Unterwegs mit Instagram-Stars So ticken Lisa und Lena - und warum ticken alle aus?

Die Zwillinge Lisa und Lena gehören zu den größten Stars, die soziale Netzwerke in Deutschland hervorgebracht haben. Sie sind 16 - und überraschend brav. Was verrät das über die Sehnsüchte von Teenagern?

Hilarius Riese

Von , Oberhausen


Zu ihrem 16. Geburtstag am 17. Juni 2018 gab es von den Eltern ein Geschenk, bei dem sich beide zunächst fragten, was das soll. Für jeden ein Büchlein, die Seiten leer, für Gedanken. Nur: Wo anfangen, was aufschreiben, bei diesem Leben?

Dieses irre Leben von Lisa und Lena. Sie sind Schwestern, eineiige Zwillinge, aus Schwaben. Vor drei Jahren teilten sie ein Video in den Apps Tiktok, ehemals Musical.ly, und Instagram. Darin bewegen sie die Lippen zu einem Popsong und tanzen. Seitdem geht es bei ihnen ab.

Heute folgen mehr als 46 Millionen Menschen Lisas und Lenas Profilen in den beiden Apps. Allein auf Instagram haben die 16 Jahre alten Mädchen etwa acht Millionen Follower mehr als Heidi Klum. Damit gehören Lisa und Lena zu den Menschen mit den meisten digitalen Fans weltweit. Wo sie aufkreuzen, wird gekreischt. Vor allem Mädchen in ihrem Alter zittern und weinen, wenn sie den beiden begegnen.

Lena (hinten) und Lisa: Irres Leben
Hilarius Riese

Lena (hinten) und Lisa: Irres Leben

Wie konnte es dazu kommen? Und was sagt der Hype um zwei Mädchen über die Generation heutiger Teenies aus?

Damals, nach dem ersten Video, gab es viele Likes. Lisa und Lena legten nach. Immer dasselbe: Lip Sync und Choreo - sie spielen einen Text oder ein Lied aus den Charts ab, tanzen und filmen sich dabei. Immer zusammen, häufig in den gleichen Outfits. Mehr nicht.

Es war neu und es reichte, um berühmt zu werden. Das Leben der Mädchen seit drei Jahren: Fotoshootings in Designerkleidung, Reisen um die Erde, nach Südkorea, Japan, Amerika, eine Rede bei der Bambi-Verleihung, Verträge mit drei Modelagenturen, eine eigene Klamottenlinie. Dazwischen Schule.

Die Büchlein vom Geburtstag, so erwies es sich in der Zwischenzeit, machen doch Sinn. "Es passiert so viel. Wir haben gemerkt, dass es gut tut, das aufzuschreiben", sagt Lena. An einem Freitag im November sitzen die Schwestern in der Arena Oberhausen und werden geschminkt. Abends moderieren sie an der Seite anderer Prominenter die RTL-II-Musikshow "The Dome", vor 9000 Menschen in der Halle. "Ein großer Schritt für uns", sagt Lisa.

Lisa (vorne) und Lena: Hype um zwei Mädchen
Hilarius Riese

Lisa (vorne) und Lena: Hype um zwei Mädchen

Nur Bodyguards haben sie noch nicht. In Oberhausen ist die Mutter dabei, eine blonde Frau mit Bluse und selbstsicherem Gang. Lena starrt sich im Spiegel an: "Mama, ist das Make-up zu krass?" Erleichterung, als die Mutter verneint. Das ist es: Lisa und Lena sind Stars, zweifellos. Aber so wie andere Stars, nämlich krass, sind sie nicht.

Sie sind keine echten Sängerinnen, in ihren Videos tun sie nur so. Sie sind keine echten Models, für Shootings werden sie in der Regel nicht bezahlt. Sie sind auch keine klassischen Influencerinnen, denn sie machen so gut wie keine Werbung, teilen kaum Privates. Was genau ist es dann, das Fans so fasziniert?

Im Publikum von "The Dome" sagen 13- bis 18-Jährige: Lisa und Lena seien wirklich hübsch. Sie seien gepflegt. Und sie seien lieb. Hätte man sie als Freundinnen, gäbe es nie Streit.

Brav, nett, frisch geduscht. Was unglaublich langweilig klingt, finden die Teenies in der Halle aufregend. Wenn sie über Lisa und Lena sprechen, sind sie euphorisch. Jugendliche, die ein Zahnpastalächeln wollen und keinen Bock haben auf Krise.

