Lehrer-Arbeitszeiten "Die Schulen lassen die Finger davon"

Die Arbeitszeit daran zu koppeln, welche Fächer Lehrer unterrichten - dieser Versuch ist in Baden-Württemberg gescheitert. Fast keine Schule setzt das Konzept um. Die Angst vor Knatsch im Kollegium ist zu groß: Wer legt sich schon gern mit dem Sportlehrer an?


Zwei Lehrer gehen mittags nach der Schule nach Hause. Der eine hat einen dicken Stapel Englisch-Klausuren im Gepäck. Später wird er den Unterricht des nächsten Tages vorbereiten und noch bis tief in der Nacht mit einem Rotstift in den 32 Texten herumstreichen. Der andere ist Sportlehrer. Er hat jetzt Feierabend und freut sich schon auf die Theaterpremiere mit seiner Frau.

Sportunterricht: Arbeiten Sportlehrer weniger als Deutschlehrer?
DPA

Sportunterricht: Arbeiten Sportlehrer weniger als Deutschlehrer?

Unterrichten müssen beide gleich viel. Ist das gerecht? Sollte man dem, der zuhause noch viel zu tun hat, nicht wenigstens ein oder zwei Stunden Schulunterricht erlassen?

Das hält das Kultusministerium in Baden-Württemberg für fairer. Eine vom Ministerium eingesetzte Arbeitsgruppe hat dort bereits vor drei Jahren ein Modell zur Neubewertung der Lehrer-Arbeitszeit vorgelegt. Seitdem können alle Schulen im Land Lehrern mit hohem Arbeitsaufwand bis zu zwei Unterrichtsstunden in der Woche erlassen. Indes: So einleuchtend diese Idee klingt - sie gilt als gescheitert.

"Nur zwei bis drei Schulen nutzen diese Möglichkeit", sagte Kultusminister Helmut Rau (CDU). Nach Angaben der Bildungsgewerkschaft GEW hat sogar nur eine einzige Schule das Modell umgesetzt. Weil es einen großen Haken hat: Manche Lehrer dürfen weniger Stunden geben. Aber andere müssen dafür umso mehr unterrichten.

Auf das Arbeitszeit-Thema reagieren Lehrer allergisch

"Die Schulen lassen die Finger davon. Sie haben Angst, dass es Unfrieden gibt", so Michael Gomolzig, der Sprecher des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Denn wieviel ein Lehrer korrigieren muss, wie oft er Elterngespräche führt, wie groß seine Klasse ist oder der Aufwand für Klassenfahrten - "wenn man all das zu Beginn eines jeden Schuljahres ausdiskutieren muss, schlagen die Wellen hoch. Man befürchtet, dass es dann nur noch schlimmer wird."

In ihren Arbeitszeit-Regelungen für Lehrer unterscheiden die Bundesländer traditionell nur nach Schultypen, nicht nach Fächern. Beispiel Baden-Württemberg: An Grundschulen haben Lehrer 28 Wochenstunden zu unterrichten, an Gymnasien nur 25, an den Berufsschulen ebenfalls. An Haupt- und Realschulen sind es 27, an Sonderschulen 26 Stunden. So schreibt es der "Regelstundenmaßerlass" vor.

Die Staffelung nach Fächern wird an den Schulen offenkundig gemieden: Fast kein Thema trifft bei Lehrern so schnell den wunden Punkt wie die Arbeitszeiten. Denn einige Bundesländer haben Pädagogen in den vergangenen Jahren Extra-Stunden aufgebrummt; zudem klebt am Berufsstand das "Faule Säcke"-Image. Das finden Lehrer zutiefst ungerecht. Sie argumentieren, dass ein erheblicher Teil ihrer Arbeitszeit öffentlich unsichtbar bleibt - nämlich zum Beispiel die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Korrekturen und Fortbildungen, Elterngespräche und Klassenfahrt-Organisation.

