Lehrergeständnisse Eure Gier nach guten Noten nervt

Arne Ulbricht ist gerne Lehrer - aber ihn nerven Eltern, die für die Kinder per Brief gute Noten einfordern. Und ihn nerven Schüler, die wegen Noten heulen und pöbeln. Ein Lehrergeständnis über quälende Debatten.

Welche Note darf es sein? Die Benotung ist immer wieder ein Thema zwischen Lehrern und Schülern (Archivbild)
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Welche Note darf es sein? Die Benotung ist immer wieder ein Thema zwischen Lehrern und Schülern (Archivbild)


Um es vorwegzunehmen: Ich bin gern Lehrer! Vor allem bin ich gern mit meinen Schülern zusammen. Die Nähe zu jungen Menschen macht diesen Beruf für mich zu etwas ganz Besonderem.

Also alles bestens? Nein, leider nicht. Schon im Referendariat hat es mich genervt, dass für viele Schüler die Note bei Weitem wichtiger ist als die Inhalte. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn ich Schüler chinesische Vokabeln lernen ließe und behaupten würde, sie bräuchten das Vokabular für die nächste Französischlektion - die Schüler würden diese Vokabeln lernen, sofern sie dafür eine Note bekämen. Die Erkenntnis, dass Schüler für Noten lernen und ihnen das Wissen ziemlich egal ist, lässt mich schon seit Langem an dem Sinn der Notenvergabe zweifeln.

Die Kleinen heulen, die Großen pöbeln

Diese Zweifel sind jedoch harmlos im Vergleich zu den nervtötenden Gesprächen, die ich in den zurückliegenden Jahren habe führen müssen. Sobald sich die Schüler ungerecht benotet gefühlt haben, hat die Rückgabe von Klausuren oder die Vergabe von mündlichen Noten zu Zerwürfnissen geführt. Das war besonders bitter, wenn ich mich mit einem Schüler bis dahin gut verstanden hatte. Während die Kleinen ihren Frust ausdrücken, indem sie heulen, arten Notengespräche in der Sekundarstufe II oft in direkte Konfrontationen aus:

Ein Schüler, dem ich in einer Klausur eine Vier gegeben habe, hat tatsächlich gegen den Tisch getreten und mich dazu aufgefordert, gefälligst alles noch einmal zu lesen. Das tat ich und fand, dass der Schüler mit einer Vier eigentlich gut bedient war.

Eine Schülerin verlangte eine Eins im Zeugnis. Als ich sagte, dass sie dafür eine glatte Eins in der letzten Arbeit schreiben müsse, überreichte sie mir am folgenden Tag einen Brief ihres Vaters - er ist ebenfalls Lehrer und erklärte mir, wie ich seine Tochter zu bewerten habe.

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Lehrergeständnisse: Klassenfahrten und andere Dramen
An einem letzten Schultag vor den Sommerferien, an dem ich vorgelesen habe und die Stimmung großartig war, blieb ein Schüler nach der Stunde im Klassenraum. Naiv wie ich war, dachte ich, er wollte sich persönlich verabschieden. Aber er sagte nur: "Warum haben sie mir keine zwölf Punkte gegeben?" Dann ging er.

Selbst Plagiatoren wollen gute Noten

Am meisten Konfliktpotenzial bietet übrigens die Benotung von Hausarbeiten. Viele dieser Arbeiten werden heutzutage einfach zusammenkopiert. Weil die Arbeit aber lang ist und man hübsche Fotos eingefügt hat, denken viele Schüler automatisch: Das wird eine Eins! Ich habe ein Dutzend zähe Diskussionen geführt und musste in Einzelfällen den Schülern am Rechner beweisen, dass zum Teil ganze Absätze identisch im Internet zu finden waren. Das Problem war in solchen Situationen: Die Schüler beharrten trotzdem darauf, dass sie die Arbeiten allein geschrieben und dafür "ein ganzes Wochenende gebraucht" hätten.

Waren wir auch so? Ja und nein. Ja, weil es auch zu unserer Zeit Zeugnisse gab. Nein, weil wir damals noch nicht für alles benotet worden sind. Viele Lehrer tragen inzwischen für jede Stunde eine Note ein und sowohl für Powerpoint-Referate als auch für Projektarbeiten werden mehrere Teilnoten gegeben. Wenn Schüler für alles benotet werden, wollen sie irgendwann auch für alles eine Note bekommen. Das ist leider ein Teufelskreislauf.