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Unterwegs mit Lisa und Lena: Im Selfie-Modus

Auch die vorherige Generation hatte ihre Zwillinge, als "Tokio Hotel" brüllten sie deutsche Songs von Bühnen und fielen wahlweise mit Stachelfrisur oder Dreadlocks auf. Bill und Tom Kaulitz drückten aus, wofür die Fans zu schüchtern waren.

Lisa und Lena sind beliebt, weil sie sorglos und weichgespült sind, so scheint es. Die Hanni-und-Nanni-Version von Pubertierenden. Ohne Liebeskummer, Einsamkeit oder Wut.

Keine verbalen Unfälle

Den Zugang zu ihnen macht das nicht leichter, zumindest nicht, wenn man sie für zwei Tage begleitet. Wenn die Schwestern in Oberhausen Interviews geben, steht die Mutter als Stoppschild daneben, das verbale Unfälle verhindert. Sobald sich Journalisten nähern, bleibt die Mutter in Hörweite.

Das müsste sie aber gar nicht. Denn Lisa und Lena sind live in Oberhausen genau so wie auf Instagram. Stundenlang proben sie ihren Text unter der Hitze der Scheinwerfer, aber miese Laune kriegen sie nicht. Sie tragen die gleichen Sachen, weite Hosen und Blazer, halten sich an den Händen, nicken sich zu, grinsen. Als würden sie nicht nur den gleichen genetischen Bauplan besitzen, sondern auch gleich denken.

Sie haben auch jenseits der Bühne häufig die gleiche Kleidung an, finden die gleichen Witze lustig, machen gemeinsam eine Ausbildung zur Tanzpädagogin. Auf Instagram laden sie Videos und Fotos hoch, die das Heile-Welt-Klischee bestätigen. Lisa und Lena essen Zuckerwatte, lassen Konfetti regnen, streicheln ihre Katze, spazieren vor Kirschblüten, schaukeln, und verblüffenderweise scheint auf fast jedem Bild von irgendwo die Sonne. Das Herz-Emoji ist im Dauereinsatz, zu den Fotos schreiben sie "Sunny Friday", "Blue Sky" oder eben einfach nur ein Herzchen, ganz egal: Die Likes kommen rein.

Lena (l.) und Lisa in Oberhausen: Die Likes kommen rein
Hilarius Riese

Lena (l.) und Lisa in Oberhausen: Die Likes kommen rein

Es sieht so aus, als ob sie nirgendwo allein durchmüssen. Damit liefern Lisa und Lena Antworten auf existenzielle Fragen der Pubertät: Wer bin ich? Wie bin ich? Zu wem gehöre ich? Wenn doch nur alle einen lieben Zwilling hätten, der sie nimmt und versteht, wie sie sind - weil er genauso ist.

Während Lisa und Lena auf Instagram pausenlos die Harmoniesucht ihrer Fans befriedigen, fühlt sich das Leben dahinter dann doch auch mal schwer an. Die Schwestern sprechen über solche Momente, während sie sich in Oberhausen auf einem breiten Samtsofa aneinanderschmiegen.

Sprüche auf dem Schulhof

Je bekannter sie wurden, desto komplizierter wurde es auf dem Schulhof, erzählen sie. Bevor sie die Ausbildung begannen, besuchten sie eine Realschule. Dort verstand nicht jeder, was gerade bei den Schwestern vor sich ging. Es gab Getuschel, Sprüche. "Wir waren für alle die Kids, die nur noch am Handy waren. Manche meinten, wir hätten uns verändert. Es war hart", sagt Lena. "Wir waren doch immer noch Lisa und Lena."

Wenn sie nach der Schule mit Freunden shoppen gingen, rasteten Jugendliche im Einkaufszentrum aus. "Blieben wir stehen, kamen immer mehr, wollten Fotos", sagt Lena. Manchen Freunden wurde es zu viel. Sie wendeten sich ab. Andere hielten zu den Geschwistern. Beide sagen, dass sie diese Zeit lehrte, was Freundschaft ist.

Outfits in Oberhausen: Existenzielle Fragen der Pubertät
Hilarius Riese

Outfits in Oberhausen: Existenzielle Fragen der Pubertät

Oben auf der Bühne proben die beiden noch immer, unten die Mutter. Sie stellt Wasserflaschen auf, falls die Mädchen Durst kriegen. Der Vater kommt später, er arbeitet noch, in einer Technologiefirma.

Um die Töchter begleiten zu können, sagt die Mutter, hat sie ihren Job aufgegeben. Sie war Erzieherin. Dann explodierten die Followerzahlen der Kinder. Heute verwaltet sie Stars, die sie mal im Kinderwagen durch Schwaben schob.