In Hamburg feierten 240 Lehrer krank

Auch in anderen Bundesländern gab es bereits heftige Querelen um neue Arbeitszeitmodelle für Lehrer. So kündigte Nordrhein-Westfalen im Jahr 2001 an, dass die Arbeitszeit der Lehrer endlich gerechter verteilt werden soll - wie etwa in Bayern. Doch das System, dass jede Schule selbst ausgestalten durfte, kam kaum zum Einsatz; die Lehrerschaft spielte nicht mit.

Im Jahr 2004 erkannte schließlich ein Gericht in Nordrhein-Westfalen an, dass ein Englisch- und Französisch-Lehrer mit seinen beiden Korrekturfächern deutlich mehr arbeiten muss als beispielsweise ein Sport- und Erdkundelehrer. Die Richter entschieden: Besonders belastete Lehrer sollten um zwei bis drei Stunden befreit werden, die dann von Kollegen übernommen werden. Sie gaben damit einem Lehrer Recht, der eine gerechtere Arbeitszeitregelung gefordert hatte.

Auch in Hamburg wurde im Jahr 2003 nach langen Debatten eine neue Arbeitszeit-Regelung eingeführt. Kurz darauf feierten 240 Lehrer kollektiv krank - um gegen das neue Arbeitszeitmodell zu protestieren. Nach der umstrittenen Aktion griff die Behörde härter durch: Wer sich krank meldete, musste schon am ersten Tag ein Attest zücken können.

"Plus-Minus-Zwei-Stunden-Regelung greift zu kurz"

Ein Hamburger Kunstlehrer zum Beispiel sah nicht ein, dass er wegen des geringeren Korrekturaufwands seines Faches 26 statt 23 Stunden Unterricht in der Woche geben muss - mehr als die Mathe- und Deutschlehrer an seiner Schule. Also klagte er. Doch die Richter fanden den Unterrichtsplan nicht rechtswidrig. Und eine Unternehmensberatung lobte das Hamburger Modell in einem Gutachten. Die neuen Regelungen verstünden die Schule als "Bildungsbetrieb" und führten zu mehr Gerechtigkeit unter den Lehrern.

Die GEW in Baden-Württemberg kann sich das kaum vorstellen. Sie lehnte das neue Arbeitszeitmodell von Anfang an ab. "Eine bloße Plus-Minus-Zwei-Stunden-Regelung greift viel zu kurz", sagte Gewerkschaftssprecher Matthias Schneider. Besser sei eine Umverteilung. So könnten für bestimmte Stunden Klassen zusammengelegt, für andere in kleinere Arbeitsgruppen aufgeteilt werden. Schneider kann sich auch vorstellen, dass ein Fachlehrer ein Unterrichtskonzept für alle Parallelklassen einer Jahrgangsstufe erstellt. Seine Kollegen könnten dann andere Aufgaben übernehmen.

Der Verband Bildung und Erziehung hält eine grundsätzliche Stunden-Reduzierung für Klassenlehrer für sinnvoll, weil der Aufwand für Elterngespräche zunehme und "die familiären Situationen schwieriger werde", so Michael Gomolzig. Klassenlehrer sollten auch eine feste Verfügungsstunde bekommen, um Anliegen und Probleme der Schüler zu besprechen.

