Porträt einer Kämpferin Sie hat Männern gezeigt, was Frauen leisten können

Sie ist 84 Jahre alt und arbeitet noch immer an sechs Tagen in der Woche: Lore Maria Peschel-Gutzeit kämpfte sich in Justiz und Politik gegen viele Widerstände nach oben. Was hat es gekostet?

SPIEGEL ONLINE

Eine Multimedia-Story über Erfolg von und  (Video und Fotos)


Es gibt Menschen, die sind erfolgreich, wenn andere längst hingeworfen hätten. Sie überwinden Hürden, an denen andere scheitern. Was zeichnet diese Menschen aus, die es gegen viele Widerstände geschafft haben? Dieser Frage geht SPIEGEL ONLINE in fünf Multimedia-Porträts nach. Um die Antwort vorwegzunehmen: Es ist Ehrgeiz, ja. Aber nicht nur der.

Nicht einmal der Aufzug zum Büro von Dr. jur. Lore Maria Peschel-Gutzeit bummelt. Wer nicht sofort hineinschlüpft, den erwischt die Tür. Es passt zum Arbeitstempo, für das die alte Dame so berühmt ist.

Peschel-Gutzeit ist Anwältin für Familienrecht in einer Kanzlei am Berliner Kurfürstendamm, auch mit 84 Jahren noch. Zwischen ihren Terminen räumt sie knapp zwei Stunden für ein Interview frei. "Das wird wohl reichen", hat sie am Telefon gesagt.

Sie trägt einen marineblauen Hosenanzug, eine goldene Uhr, eine Perlenkette, die Haare hochgesteckt wie früher. Ihre Augen blicken durch eine schiefe Gleitsichtbrille, ihr Händedruck ist erstaunlich sanft. Man könnte verstehen, wenn der lange Kampf sie hart gemacht hätte. Doch sie klingt nicht streng, sondern bestimmt und freundlich, als sie sagt: "Ich wollte nie in der dritten oder vierten Reihe tanzen."

Ihr Ledersessel knarzt in derselben Tonlage wie das Parkett. Gräser und Pfauenfedern vergilben in einer Vase. Es ist kein schönes Besprechungszimmer. Aber Schönheit zählt für Peschel-Gutzeit im Beruf wenig. Disziplin und Kampfgeist waren nützlicher auf dem Weg nach oben. "Mein Sternzeichen ist Skorpion", sagt Peschel-Gutzeit. "Das sind nun mal Kämpfer, das wissen wir."

Lore Maria Peschel-Gutzeit
Maria Feck

Lore Maria Peschel-Gutzeit

In den Fünfzigerjahren studierte sie Jura und arbeitete in einer Freiburger Kanzlei. 1960 zog sie zurück in ihre Heimatstadt Hamburg und begann dort als Richterin. 1984 ernannte man sie zur Vorsitzenden Richterin am Oberlandesgericht. Sie war die erste Frau auf dem Posten.

1991 wechselte sie als Justizsenatorin in die hanseatische Landesregierung. 1994 übernahm sie das Amt in Berlin. 1997 kehrte sie zurück an die Spitze des Hamburger Justizressorts - bis sie 2001 aus der Politik ausschied und sich als Anwältin in Berlin niederließ.

Peschel-Gutzeit hat sich angepasst. Als junge Richterin schlüpfte sie widerwillig in graue Kostüme, um weniger aufzufallen. Wenn sie abends heimkam, riss sie sich den "Angstsack" vom Leib, wie sie es erzählt, und zog Kleider an, in denen sie sich wohler fühlte.

Sie lernte, in einer Arbeitswelt, in der Frauen keinen Platz hatten, den richtigen Ton zu treffen. Sie setzte auf Humor, Offenheit und Diplomatie. "Wenn ich den Eindruck erweckt hätte, dass ich ein Feind bin, hätte ich verloren", sagt sie.

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Lore Maria Peschel-Gutzeit: Leben für den Erfolg

Dann erzählt sie eine ihrer Anekdoten, und sie lächelt dabei subtil. Es war 1968, Peschel-Gutzeit wollte als Richterin in die Pressekammer wechseln, doch der Vorsitzende Engelschall nahm keine Frauen. Also klopfte sie an die Tür seines Dienstzimmers und sagte liebenswürdig: "Ich habe gehört, Herr Engelschall, Sie möchten an Ihrer Kammer gern eine Frau haben. Ihnen kann geholfen werden!" Der Vorsitzende schwieg, dann raunzte er sie an, dann druckste er herum - und willigte ein.

Ihr Selbstbewusstsein verdankt Peschel-Gutzeit vor allem ihren Eltern. Der Vater, ein Generalmajor, schärfte ihr ein, ihre Begabungen zu nutzen. Die Mutter, eine Lehrerin, verzieh ihr Träumereien wie Brüllanfälle. "Sie ist sehr feinfühlig auf mich eingegangen", erinnert sich Peschel-Gutzeit.

