Lehrergeständnisse Kollegen, hört auf zu meckern!

Manche Lehrer fürchten sich vor Schülern, die den Unterricht stören, die alles besser wissen, die immer widersprechen. Arne Ulbricht gesteht: Er hat in der Schule auch manchmal Angst - allerdings eher vor seinen nörgelnden Kollegen.

Zum Verzweifeln: Warum stöhnen Lehrer so viel, fragt sich der Autor
Corbis

Zum Verzweifeln: Warum stöhnen Lehrer so viel, fragt sich der Autor


Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, Jahrgang 1972, unterrichtet an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen Französisch und Geschichte. Der Lehrer ist Autor mehrerer Bücher: "Lehrer, Traumberuf oder Horrorjob?", "Schule ohne Lehrer". Jüngst ist sein Roman "Nicht von dieser Welt" erschienen.
An acht Schulen in vier Bundesländern habe ich unterrichtet. Und überall war es dasselbe: In den Stressphasen spürte ich ein quälendes Unbehagen, sobald ich das Schulgebäude betrat. Denn überall wurde gejammert, gestöhnt und gemeckert. Beispiele? Gern!

Auf dem Pausenhof äußerte sich Kollegin C., 52, während der gemeinsamen Aufsicht wie folgt:

"Die Leute in der Wirtschaft haben es gut. Die haben Urlaub und dann wirklich frei, während wir immer korrigieren müssen, und dann verdienen sie zehntausend Euro im Monat. Ich würde denen sofort meinen Beamtenstatus schenken, wenn die mit mir tauschen wollten."

Zeitpunkt der Äußerung: eine Woche vor den Sommerferien, die sechs Wochen lang sind und damit so lang wie der Jahresurlaub eines leitenden Angestellten in einem Unternehmen.

Und jetzt kommen Sie
  • Corbis

    Das Thema der nächsten Folge: Wie ich Schülern auf den Leim ging.

  • Sie sind Lehrer und möchten zu dem Thema auch gestehen? Dann schicken Sie Ihre kurze Geschichte gern an:

  • Lehrer@spiegel.de
In einer Lehrerbibliothek wurde ich wiederum Zeuge des folgenden Gesprächs:

Kollege M., 33: "Puh, gestern wieder bis Mitternacht korrigiert."

Kollegin M., 45: "Bis Mitternacht? Ich verlasse seit Wochen nie vor 2.00 Uhr morgens den Schreibtisch."

Kollege M.: "Ich weiß einfach nicht mehr, wie ich das alles schaffen soll. Und das Blöde ist: Heute Nachmittag habe ich keine Zeit, da gehe ich mit meinem Sohn wie jeden Donnerstag zum Kinderturnen."

So so. Die Frage, die sich Kollege M. leider nie gestellt hat: In welchen Akademikerberufen kann man eigentlich seinen Kindern regelmäßig nachmittags beim Kinderturnen zuschauen?

Ein letztes Beispiel. Ort des Geschehens: ein Lehrerzimmer. Also dort, wo am meisten gejammert, gestöhnt und gemeckert wird. Lehrerin H., 34, wütete:

"Ich habe neulich mal überschlagen, wie viel ich pro Woche arbeite. Achtzig Stunden. Manchmal sind es nur siebzig Stunden. Aber unter sechzig Stunden sind es nie pro Woche. Und was bekommen wir dafür? Einen Hungerlohn."

Warum so unglücklich?

Ich selbst frage mich seit dem Referendariat: Gibt es wirklich nichts anderes über unseren Beruf zu erzählen? Müssen wir immer bloß davon berichten, wie entsetzlich, schlimm und schrecklich alles ist? Wenn ich solche Stressgeschichten von Kollegen höre, die noch keine drei Jahre lang Lehrer sind, dann habe ich manchmal regelrechte Angst um die Zukunft unseres Berufsstandes. Denn diese Junglehrer haben noch fünfunddreißig Jahre vor sich.

Kurz vor den Zeugnissen, eine zugegeben sehr stressige Zeit, wirkten meine Kollegen nahezu überall auf mich wie Angestellte eines kleinen Betriebs, der Insolvenz angemeldet hat. Der Unterschied: Angestellte in einer solchen Situation haben wirklich Grund zu jammern, zu stöhnen und zu meckern.