kat/jol/dpa

insgesamt 225 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MarkK 02.01.2008
1.
Zitat von sysopDie Arbeitszeit der Lehrer davon abhängig zu machen, was sie unterrichten und wie groß ihre Klasse ist - dieser Versuch ist in Baden-Württemberg zunächst gescheitert. Ist dieses Modell dennoch praktikabel? Sollte die Arbeitszeit von Lehrern individuell festgelegt werden?
Ich halte die individualisierte Feststellung der Arbeitsbelastung an und für sich für nachdenkenswert, allerdings stehen wir, wie so oft bei Lehrern, vor dem Problem der Messbarkeit. Arbeitet ein Lehrer in einer größeren Klasse wirklich _zwangsläufig_ mehr? Ist ein Sportlehrer _zwangsläufig_ weniger belastet als ein Deutschlehrer? Ich fürchte, da spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle. Zusätzlich steht zu befürchten: a) dass Lehrer, denen zertifiziert wird, dass sie in wenig arbeitsintensiven Fächern arbeiten diese auch so behandeln werden. b) dass Tätigkeiten für die eine ungenügende Zeitanrechnung erfolgt (z.B. Beratungsgespräche mit Schülern) zugunsten mit besseren Zeitkontingenten ausgestatteten Tätigkeiten vernachlässigt werden. c) dass folgendes Muster zu beobachten ist: unser KuMi fordert, dass nicht gehaltene Stunden (z.B. wg. Abwesenheit einer Klasse) minutengenau abgerechnet werden müssen, der Lehrer erhält dann Zeitabzüge auf sein Zeitkonto. Entsprechende Boni für zusätzlich geleistete Zeiten (z.B. freiwilliger Förderunterricht) werden aber nicht gegeben. Wie demotivierend diese Ungleichbehandlung für die Lehrer ist muss wohl kaum gesagt werden.
tanu 02.01.2008
2.
Zitat von sysopDie Arbeitszeit der Lehrer davon abhängig zu machen, was sie unterrichten und wie groß ihre Klasse ist - dieser Versuch ist in Baden-Württemberg zunächst gescheitert. Ist dieses Modell dennoch praktikabel? Sollte die Arbeitszeit von Lehrern individuell festgelegt werden?
Nein, es ist nicht praktikabel. Das Problem entsteht im wesentlichen durch den enormen Aufwand, der in einigen Fächern durch die Korrekturen von vorgeschriebenen Klassenarbeiten/Klausuren entsteht, in anderen nicht. Würde man diese Klassenarbeiten/Klausuren streichen und stattdessen etwa Arbeiten zum Jahresabschluss schreiben lassen, deren Korrektur als Prüfungsarbeit gesondert bezahlt würde, wäre das Problem erledigt. Damit würde auch die sinnlose Paukerei für die nächste (morgige) Klassenarbeit/Klausur mit sofort folgendem Vergessen entfallen.
pi.daun, 03.01.2008
3.
Das Problem liegt tiefer. Früher (bis ca 1990?) war es gerecht, daß "Nebenfach"lehrer genau so viel Stunden halten mußten wie Hauptfachlehrer, da jene (halb-)freiwillig viele Zusatzaufgaben (Musical, Sportfest ...) übernahmen. Dadurch, daß seitdem aber in jedem Jahr den Schulen einerseits neue Aufgaben (bei in Summa "schwierigeren" Schülern) zugeteilt werden, andrerseits die Arbeitszeiten der Lehrer massiv erhöht wurden, übernehmen auch die Hauptfachlehrer gezwungenermaßen Aufgaben, die mit Unterricht nichts zu tun haben (Drogen, Beruf, Gewalt, sinnlose Konferenzen, Dokumentationen, Arbeitspläne ...). Das sind durchschnittliche Angaben. Es gibt sicher (fleißige) Erdkundelehrer, die ihren Unterricht so intensiv vorbereiten, daß sie mehr arbeiten als gewisse (faule) Deutschlehrer. Das ist jedem einzelnen Schulleiter für sein eigenes Kollegium wohl auch bekannt, aber die Umsetzung einer Bonus/Malus-Regelung würde zu enormem Unfrieden innerhalb des Kollegiums führen und im Ergebnis die Belastung noch erhöhen. Dazu kommt etwas anderes: Die Universitätsausbildungen der einzelnen Fächer sind unterschiedlich anspruchsvoll (schon jetzt gibt es kaum noch Kandidaten für Mathe/Physik/Chemie, weil