Nach der ersten Million Follower setzte sich die Familie zu Hause um den Küchentisch, erzählt die Mutter. Sie stellten sich die Frage, ob sie das alles wirklich wollen. Ja, war die Antwort der Mädchen. Und wofür? "Wir wollen Schauspielerinnen werden. Instagram ist das Sprungbrett."

Gefährliche heile Welt

Drei Jahre später hat Instagram Lisa und Lena noch nicht zu Schauspielerinnen gemacht. Sie hatten einen Kurzauftritt in der Schweighöfer-Komödie "Hot Dog", aber die meisten Likes gibt es noch immer für die Tanzvideos in ihren Netzwerken. "Was sollen wir machen, wenn die Kinder durch Fleiß und Kreativität bekannt werden und sich ihnen dadurch Türen öffnen?", sagt die Mutter in Oberhausen.

Man könnte es ihnen verbieten, Ruhm ist gefährlich, das sind Minderjährige, könnte man jetzt sagen. Bill und Tom Kaulitz, die damals ähnlich schnell berühmt wurden, sind inzwischen ausgewandert, nach Los Angeles. In Deutschland hielten sie es nicht mehr aus, Fans von allen Seiten, gleichzeitig wurden sie mehr und mehr zur Zielscheibe von Spott und Hass, erzählen die Brüder in einer in diesem Jahr veröffentlichten Dokumentation auf Arte.

Glaubt man der Mutter von Lisa und Lena, dann will sie die Kinder schützen: Falls es fiese Kommentare gibt, spricht sie mit ihnen darüber. Sie beantwortet Nachrichten von Unternehmen, von Journalisten und Fans, die Kontakt zu den Mädchen erbitten. Sie begleitet sie zu Auftritten. Es ist auch die Mutter, die dafür sorgt, dass Lisas und Lenas Profile Kuschelecken sind. Bevor die Kinder was posten, zeigen sie es der Mutter. Freiwillig, sagt sie.

Roter Teppich in Oberhausen: Und wofür?
Hilarius Riese

Roter Teppich in Oberhausen: Und wofür?

In der Arena guckt die Mutter häufig besorgt. Sie läuft hinter Lisa und Lena her und hat die Flaschen im Anschlag. Trinken die Kinder genug? Brauchen sie eine Pause?

Damals, als die Familie am Küchentisch zusammenkam, beschloss sie eine Art Schutzprogramm. Eine PR-Strategie, wobei hier keine Manager zu ihren Auftraggebern sprachen, sondern Eltern zu ihren Kindern. Die Vereinbarung: Wo genau die Familie wohnt und wie Mutter und Vater heißen, soll nicht öffentlich gemacht werden. Über Geld wird nicht geredet. Zu Gerüchten wird sich allenfalls knapp geäußert.

Stars, aber keine Skandale

Als "Promiflash" einmal behauptete, Lisa und Lena hätten die Schule abgebrochen, waren zu Hause alle sauer, sagt die Mutter. Richtig ist, dass die beiden die Realschule nach der neunten Klasse verließen und nun die Ausbildung zur Tanzpädagogin machen, an einer Privatschule. Den anderen aus der Klasse, die eine Prüfung haben, während Lisa und Lena in Oberhausen proben, wünschen sie per Selfie-Video viel Glück.

In anderen Berichten hieß es, die Geschwister seien im Säuglingsalter adoptiert worden. Sie bestätigten es mit einem Tweet, in dem steht, dass sie ihrer Familie dankbar sind. In Oberhausen bitten sie, dazu keine Fragen zu stellen.

Lisa und Lena sind maximal skandalfrei. Lisa sagt, dass die beiden den Eltern alles erzählen. Lena sagt, dass sie und die Schwester zwar mal feiern gehen, aber keinen Alkohol trinken. Sie sagen Bitte und Danke, gehen in christliche Jugendgruppen, beten täglich. "Die Kirche ist ein hammer Ort", sagt Lisa. "Lieber Gott", so beginnt Lena die Einträge in ihr Büchlein manchmal, dann schreibt sie ein Gebet auf, sagt sie. "So haben unsere Eltern uns erzogen." Auf Lenas Handyhülle klebt ein Sticker: "Mit Jesus und mit Christus".

Teenietraum, Elterntraum

Zur erfahrungsgemäß anstrengenden Pubertät ist die von Lisa und Lena für Fans ein wohl faszinierender Antagonismus. Die Inhalte auf ihren Kanälen lehren: Respektierst du Grenzen, bleibst du angepasst, sparst du dir einen Haufen Probleme. Traum von Eltern, wenn das der Traum ihrer Teenies ist.

