Lehrergeständnisse "Ich brülle meine Schüler an"

Arne Ulbricht ist gern Lehrer. Doch wenn Schüler laut oder frech sind, hat er seine Wut nicht immer im Griff. Dann rastet er aus und pickt sich einzelne heraus, um sie fertig zu machen. Erst hinterher kommt die Scham.

Wut im Klassenzimmer (Symbolbild): "Für einen Lehrer ein pädagogisches Debakel"
Corbis

Wut im Klassenzimmer (Symbolbild): "Für einen Lehrer ein pädagogisches Debakel"


"Als Sie gebrüllt haben, zitterte Ihr ganzer Körper!" Dieser Satz stand vor einigen Jahren in einem Zeugnis, das mir eine Schülerin geschrieben hatte.

Leider bin ich nicht nur in der Klasse dieser Schülerin ausgerastet. In fast allen Klassen, die ich unterrichtet habe, hatte ich Wutanfälle. An zwei besonders zermürbende Ereignisse erinnere ich mich genau:

In Hamburg unterrichtete ich einen Geschichtskurs. Am Tag nach einer Klausur bat ich Jonas, der gefehlt hatte, mir sein Attest zu zeigen. Statt eines Attests zeigte er mir mit breitem Grinsen seine Krankenversicherungskarte. Beziehungsweise das, was von ihr übrig geblieben war: zwei säuberlich getrennte Hälften.

Ich sagte ihm, dass er trotzdem zum Arzt hätte gehen können und erklärte ihm mit immer lauter werdender Stimme, dass ich auf ein Attest bestehe. Schließlich schnauzte ich ihn an. Er stand inzwischen ans Pult gelehnt und forderte mich mit immer ruhiger werdender Stimme auf, "anders" mit ihm zu sprechen. Am Ende zischte ich ihm zu, er solle sich setzen. Letztendlich hatte der Schüler mich vor der ganzen Klasse vorgeführt. Für einen Lehrer ist eine solche Situation ein pädagogisches Debakel.

Ich pickte mir eine Schülerin heraus

In Berlin nahm ich es einmal sogar mit einer ganzen siebten Klasse auf. Ich führte ein Grammatikkapitel ein. Während ich erklärte, wurde gesprochen, gezappelt und gekichert. Ich versuchte es mit Argumenten: Die Schüler würden alles verstehen, wenn sie aufpassen würden. Half nichts. Ich habe mal gelesen, dass sich Unterricht in einer lauten Klasse anfühle, als säße man an einer Autobahn. Genau dieses Gefühl hatte ich. Irgendwann platzte ich. Erst brüllte ich die ganze Klasse an. Dann pickte ich mir eine besonders nervtötende Schülerin aus dem lärmenden Klassenkollektiv heraus und - im Rückblick muss ich gestehen - machte sie fertig.

Obwohl die Klasse anschließend ruhig wurde, war ich für den Rest des Tages derart schlecht gelaunt, dass ich auch meinen damals fünfjährigen Sohn nachmittags anpöbelte, als er keine Lust hatte, sich in sein Zimmer zu verkriechen. Ich fragte mich: Wie dumm und feige bin ich eigentlich, eine Siebtklässlerin anzubrüllen? Und: Wenn mir schon so elend zumute war, wie ging es wohl der Schülerin?

Und jetzt kommen Sie
  • Corbis

    Sie sind Lehrer und möchten auch etwas gestehen? Dann schicken Sie uns gern Ihre kurze Geschichte (mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden) an:

  • Lehrer@spiegel.de

Ich entschuldigte mich einen Tag später, schenkte ihr eine Tafel Schokolade und sprach mit der Klasse eine ganze Schulstunde lang. Anschließend erlebten wir sehr schöne Monate. Trotzdem war mein Gebrüll nichts anderes gewesen als ein peinlicher Beweis meiner Hilflosigkeit.

