Kurdisch-deutscher Junglehrer "Die meisten Hip-Hopper haben Abitur"

Sollten Lehrer so tough sein sein wie in "Fack Ju Göhte"? Mehmet Kara, 33, wäre es gern: Der Referendar hört Hip-Hop, stammt aus einer kurdischen Familie - und ist schon dadurch ein Exot in deutschen Lehrerzimmern.

Von , Würzburg

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Ob das funktioniert? "Habt ihr gewusst, dass die meisten Hip-Hopper Abitur haben?" Herr Kara wartet darauf, dass die Jungen und Mädchen der 9c hineinschlurfen; gleich beginnt die erste Stunde, Ethik. Die Zu-früh-Kommer versucht er, in ein Gespräch zu verwickeln.

"Kollegah studiert sogar", sagt Herr Kara und betont damit ein biografisches Detail des Rappers, der sonst eher durch Textzeilen wie diese von sich reden macht: "Ich gebe den Bitches, was die Bitches verdienen." Herr Kara klingt dabei wie jemand von der Sparkasse, der einen Bausparvertrag "cool" nennt, oder wie ein Friseur, der einem "was Freches" schneiden will.

Mehmet Kara, 33, stammt aus dem Osten der Türkei, seine Familie floh 1988 nach Deutschland, vor dem Konflikt zwischen Kurden und türkischer Regierung. Kara sprach kein Wort Deutsch, seine Brüder und Schwestern auch nicht. Die Eltern organisierten Nachhilfestunden für den Ältesten, der musste die anderen dann unterrichten, auch Mehmet. In der zehnten Klasse schrieb Kara seine erste Eins in Deutsch, jetzt unterrichtet er das Fach.

In Lehrerzimmern fehlen Männer und Migranten

Wir Karas, das ist die Botschaft, sind Aufsteiger. Seine Geschwister arbeiten als Mathematiker und Bio-Physiker, studieren Jura und Wirtschaft. Er selbst ist Referendar an einem Gymnasium in Würzburg, die letzte Lehrprobe steht bevor.

In deutschen Lehrerzimmern sind solche Biografien selten, Bildungsforscher kritisieren die Gleichförmigkeit als "zu weiblich und zu deutsch": Gut 70 Prozent der Lehrer sind Frauen, nur zwei Prozent stammen aus dem Ausland. Herr Kara vermarktet sich als Gegenmodell. Denn es herrscht zwar Lehrermangel in Deutschland, aber nicht unbedingt in den Fächern Deutsch und Sozialkunde. Im Sommer endet Herr Karas Referendariat, er muss sich um eine Stelle bewerben. Er versucht es deshalb mit Eigen-PR, zumal seine Noten eher mittelmäßig sind.

Er vertont mit seinen Schülern "Kabale und Liebe" als Rap-Song, gibt dazu Radio- sowie Fernseh-Interviews und vergleicht seine Arbeit mit dem Film "Fack Ju Göhte", in dem Elyas M'Barek als Ex-Knacki und Aushilfslehrer die Schüler anpöbelt: "Chantal, heul' leise." An Journalisten schreibt Herr Kara: "Als Deutschlehrer mit dem Namen Mehmet ist es schon etwas Besonderes, in Bayern zu unterrichten."

Für Schüler sind Referendare immer etwas Besonderes: jünger, aufgeregter und - wenn es gut läuft - inspirierender als die Routiniers. An Herrn Karas Gymnasium fällt dieser Bonus weg, es ist eine Ausbildungsschule, hier unterrichten ständig angehende Lehrer. Herr Kara aber fällt auch den Schülern auf: Vielleicht finden manche das Gerede über Hip-Hop ein bisschen peinlich, aber er dringt damit durch, sie mögen ihn. Der Schulleiter sagt über den Rap-Projekttag: "Das ist etwas Lebendiges." Eine Siebtklässlerin sagt, Herr Kara sei "voll süß", er habe den Schülern seine Hochzeitsfotos gezeigt.