Dann kam der Krieg und er zeigte dem Mädchen: Frauen können sich selbst versorgen, sie können, ja, müssen als Straßenbahnfahrerinnen oder Juristinnen arbeiten, wenn die Männer an die Front ziehen. Nach dem Krieg kehrten die Männer zurück - und verdrängten die Frauen zurück in den Haushalt.

Doch Peschel-Gutzeit wollte beides: Karriere und Familie. Im Beruf trieb sie sich gnadenlos an, denn mit dem Erfolg kam Macht und mit der Macht kam die Freiheit, Dinge zu gestalten. "Ich fand es interessant, vorne mitzuspielen", sagt Peschel-Gutzeit. Sie wollte den Männern zeigen, was Frauen leisten können.

Der Schreibtisch von Peschel-Gutzeit
Maria Feck

Der Schreibtisch von Peschel-Gutzeit

In der Familie kam manches zu kurz. Ihre drei Kinder zog Peschel-Gutzeit nebenbei groß - und nachdem ihre Ehe 1973 geschieden wurde, auch alleinerziehend. "Das war sehr anstrengend", erinnert sie sich. Kindermädchen halfen, den Alltag zu stemmen. Es klappte irgendwie, und nicht immer gut. "Ich habe Fehler gemacht", sagt Peschel-Gutzeit. "Ich hätte für meine jüngste Tochter mehr Zeit aufwenden müssen."

Als Andrea drei Jahre alt war, knallte sie mit dem Kopf an die Heizung und blutete stark. Doch Peschel-Gutzeit hatte einen wichtigen Termin am Gericht. Also rief sie beim Kinderarzt an und fragte, wie lange die Wunde unversorgt bleiben könne. Drei Stunden, sagte der Arzt. Das Kindermädchen stillte die Blutung, die Mutter eilte zur Sitzung, danach mit der Tochter zum Arzt. Sie wollte dabei sein, wenn die Wunde genäht wurde. Das gehöre zu den Aufgaben einer Mutter, sagt sie.

Woher dieser Wille zur jahrelangen Selbstkasteiung, den sie mit viel schlechtem Gewissen bezahlte? "Ich bin es zu keiner Zeit gewohnt gewesen, es leicht zu haben", sagt sie. Bis heute arbeitet sie an sechs Tagen in der Woche, täglich mindestens acht Stunden.

Sie tut es nicht nur für sich. Stets kämpfte sie für die Rechte von Frauen, von Kindern, wo nötig auch für die Rechte von Männern, zum Beispiel in Sorgerechtsfragen. Eins ihrer Herzensthemen: ein Recht für Kinder auf gewaltfreie Erziehung. Im Jahr 2000 trat endlich ein entsprechendes Gesetz in Kraft.

Andere Ziele sind noch unerreicht. So stehen zum Beispiel Kinderrechte immer noch nicht im Grundgesetz. "Da lass ich nicht nach", sagt Peschel-Gutzeit. Es seien diese Ziele, die sie anspornen, sagt sie - auch noch mit 84 Jahren, wenn andere längst barmherziger mit sich selbst geworden sind.

Viel Freizeit brauchte Peschel-Gutzeit noch nie. Sie besitze die Gabe, sich nach Feierabend schnell zu entspannen, sagt sie. Früher tat sie es bei einem Glas Wasser mit Whisky, das ihre Kinder ihr brachten. Heute zieht sie sich in ihre Berliner Wohnung zurück - zu Krimis, Blumen auf der Terrasse und Musik von Bach.

Sie hat auch noch ein altes Haus in Hamburg, ihr Name steht nicht am Briefkasten. "Dort soll niemand unverhofft vor der Tür stehen", sagt sie. "Das ist mein kleiner Bereich, wo ich die Schuhe ausziehen kann."

Peschel-Gutzeit wünscht sich, dass Frauen öfter an die Spitze streben. "Sie tun es oft nicht, aus Angst, Unsicherheit und mangelndem Selbstwertgefühl", sagt sie. "Da oben weht der Wind schärfer." Vielleicht ist vielen jungen Frauen der Preis auch einfach zu hoch.

Die Anwältin geht gebeugt. Es ist das Alter. Oder ist es der Wind, der ihr so oft ins Gesicht blies? "Ich weiß nicht genau, wie sehr der Erfolg mich verändert hat", sagt sie. Doch eins hat sie sich geschworen: sich über niemanden zu erheben.

Und so wirkt sie auch noch freundlich und gelassen, als knapp zwei Stunden vorbei sind. Peschel-Gutzeit bedankt sich mehrmals für das Interview. Die Fragen, die Foto- und Videoaufnahmen müssen sie angestrengt haben. Doch man merkt es ihr nicht an.

Gleich kommen die nächsten Mandanten. Der leere Joghurtbecher auf ihrem Schreibtisch verrät, dass sie auch heute keine Mittagspause gemacht hat.



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