Videos aus der Maske für Instagram: Traum von Teenies
Hilarius Riese

Videos aus der Maske für Instagram: Traum von Teenies

Doch damit das so bleibt, müssen auch Lisa und Lena so bleiben. Zwei Individuen, die damit erfolgreich sind, eins zu sein. Das Problem ist nur, dass niemand weiß, wie lange ein Konzept funktioniert, das in einer Lebensphase entstand, in der man schon mal morgens aufwachen und plötzlich etwas völlig anderes wollen kann.

Es sind nur noch wenige Stunden bis zum Auftritt. Mittlerweile ist auch der Vater da. Ein Mann in weichem Pulli und Jeans, der etwas irritiert guckt, als habe er sich zwischen der Firma in Schwaben und den Lidschattenpaletten in Oberhausen irgendwie verfahren. "Ich bin der stolze Vater", stellt er sich vor, ansonsten sagt er wenig.

Bevor die Show beginnt, die Schwestern von frenetischem Beifall empfangen werden, nehmen die Eltern Backstage Platz. Sie verfolgen die Töchter auf einem Fernseher. In der Maske äußerten sie den Wunsch, dass man sie trotz gleicher Outfits auseinanderhalten können soll. Lena bekam einen Zopf, Lisa ließ die Haare offen. Es passiert in letzter Zeit öfter, sagt die Mutter, dass die Mädchen als eigenständige Personen wahrgenommen werden wollen.

Proben in Oberhausen: Faszinierender Antagonismus von Pubertät
Hilarius Riese

Proben in Oberhausen: Faszinierender Antagonismus von Pubertät

Irgendwann, sagt Lena, wird der Tag kommen, an dem beide von zu Hause ausziehen. Vielleicht, sagt sie, werden sie sich dann auch individuelle Profile anlegen bei Instagram.

Es wird der Tag sein, an dem Millionen Fans entscheiden müssen, ob sie dabeibleiben wollen, Lisa ohne Lena, Lena ohne Lisa.

"Ich bin gespannt", sagt Lena. "Ich kenne es nicht, auf mich allein gestellt zu sein. Davor hab ich auch Schiss." Lena schaut zu Lisa, Anflug von Zweifel. Dann Grinsen. Sie müssen jetzt nichts sagen, um sich zu verstehen.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
hausfeen 25.12.2018
1. Das schaff ich in einem Satz: Gut aussehen, dickes Konto und Mann ...
... der noch besser aussieht und noch dickeres Konto. Leider gibbets weder die guten Gene noch die fette Kohle für alle jungen Menschen. Vielleicht mal mit Intelligenz probieren.
noerglerfritz 25.12.2018
2. Hmm...
Die können eigentlich nichts. Naja...
lupo62 25.12.2018
3.
Die beiden können ja offensichtlich tatsächlich nichts anderes als sie selbst sein. Gefahr und Chance zugleich. Irgenwann wird der ganze Hype vorbei sein. Damit müssen die beiden dann zurecht kommen. Aber sie brauchen sich nicht zu verbiegen. Und etwas Geld wird ja wohl auch herein kommen. Ich wünsche ihnen das Beste.
otto_lustig 25.12.2018
4. Heute nur Breaking News
bei SPON. Ich mache mir Sorgen um die 71 jährige Camilla, die schwer erkältet ist. Was die beiden Mädels hier betrifft, so etwas hätte ich gern als als Enkeltöchter, Super Mädels. Aber ich habe einen Super Enkelsohn. Wie erwähnt, heute nur Breaking News bei SPON. Aber ist ja Weihnachten.
irgendeinAnton 25.12.2018
5. Was für...
... unnütze Kommentare. Ich kenne die beiden nicht, fand es aber sehr interessant mal zu lesen für was und wen sich junge Menschen heute interessieren. Zu schreiben das die beiden nichts können, zeugt von Neid, Dummheit oder Ignoranz. Ich muss nicht einmal wissen, was die beiden nun genau machen. Wenn so viele millionen Menschen ihnen folgen und sie feiern, gibt der Erfolg ihnen einfach recht. Ich verstehe die beiden als Entertainer, die ihren Job verdammt gut verstehen anderen Menschen Freude, Unterhaltung, Hoffnung und was was ich alles zu vermitteln. Wenn hier zwei Mädchen sind, die Millionen junge Menschen glücklich machen und dabei anscheinend keine schlechten Vorbilder sind, wie kann man da auch nur eine schlechte Silbe über die beiden verlieren? Und wenn sie bei dem ganzen auch noch damit Geld verdienen, ist das doch toll. Anscheinend machen sie trozdem eine Ausbildung, was vernünftig und gleichzeitig ein gutes Vorbild ist. Ich freue mich jedenfalls, wenn ich eine solche Geschichte höre. :)
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