Kultusminister Deutschland steigt beim Lehrer-Pisa aus

Bei zwei Pisa-Studien haben sich deutsche Schüler blamiert. Nun steht der Lehrertest ins Haus - und Deutschland macht einen Rückzieher. Die Kultusminister wollen keine OECD-Forscher mit Videokameras durch die Schulen streifen lassen.


Neue Ideen der OECD kommen bei deutschen Lehrern nicht immer gut an. Die Organisation der westlichen Industriestaaten hat bereits zweimal den großen internationalen Pisa-Test veranstaltet und damit in Deutschland für beträchtliche Turbulenzen gesorgt - die deutschen Neuntklässler schnitten gar nicht gut ab. Seitdem blicken die Lehrer mit Groll nach Paris, wo Pisa-Leiter Andreas Schleicher residiert. Schließlich hat ihr Beruf nach den Pisa-Pleiten ein Imageproblem.

Immer wieder Pisa: Lehrer sollen nicht auf den Prüfstand
DPA

Immer wieder Pisa: Lehrer sollen nicht auf den Prüfstand

Tragen die Lehrer Schuld an der Blamage? Die OECD will das mit einer neuen Studie herausfinden - und Forscher mit Videokameras in die Klassenzimmer ausschwärmen lassen. Sie sollen auch Vorschläge machen, wie der Lehrerberuf in Zukunft attraktiver und die Arbeit der Pädagogen effektiver gemacht werden kann. Doch pünktlich zum Weltlehrertag am Mittwoch kündigten die Amtschefs der Kultusminister-Konferenz (KMK) an, bei der neuen OECD-Studie "Lehrer, Unterricht und Lernen" nicht mitzumachen.

An einer Vorstudie für den Lehrer-Tüv hatte sich Deutschland zunächst beteiligt. Die geplante Lehrerstudie allerdings beschreibe nur bekannte Dinge neu und sei außerdem zu teuer: "Genug getestet", lautet das Verdikt der Kultusminister.

"Lehrerbildung muss man differenzierter betrachten, als es bei dieser Studie der Fall war", sagte KMK-Generalsekretär Erich Thies Journalisten, "allgemeine Überblicke, wie wenn fünf Experten durch vier Bundesländer reisen, helfen da nicht weiter." Das bedeute aber nicht, dass man sich von internationalen Vergleichsstudien verabschiede: An einem weiteren OECD-Lehrer-Forschungsprojekt zum Einfluss des Unterrichts auf den Lernerfolg wolle man sich wiederum beteiligen.

Lehrergehälter: Oft mit Extras
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Für die Vorstudie zum Lehrer-Pisa hatte eine internationale Expertenkommission eine Reise durch die Lehrerzimmer angetreten und danach radikale Reformen für den Lehrerberuf in Deutschland vorgeschlagen, zum Beispiel die Abschaffung des Beamtenstatus und eine leistungsabhängige Bezahlung. Die Kommission plädierte gar für eine konstante "Kultur der Leistungsüberprüfungen", aus Sicht der Kultusminister offenbar eine Drohung. Nun verschließt die KMK die Tür zum deutschen Klassenzimmer.

Verbände beklagen mieses Image

Dabei hätte der deutsche Lehrerberuf einen Imagepolitur dringend nötig. Der Lehrerberuf könnte ein Traumjob in Deutschland sein - schließlich arbeiten deutsche Lehrer im Vergleich mit ihren Kollegen anderer Länder zu recht privilegierten Bedingungen. Trotzdem wird kaum eine Berufsgruppe ähnlich angefeindet wie die oftmals als Halbtagsjobber und Faulenzer beschimpften Lehrer. Auch die Pädagogen selbst schätzen das Ansehen ihres Berufsstandes als "mangelhaft" ein und fühlen sich von der Politik in Sachen Pisa im Stich gelassen.

Der Beruf des Pädagogen werde schlecht geredet und habe deshalb an Ansehen eingebüßt, beschwert sich auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und kritisierte die Entscheidung der Kultusminister, an der Lehrerstudie nicht teilzunehmen. Das schlechte Image des Berufs spreche sich bei den Schulabgängern herum, die vor der Entscheidung über ihr Studienfach stehen. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte den Ausstieg aus dem internationalen Lehrer-Tüv als "kein gutes Signal zum Weltlehrertag".

Gehälter international: Deutschland auf dem Treppchen
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Denn trotz derzeit guter Aussichten auf Übernahme in den Staatsdienst haben Studienanfänger keine Lust auf den Lehrerberuf. Schon jetzt gibt es rund 10.000 offene Stellen für Lehrer, und es dürften noch mehr werden. Denn die Zahlen der Lehramtsstudenten sind rückläufig: 2004 schrieben sich sechs Prozent weniger Erstsemester ein als im Vorjahr. Dabei bleiben die Schülerzahlen zunächst konstant, und in den nächsten Jahren treten etwa 300.000 der 800.000 Schullehrer in den Ruhestand.

Während sich die Kultusministerien nicht von der OECD überwachen lassen wollen, fordern die Lehrerverbände mehr Unterstützung von der Politik. Vom Lehrer werde heute die Rolle eines "Tausendsassas" erwartet, der in der Schule Probleme meistern soll, die in der Gesellschaft einer Lösung harren", sagte der VBE-Vorsitzende Ludwig Eckinger und nannte als Beispiele die Integration der Migranten und das Ausgleichen schiweriger sozialer und familiärer Bedingungen. Die Bundesländer müssten Bildung aus der "Geiselhaft der Finanzministerien" befreien und die "Diener der Kinder und Jugendlichen" anständig bezahlen, forderte Eckinger.

Leistung lohnt in Deutschland kaum

Ob der Lehrerschwund wirklich an der Bezahlung liegt, darf bezweifelt werden. Denn finanziell stehen deutsche Lehrer recht gut da, wie eine OECD-Studie zeigt: Die deutschen Lehrergehälter lagen im Jahr 2003 gut 13.000 Dollar über dem Durchschnitt in den Industriestaaten. Nur in der Schweiz verdient ein Studienrat noch mehr als in Deutschland. Die OECD hat da bereits andere Vorstellungen geäußert und vorgeschlagen, die Lehrer-Grundgehälter zu kürzen und an Leistungen zu koppeln.

"Mr. Pisa" Andreas Schleicher: Quälgeist in Paris
AP / Fritz Reiss

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Als Garant für gute Schülerleistungen und hohe Unterrichtsqualität taugen Spitzengehälter nämlich nicht - sonst müssten deutsche und schweizerische Jugendliche ihre Mitschüler in den Pisa-Spitzenländern weit hinter sich lassen. Vielmehr schneiden Schüler in Finnland und Irland gut ab. Dort beziehen die Pädagogen zwar mittelmäßige Grundgehälter, können sich aber durch herausragende Unterrichtsleistungen oder durch Betreuung von Jung-Referendaren ein Zubrot verdienen. In Deutschland gibt es solche Extras nicht, hier steigt das Lehrereinkommen automatisch mit dem Alter oder bei der Familiengründung.

"Lehrer dürfen nicht mehr der blinde Fleck des Bildungssystems sein", forderte schon vor drei Jahren Andreas Schleicher, der bei der OECD in Paris bereits den Schülervergleich koordinierte. "Mr. Pisa" Schleicher ist für seine Streitbarkeit bekannt und bei der KMK wegen seiner düsteren Testergebnisse nicht gerade beliebt, kritisierte er doch mehrfach die Sparpriorität in der deutschen Bildungspolitik und die zögerliche Antworten auf die Pisa-Ergebnisse.

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