Neulich, so erzählt Herr Kara es, hat er einem Schüler "kulturspezifisch" ins Gewissen geredet. Der Junge hatte eine Lehrerin angepöbelt, wollte sich von einer Frau nichts sagen lassen. Herr Kara drohte, den Vater in der Moschee zu besuchen und ihn damit bloßzustellen, wie ungezogen sein Sohn sich benehme. "Der Junge hat sich bei der Kollegin entschuldigt."

Seine Referendarskollegen schwärmen von Herrn Karas offener, kommunikativer Art, von seinem Improvisationstalent, sagen aber auch, er sei manchmal chaotisch. Sie dürfen nicht oben im Lehrerzimmer sitzen, sondern haben einen eigenen Raum im Keller der Schule, an die Tafel haben sie die Zahl 28 geschrieben und umkringelt: So viele Tage noch bis zum Schuljahresende - und damit bis zum wirklichen Lehrerdasein.

Im Ethik-Unterricht, ein paar Etagen drüber, geht es um Gerechtigkeit, es hat geklingelt, das Hip-Hop-Gespräch ist vorbei. Ein Projektor strahlt Zitate von Kant, Cicero, Oscar Wilde und Margot Käßmann an die Wand. Für Herrn Kara beginnt ein neuer Schultag.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
benutzer8472 25.06.2014
1.
Wer hat denn heutzutage kein Abitur? Seitdem man auch fuer Berufe wie Klempner und Gleisbauer Abitur braucht macht es doch jeder Depp..
Euron 25.06.2014
2. Lehrer
"...In deutschen Lehrerzimmern sind solche Biografien selten, Bildungsforscher kritisieren die Gleichförmigkeit als "zu weiblich und zu deutsch"... " Was soll das bedeutet "zu deutsch"? Ich bin kein Eingeborener,es gab bei mir keinen Bedarf eine Lehrerin aus meinem Geburtsland zu haben. Was soll der Unsinn? Es gilt: auf dem eigenen Arsch hinsetzen und lernen. Ob das die deutsche Sprache ist oder sonst was. Mir passte auch nicht jeder Lehrer, das lag aber nicht an der deutschen Nationalität. Und egal weiblich oder männlich. Zu Hause muss wieder etwas mehr Strenge von Seite der Eltern gezeigt werden. Aber auch von der Schule.
uksubs 25.06.2014
3. mehr karas
müsste es schon sehr lange geben. schön, nun von einem zu lesen. und man muss die hoffnung aussprechen, dass es noch eine "aufholjagd" gibt, um die jahrzehnte lang verfehlte integration aufzuholen.
sincere 25.06.2014
4.
vor 20 jahren wäre das mal besonders gewesen aber heutzutage gibt es genug lehrer mit bezug zum schüler.
Die Einzelmeinung 25.06.2014
5.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESollten Lehrer so tough sein sein wie in "Fak Ju Göhte"? Mehmet Kara, 33, wäre es gern: Der Referendar hört HipHop, stammt aus einer kurdischen Familie - und ist schon dadurch ein Exot in deutschen Lehrerzimmern. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/lehrer-mit-migrationshintergrund-sind-in-deutschen-schulen-selten-a-974726.html
Ist jetzt damit gemeint, dass die praktizierenden Musiker dieser Richtung oftmals Abitur haben, oder dass Höhrer dieser Musik diesen Abschluss in der der Tasche haben. Letzteres ist weniger verwunderlich das HipHop wohl doch eine der meistgehöhrten Musikrichtungen sein dürfte. Interessant wäre da dann eher der vergleich ob Schüler die Klassik, Rock, Metal, Techno etc. eine höhere Quote haben. Schrecklich finde ich ehrlich gesagt dieses einbinden von Rapmusik in der Unterricht. Nichtmal unbedingt das es sich um Rap handelt, den ich persönlich nicht gerade mag. Aber es wird genügend Schüler geben die damit genau so wenig anfangen können und die der Lehrer dadurch komplett vom Unterricht ausschliesst. Ich frage mich immer was so falsch daran ist einen "normalen" Unterricht zu geben. Auch diesen kann man mit etwas Aufwand interessant gestalten.
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