Ich habe noch immer kein Patentrezept, wie ich mit Störenfrieden umgehen soll. Regeln aufzustellen, ist einfach. Um diese Regeln durchzusetzen, müsste ich jedoch konsequenter sein und dürfte einzelnen Schülern nicht immer wieder durch einen Gnadenakt entgegenkommen. Umso größer ist dann nämlich die Enttäuschung, wenn die Schüler mir nicht entgegenkommen. Und das sind die Momente, in denen ich leider manchmal durchdrehe.

Was tun? Ich nehme mir immer wieder aufs Neue vor, Ruhe zu bewahren und Konflikte ohne Geschrei zu lösen. Im vergangenen Jahr bin ich allerdings gleich am ersten Schultag mit diesem Vorsatz gescheitert, weil eine Schülerin mit Essen geworfen hat.

Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, 44, unterrichtet an einem Berufskolleg in NRW. Er ist zudem Autor verschiedener Bücher. In seinem Roman "Nicht von dieser Welt" geht es um einen Lehrer, der analog lebt und an der Gesellschaft scheitert.
  • www.arneulbricht.de

Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier.

insgesamt 96 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
shooop 16.02.2015
1. Respekt für den Mut, sich das so einzugestehen
Das Problem ist, dass sich der Lehrer persönlich angegriffen fühlt, kein Selbstwertgefühl hat, von fiesen Gefühlen 'übermannt' wird und keine Grenzen setzen kann. Eine Therapie oder ein wie auch immer geartetes gemeinsames Reflektieren könnte helfen.
gldek 16.02.2015
2. Schüler müssen auch Respekt lernen
Da müht sich ein Lehrer den Schülern Bildung zu vermitteln damit jene Aussicht auf eine bessere berufliche Zukunft haben. Als Beamter bekommt er sein Gehalt unabhängig von seiner meist vorhandenen inneren Motivation. Und dann wird er von Schülern bis aufs Blut provoziert und reagiert menschlich emotional. Angenommen der selbe Schüler legt später in seinem Berufsleben gegenüber seinem Chef ein ähnliches Verhalten an den Tag. Was würde wohl passieren ? Fazit: Das Verhalten des Lehrers ist richtig und verdient vollen Respekt.
lollicruncher 16.02.2015
3. Meine Güte,....
... wie wäre es mit einem anderen Beruf? Es ist wirklich ein Armutszeugnis, wenn man sich an dieser Stelle nicht im Griff hat. Und dann noch das Erlebte in einem Buch zu verarbeiten ist noch schlimmer (im Titel noch "Horrorjob" zu verwenden, sollte die Schulbehörde doch aufhorchen lassen). Wenn Aufgrund dieser labilen Persönlichkeit meine Töchter "vor Angst im Unterricht zittern" würden, wäre ich nicht schlecht geneigt, ihn ebenfalls zittern zu lassen.
zippelzappel 16.02.2015
4. Eine Steilvorlage...
... für's Lehrerbashing. Gleich kommen sie wieder aus den Löchern gekrochen und schimpfen, der Mann hätte doch seinen Beruf verfehlt,... Dabei haben wahrscheinlich nahezu 100% dieser Menschen überhaupt keine Ahnung, was eigentlich in Schulen genau abgeht. Der weise Grundsatz, sich lieber rauszuhalten, wenn man keine Ahnung hat, scheint für das Thema Bildung und Lehrer nicht zu gelten. Zu gerne würde ich alle diejenigen mal in ein paar Schulstunden einer Oberschule stecken. Ganz ehrlich, ich würde den Beruf des Lehrers nicht machen wollen. Da verdiene ich, mit gleichwertigem Bildungsstand, mein Geld wesentlich leichter.
appendnix 16.02.2015
5. Herr Ulbricht, bleiben Sie so wie Sie sind!
Beachten Sie nur folgende Regeln: 1. Lass den Frust dort ab, wo er entsteht (das können Sie schon ganz gut) 2. Regen Sie sich ganze bewußt auf, bzw. brüllen Sie ganz bewußt (das müssen Sie noch lernen) Genießen Sie dabei, dass Sie gerade den Dampf ablassen. Sie werden sehen, wenn man den Dreck dort lässt, wo er entstand, dann gehn Sie an solchen Tagen, wie frisch geduscht von der Arbeit / Schule nach Hause.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.