das Studium schwierig ist und die Berufsaussichten außerhalb der Schule gut), so daß ein bloßer Blick auf die Arbeitszeiten in der Schule nicht ausreicht. Würde man z.B. argumentieren, daß die Korrektur von Mathematikarbeiten weniger aufwendig ist als die von Deutscharbeiten und daß deswegen Mathematiklehrer 2 Stunden mehr arbeiten sollten als Deutschlehrer, müßte man ein paar Jahre später Mathelehrer mit hohen Prämien locken (Seiteneinsteiger etc.). Meines Erachtens ist die Lösung des Problems, daß alle Aufgaben, die nichts mit Unterricht zu tun haben, von Sozialarbeitern (oder Wachmännern für die Aufsicht z.B.) ... wahrgenommen werden und daß darüber hinaus jeder Schulleiter sein komplettes Personal selbst aussuchen darf ohne Einmischung einer Mittelbehörde bzw. des Ministeriums. Dann könnte einem "attraktiven" Kollegen eben mehr (Geld oder weniger Arbeitszeit) geboten werden als einem weniger attraktiven.
Fragwürden, 03.01.2008
4.
Ich bin kein Lehrer, ich bin Vater von vier Kindern und seit einigen Jahren Vorsitzender der Schulpflegschaft eines großen Gymnasiums. Bestimmt wäre eine gelichmäßigere Verteilung eine Überlegung wert. Neben der Entlastung der Korrekturfach- oder gar Doppelkorrekturfachlehrer würde dies sícherlich beispielsweise einem Sportlehrer zu einer größeren Identifikation mit der Schule und, ganz wichtig, auch zu einer größeren Akteptanz im Lehrerkollegium verhelfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Schule eigentlich immer nur von den Lehrern geprägt wird, die sích viel damit beschäftigen. Signifikant ist auch, dass gerade die Lehrer, die Korrekturfächer haben, sich beim Elternsprechtag sehr viel konkreter zu einem einzelnen Schüler äußern können. Ein Lehrer, der nominell zwar einer Vollbeschäftigung nachgeht, aber de facto viel früher als seine Kollegen den Kopf von der Schule freihat, wird seinen Lebenssschwerpunkt leichter von der Schule wegverlagern. Irgendwann steht er dann möglicherweise nur noch widerwillig zur Verfügung. Meiner Erfahrung nach, sind das dann die Lehrer, die gegen ihren Willen von einem Lehrerkollegium mitgeschleppt werden. Da kann man dann unglaubliche Solidaritätsbekundungen erleben, da stehen sie dann, die Reihen fest geschlossen und meinen, sich verteidigen zu müssen, gegen Bundeskanzler und ihr schlechtes Renomée. Viel schlimmer jedoch als die ungerechte Arbeitsverteilung ist jedoch für ein Lehrerkollegium, einen schlechten und nicht arbeitsbereiten Lehrer mitschleppen zu müssen. Über viele Jahre und ohne Aussicht auf Besserung werden so dessen Stunden übernommen oder sich mit Eltern über eine unterirdische Unterrichtsqualität ausgetauscht. Die Angst spielt dabei immer mit, vielleicht geht es mir ja auch mal schlecht und dann fangen mich die Kollegen auf. Viel schlimmer jedoch sind Versagensängste von Lehrern, die sich nicht mit der Schule identifizieren und dann täglich vorgeführt werden, von Schülern und Kollegen.
Heinstein, 03.01.2008
5. Beamtenbrille
Einfach mal die "Beamtenbrille" abnehmen. Leistung = Arbeit pro Zeit Mehr Arbeit = Mehr Kohle Das sind ganz einfache "Naturgesetze". Einfach mal den Mathelehrer fragen :) Wenn ein Lehrer ein Haufen Arbeit hat, soll er auch anständig dafür bezahlt werden. Ein sog. "Spochtlehrer" kann sich dann halt seine Freizeitaktivitäten nicht mehr leisten und kriegt große Augen wenn er auf den Lehrerparkplatz schaut ;) Das Entlohnungs-System scheint mir nicht wirklich ausgereift zu sein. Aber ich schätze es ist von Beamten für Beamte gemacht. Kein Wunder, daß ein naturwissenschaftlich begabter Mensch lieber in die freie Wirtschaft geht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.