Ich versuche einen Mittelweg zu gehen. Neulich sollten Schüler Herrschaftsformen pantomimisch darstellen. Die Schüler hatten viel Spaß, die Ergebnisse waren erstaunlich, und anschließend sagte ich:

"Ich benote Ihre Darstellungen nicht, aber ich hoffe, es hat Ihnen Spaß gebracht."
Die Schüler haben es akzeptiert. Aber akzeptieren sie es auch beim nächsten Mal?

Und jetzt kommen Sie
  • Corbis

    Das Thema der nächsten Folge: Was ich tue, wenn ich inhaltlich nicht weiterweiß.

  • Sie sind Lehrer und möchten zu dem Thema auch gestehen? Dann schicken Sie Ihre kurze Geschichte gern an:

  • Lehrer@spiegel.de
Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier.

Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, Jahrgang 1972, unterrichtet an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen Französisch und Geschichte. Der Lehrer ist Autor mehrerer Bücher: "Lehrer, Traumberuf oder Horrorjob?", "Schule ohne Lehrer". Jüngst ist sein Roman "Nicht von dieser Welt" erschienen.

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insgesamt 199 Beiträge
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Seite 1
Andr.e 25.09.2014
1. fakultativ
Teilnoten für eine PowerPoint? Ahahahaha, wie dümmlich muss ich als Elternteil sein, dass auch noch einzufordern? Dem Herrn Papa hätte ich einen Brief zurückgeschrieben und mich höflich für seinen, sicher gut gemeinten Ratschlag, bedankt, ihm aber unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er sich bitte herauszuhalten habe. Dem Schüler hätte ich gesagt: "Weil es mehr als 12 Punkte nicht waren." Aber, lieber Herr Ulbricht, das Problem liegt ganz woanders. Sie schreiben hier darüber? Kleiner Tipp: Wäre ich Ihr Schüler, würde ich Sie ganz sicher nicht mehr Ernst nehmen können. Nichts für ungut.
jockel37 25.09.2014
2.
Das Verhalten hat den Schülern ihre Vorgängergeneration auferlegt. Maximaler Leistungsdruck, um in der Gesellschaft und am Arbeitsmarkt mithalten zu können. Auswüchse wie chinesisch im Kindergarten werden zunehmen. Ach und danke auch für Bologna und G8. Maschinell erstellte Kreaturen die möglichst mit 21 und Hochschulabschluss für die Konzerne zur Verfügung stehen.
kaihawaii2000 25.09.2014
3. Wenn mir....
... ein Schüler gegen den Tisch tritt und mich auffordert nochmal seine Arbeit zu kontrollieren, dann tritt er beim nächsten Mal gegen mich... Wer auf so ein Verhalten eingeht ist selbst Schuld wenn die Diskussionsspirale sich immer weiter dreht.
parsimony 25.09.2014
4. Ist das den Schülern vorzuwerfen?
Berufskolleg, Geschichte und Französisch... Ich könnte mir leider vorstellen, dass die Geschichts- und Französischkenntnisse der Schüler_innen nur im Ausnahmefall für den weiteren Lebensweg (um nicht Karriere zu sagen) von Interesse sind. Läge es nicht vielleicht auch am Lehrer die Bedeutung aufzuzeigen? Dass jemand in seinem Bewerbungsgespräch nach seinen Geschichtskenntnissen gefragt worden wäre, habe ich zumindest noch nie gehört. Ob jemand wirklich etwas kann, tritt leider auch in vielen Fällen hinter die Noten zurück. Dass dieser Trend nicht unbedingt zu begrüßen ist, ist hingegen wohl unstrittig. Wenn ein Schüler sich ungerecht behandelt fühlt, könnte es auch sein, dass er ungerecht behandelt wurde oder dass ihm die gut begründete Notenvergabe nicht ausreichend vermittelt werden konnte.
marthaimschnee 25.09.2014
5.
Nur was will man denn anderes tun, wenn man nur noch auf Zahlen reduziert wird? Wenn man bei einer Bewerbung nur dann bis zu einem Punkt kommt, wo man als fähige Person erkannt wird, nachdem man per Zeugnis aussortiert wurde? Dann ist die Note eben entscheidend! Pradoxerweise sind die fähigsten Personen, die ich kenne, ausnahmslos keine Superschüler gewesen, sondern bestenfalls im Mittelfeld zu finden gewesen. In dem Sinne muß man schon fast zynisch behaupten: Ein Einstein würde auch heute noch auf dem Patentamt Dokumente stempeln - wenn überhaupt, denn inzwischen könnte er mit seinen schulischen Leistungen selbst dafür zu schlecht sein!
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