Was mich bei all der Jammerei erstaunt: Viele Lehrer sind eigentlich mit großer Leidenschaft Lehrer, viele würden auch im nächsten Leben wieder Lehrer werden, sie lieben ihren Beruf und arbeiten unheimlich gern mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Viele setzen sich bis zur Selbstaufgabe für Schüler ein und telefonieren beispielsweise auch sonntags mit Eltern, um über die Noten ihrer Kinder zu sprechen. Wir haben also allen Grund glücklich zu sein.

Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier.



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insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
gangker2 01.12.2014
1. Wenn die 24 Stunden
eines Tages nicht reichen, dann muss man eben auch mal nachts arbeiten. Das sagte meine Seminarleiterin immer...
anitaoinch 01.12.2014
2. Kinderturnen
Also unser Kinderturnen findet sowohl um 16.00 Uhr als um 17.00 Uhr statt und ist bombenvoll - komischerweise nicht nur mit Lehrern, sondern mit Eltern aus verschiedenen Berufen. Es scheint also doch auch in anderen Berufen möglich zu sein, dann Feierabend zu haben. P.S. Wenn ich dann trotz meiner halben Stelle konferenzbedingt länger bis 18.00 Uhr oder länger an der Schule bin, muss trotzdem meine Schwiegermutter mit unserer Tochter zum Turnen gehen. Das macht sie aber gerne, und auch ich jammere nicht darüber. Und wer mit seinen Kollegen ein Problem hat, sollte es mit ihnen direkt klären und nicht bei Spiegel online darüber jammern.
cheibe_lüt 01.12.2014
3. ...
Ich war so ein Schüler und rebellierte gegen den faulen Filz von verstaubten Alteingesessenen mit ihren Profilneurosen, die man als 15jähriger Mensch schon nicht mehr ernst nehmen konnte. Junge Lehrer, die fleissig waren und innovativen, interessanten Unterricht boten, gab es nur sehr vereinzelt. Irgendwo kamen da mehrheitlich Referendare und andere Flachpfeifen über Vitamin B. Gab es dennoch Ausnahmen wurden die vom Lehrerkollegium angefeindet oder in ihrer Lehrprobe (nennt man das so?) abgestraft. Den Respekt vom Beruf Lehrer habe ich dort verloren, nicht eigentlich vom Beruf selber, sondern vom System. Eine Trauerspiel überbezahlter, konservativer Kleingeister, deren Unterrichtsvorbereitung darin bestand, zu spät zu kommen, zu nörgeln und auf vergilbten Zettel ihr Programm abzuspielen. Wenig Autorität gepaart mit lückenhaften Schulbuchwissen ... die mir aufgedrängte Lehrerausbildung an der Uni während meiner Promotion hat mich nicht wirklich an eine Veränderung glauben lassen. Ich habe das System in der Ausbildung und in seiner Ausführung kennengelernt, mit den dümmsten dieser Spezies (Kultusministerium) leider zu tun gehabt. Liebe fleissige, gute Lehrer (die es gibt) geht doch bitte wie eine Bekannte von mir ins Ausland oder eine Privatschule und lasst euch nicht zu Lehrzombies stigmatisieren. Das Beamtentum mag ein sicherer Hafen sein, aber auch das Ende jeder vernünftigen Persönlichkeit.
exil-paulianer 01.12.2014
4. Mikrokosmos Schule
Im Laufe der schulischen Laufbahn meiner Söhne komme ich zu folgendem Ergebnis: 1/3 der Lehrer engagieren sich richtig gut. 1/3 der Lehrer jammern, meckern und sind ständig unzufrieden. 1/3 der Leher dürfte pädagogisch gesehen niemals auch nur irgend wen unterrichten - schon gar nicht die Zukunft. Schönen Wochenstart
MissUnknown 01.12.2014
5. Ja!
Na klar ist es manchmal stressig und viel Arbeit! Ja man muss sich abends hinsetzen und arbeiten. Ja Schüler können anstrengend sein. Aber mich nervt das ständige Gemecker auch! Am Anfang stand die freie Berufswahl und man weiß worauf man sich einlässt. Lehrer ist ein toller Beruf und ich bin gern Lehrer! In welchem Beruf hat man denn nicht mal Stress? Ich würde nicht tauschen wollen!
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