Leidenschaft gegolten hatte. Jetzt ist sie Hausfrau.

*Namen von der Redaktion geändert

Mit Material von dpa



insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
sammilch 07.03.2017
1.
"Das ganze System beruht ja auf der Fiktion, dass da noch irgendwo Frauen im Hintergrund sind", sagt sie. "Es muss ein Interesse an Gemeinschaft und an geteilter Last geben." Das stimmt, leider. Ich wurde auch schief angesehen, als ich als Mann zu Hause blieb, als meine Kinder krank waren. Nicht jede/r hat das Glück in Firmen zu arbeiten, die ihre Mitarbeiter schätzen und halten wollen, den meisten von uns ist bewusst, dass wir alle ersetzbar sind. Ich würde mir hier mehr gewerkschaftliche Organisation der Beschäftigten wünschen - ein frommer Wunsch, wenn ein Klima der Angst in Betrieben herrscht.
whitewisent 07.03.2017
2.
Gegenfrage, welches Interesse hat ein Arbeitgeber an den Kindern seiner Mitarbeiter? Gar Keines! Er darf ja bei Bewerbungsgesprächen nichtmal nach diesen oder einer Schwangerschaft fragen. Trotzdem halten es schon jetzt viele für normal, in den 10 Tagen volle Lohnfortzahlung zu erhalten. Wenn der Staat es für erstrebenswert hält, das Eltern für ihre Kinder sorgen, sollte dieser die Arbeitgeber finanziell entlasten. Ansonsten kann jeder Arbeitnehmer auch unbezahlt für die Familienpflege freigestellt werden. Oder, wenn es tatsächlich um de Tage geht, 20 Tage bei halben Gehalt. Zwar in einem Kosmetiksalon trotzdem eine Zumutung für den Chef und die Stammkunden, aber sollte man mal drüber reden. Wenn in Berlin 10% der S- und U-Bahnen morgens im Depot bleiben, haben die Fahrgäste auch nicht sonderlich viel Verständnis, wenn sie wissen, dass davon die Hälfte auf Eltern in der Kinderpflege zurückzuführen sind. Die Solidarität gilt immer nur allgemein, wenn es einen nicht selbst trifft.
paddler0 07.03.2017
3. Dilemma
Wer konsequent zu Hause bleibt, wenn seine Kinder krank sind, hat in der Verteilung von Gehaltserhöhungen oder Beförderungen kaum Chancen. Es trägt bei konsequenter Nutzung auch noch dazu bei, dass man sich bei Kollegen unbeliebt macht, wenn man keine Kompromisse eingeht. Das darf zwar nicht sein, ist aber so. Und leider kann sich auch nicht jeder 15 Euro/Stunde - oder sogar 35 Euro/Stunde wie in dem Artikel genannt - leisten. Wenn dann das Kind mal einige Tage zu Hause bleiben muss, lohnt sich der Job gar nicht mehr. Dann könnte man gleich ganz zu Hause bleiben. Es sind ja nicht alles Gutverdiener. So eine Krankenschwester oder Zahnarzthelferin verdient weniger als 15 Euro/Stunde.
bergeron 07.03.2017
4.
Schlimmer! Das System beruht auf der Fiktion, dass Leistung und maximale Flexibilität gut für die Menschen ist. Kinder sind da natürlich ein Störfaktor. Die "funktionieren" nicht immer, und dass ist auch gut so!
sammilch 07.03.2017
5.
Zitat von whitewisentGegenfrage, welches Interesse hat ein Arbeitgeber an den Kindern seiner Mitarbeiter? Gar Keines! Er darf ja bei Bewerbungsgesprächen nichtmal nach diesen oder einer Schwangerschaft fragen. Trotzdem halten es schon jetzt viele für normal, in den 10 Tagen volle Lohnfortzahlung zu erhalten. Wenn der Staat es für erstrebenswert hält, das Eltern für ihre Kinder sorgen, sollte dieser die Arbeitgeber finanziell entlasten. Ansonsten kann jeder Arbeitnehmer auch unbezahlt für die Familienpflege freigestellt werden. Oder, wenn es tatsächlich um de Tage geht, 20 Tage bei halben Gehalt. Zwar in einem Kosmetiksalon trotzdem eine Zumutung für den Chef und die Stammkunden, aber sollte man mal drüber reden. Wenn in Berlin 10% der S- und U-Bahnen morgens im Depot bleiben, haben die Fahrgäste auch nicht sonderlich viel Verständnis, wenn sie wissen, dass davon die Hälfte auf Eltern in der Kinderpflege zurückzuführen sind. Die Solidarität gilt immer nur allgemein, wenn es einen nicht selbst trifft.
Er hat die Kunden der Zukunft davon. Ist doch eigentlich ganz einfach, oder? Kinder sind eine gesellschaftliche Aufgabe. Nicht die einzelner Personen.
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