Lehrergeständnisse Wie mich meine Schüler rührten

Es kommt selten vor, dass ihn Schüler fast zum Weinen bringen. Aber an diesem Tag passierte es: Arne Ulbricht hatte Tränen in den Augen, und das vor Glück. Hier berichtet er von seinem Erfolgserlebnis.

Junge Leserin (Archivbild): Bücher, die begeistern
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Junge Leserin (Archivbild): Bücher, die begeistern


Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, Jahrgang 1972, unterrichtet an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen Französisch und Geschichte. Der Lehrer ist Autor mehrerer Bücher: "Lehrer, Traumberuf oder Horrorjob?", "Schule ohne Lehrer". Jüngst ist sein Roman "Nicht von dieser Welt" erschienen.
Unmittelbar vor den Sommerferien und vor Weihnachten findet nur selten normaler Unterricht statt. Die Atmosphäre in der Schule gleicht einem Kaffeehaus am Sonntagnachmittag. Und das Erstaunlichste und auch Erbaulichste: Fast alle Lehrer wirken plötzlich, als gäbe es nichts Schöneres, als Lehrer zu sein! Sie frühstücken mit ihren Schülern. Oder sie organisieren eine Quizshow. Oder sie bringen ihre Gitarre mit.

Solche Stunden sind mehr als Bildungsfolklore, sie belohnen Schüler und Lehrer. Sie sind das, was für Profifußballer der Whirlpool nach einem anstrengenden Spiel ist. Und sie haben einen nicht zu unterschätzenden pädagogischen Mehrwert: Sie verbessern manchmal nachhaltig das Klassenklima.

Ich selbst frühstücke nur ungern, und wenn ich singen würde, würde ich das Klima eher nachhaltig vergiften. Deshalb bringe ich in der Regel Bücher mit und lese vor.

Neulich ging ich dann das Wagnis ein und sagte zu den Schülern: "Ich lese nur, wenn Sie auch ein Buch mitbringen und vorlesen." Die Schüler nickten und lächelten dabei verwirrt. Es handelte sich um eine Sportabiturklasse an einem Berufskolleg, 80 Prozent junge Männer. Liebenswürdig, aber eher der Typ Macho. Mit Büchern nichts am Hut.

Und jetzt kommen Sie
  • Corbis

    Das Thema der nächsten Folge: Wovor ich im Schulalltag Angst habe.

  • Sie sind Lehrer und möchten zu dem Thema auch gestehen? Dann schicken Sie Ihre kurze Geschichte gern an:

  • Lehrer@spiegel.de
Am Vorlesetag nahm ich meine Bücher mit, unter anderem "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", "Harry Potter" und "Winnetou". Ich rechnete damit, dass vielleicht zwei von den fünf Mädchen ein Buch mitbringen würden, eventuell auch ein Junge.

Vorsichtig betrat ich den Klassenraum. Ich nahm mir vor, meine Enttäuschung zu verbergen, sollte mein Plan scheitern. Die Jungs standen wie immer noch herum, fast alle ihr Handy in der Hand… aber einige… drei… fünf… nee… sieben Bücher zählte ich, die auf den Tischen lagen. Als sich alle Schüler gesetzt hatten, lobte ich die sieben Schüler und wollte gerade jemanden bitten zu beginnen, als Simon rief:

"Herr Ulbricht, ich habe auch ein Buch mit!"

Mit triumphierender Geste und breitestem Grinsen legte er die Biografie von Robert Enke auf den Tisch.

"Wir auch!", sagte Alexei.

Wir?

Ich hatte den Eindruck, dass Alexei, Kevin und Kai irgendwie stolz waren - so richtig stolz wie sie sonst nur auf irgendeine neue App sind - als jeder von ihnen einen Band "Harry Potter" wie einen Pokal in die Höhe hielt.

Alle hatten ein Buch mitgebracht. Nicht nur das. Selbst Simon, der den Vorlesereigen begann, hatte definitiv zu Hause geübt und las einen, wie es so schön heißt, aussagekräftigen Ausschnitt vor. Anschließend ging es munter weiter. Fußballbiografien, Weisheiten von Helmut Schmidt, die Mädchen lasen Thriller, auch ein Liebesroman war dabei, irgendein Stephen King und, wie schon erwähnt, "Harry Potter". Die Schüler hörten einander zu oder dösten still vor sich hin.

Dass ich am Ende der Stunde fast geweint hätte, lag übrigens nicht daran, dass ich selbst nicht zum Vorlesen kam. Sondern daran, dass die Schüler fragten, ob wir eine solche Stunde wiederholen könnten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
n - n 15.07.2014
1. Ganz toll...
... Abiturklasse: Das Lesen hatte er definitiv zuhause geübt. Und stolz waren die angehenden Abiturienten, daß sie einen Band Harry Potter zeigen konnten. Das sind ja auch so richtig dicke Bücher ! Da kann man schon das Weinen bekommen!
linkereuropäischerpatriot 15.07.2014
2. Abiturklasse...
"Harry Potter" und "Winnetou"? Na dann, viel Glück Hochleistungsgesellschaft!
sok1950 15.07.2014
3. das erinnert mich an eine Fußballtrainerin...
die dem jungen Torwort sagte: Ach ist das schön, dass Du dem Ball wenigstens hinterhergeschaut hat (kein Witz, ernst gemeint) Entweder die Schüler erhalten den Auftrag, Bücher mitzuringen oder der Lehrer lässt es sein. Dieses Laissez-faire-Getue ist nur peinlich - und damit noch in die Öffentlichkeit.
ganymed1234 15.07.2014
4. Unglaublich!
Sportabiturklasse an einem Berufskolleg... und ein Schüler muss erst zu Hause lesen üben?!? Und die anderen haben es geschafft ein Buch mitzunehmen? Unglaublich!
anamarie 15.07.2014
5. es sind gänsehautmomente,
kostbar, aber wiederholbar. ich wünsche, diesen beitrag würden viele lesen. ein einfühlsamer lehrer!
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