Training für Medizinstudenten "Ihre Mutter wird sterben"

Höchstens 20 Minuten haben Ärzte meist, um Patienten und Angehörigen schockierende Nachrichten zu überbringen. Im Klinikalltag fehlt ihnen häufig die nötige Sensibilität. Studenten in Marburg üben solche Gespräche über den Tod in einem Seminar.

Von Marie-Charlotte Maas


Es ist kurz vor neun Uhr, als der Mediziner Christian Kreisel an seinem Schreibtisch Platz nimmt. Er ist unruhig, denn er muss gleich einem jungen Mann eine schreckliche Botschaft überbringen.

Der Mann klopft, Kreisel sagt "Herein" und bietet seinem Gast einen Stuhl an. Der Mediziner hält eine Karteikarte in der Hand und spricht mit ruhiger Stimme. "Ich muss Ihnen leider sagen, dass der Krebs Ihrer Mutter unheilbar weit fortgeschritten ist." Er schaut dem Besucher in die Augen. "Wir können natürlich trotzdem eine Chemotherapie machen oder Ihre Mutter operieren. Sie müssen entscheiden, ob Sie das möchten und was das Beste für Ihre Mutter und Ihre Familie ist."

Der junge Mann spielt mit seiner Brille. "Meine Mutter hatte bereits einmal eine Chemotherapie, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das noch mal erleben möchte." Mediziner Kreisel faltet die Hände und erläutert sorgfältig das Für und Wider der Behandlungsoptionen. Sein Gegenüber schweigt einen Moment. "Uns geht langsam die Kraft aus", sagt er dann.

Das ist das Signal.

Christian Kreisel nickt verständnisvoll. "Wir werden uns gut um Ihre Mutter kümmern, sie wird keine Schmerzen haben." Er legt dem Besucher kurz die Hand auf den Arm. "Ich wünsche Ihnen viel Kraft. Ich bin jederzeit erreichbar."

Mit Würde und Gefühl

Kaum hat der Besucher das Zimmer im Uni-Klinikum verlassen, betreten fünf junge Leute den Raum. Es sind Kreisels Kommilitonen, die gekommen sind, um das Gespräch zu bewerten. Es war nämlich nur gespielt.

Kreisel studiert im siebten Semester an der Philipps-Universität in Marburg und ist Teilnehmer eines Ethikseminars. Die Studierenden sollen dabei in Rollenspielen lernen, was in den Kliniken noch immer viel zu oft schiefgeht: Patienten und ihren Angehörigen auf eine würdige und gefühlvolle Weise schlechte Nachrichten zu überbringen. Zudem trainieren die Jungmediziner Patientenkontakte und lernen dabei unter anderem, Untersuchungstechniken verständlich und einfühlsam zu erklären.

Kreisels Kommilitonen haben das Gespräch über Kopfhörer aus dem Nachbarraum verfolgt. Der ist durch einen venezianischen Spiegel vom Behandlungszimmer abgetrennt - die anderen sehen Kreisel, er sie jedoch nicht.

Ein Schauspieler imitiert psychosomatische Störungen

Zu den Kommilitonen, die nun über die Gesprächsatmosphäre beraten, gesellt sich Marius Rosinski. Er ist Laienschauspieler und hat eben zum 15. Mal den trauernden Sohn gespielt. "Eine sehr angenehme Situation, ein gutes Gespräch", lobt er. Als erfahrener Simulationspatient und -angehöriger weiß Marius Rosinski, dass das nicht selbstverständlich ist. "Man merkt schnell, ob jemand Talent hat."

Bereits seit zweieinhalb Jahren schlüpft der Schauspieler für die Marburger Universität in unterschiedliche Rollen. Besonders gern spielt er die Rolle von Menschen mit psychosomatischen Störungen. "Es ist spannend zu sehen, ob der Student herausfindet, welches seelische Leiden hinter meinen körperlichen Problemen steckt."

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Die Idee, Simulationspatienten und -angehörige für die Ausbildung von Medizinern einzusetzen, stammt aus den Vereinigten Staaten. Viele deutsche Hochschulen haben das Konzept übernommen.

20 Minuten für eine Todesnachricht

Um die Szenen möglichst realistisch darzustellen, sind die Unterrichtsräume in Marburg authentisch eingerichtet: Es gibt Patientenwohnungen, einen OP-Saal und ein Krankenhauszimmer - samt Blumen und Zeitung auf dem Nachttisch, Pantoffeln neben dem Bett und Kulturbeutel am Waschbecken. "Die Studenten vergessen manchmal regelrecht, dass sie in einer Übung sind", erzählt Andrea Schönbauer, die zu den Koordinatorinnen des Projekts zählt.

Knapp 20 Minuten hat die Unterhaltung zwischen Christian Kreisel und dem angeblichen Sohn gedauert. Etwa so viel Zeit wird für ein solches Gespräch auch im richtigen Leben bleiben. Zumindest sollte es das. "Ich habe leider schon erlebt, dass Ärzte Diagnosen während der Visite überbringen", sagt einer der Studenten. Kreisel findet so ein Verhalten schlimm. "Auf die Betroffenen einzugehen gehört doch zum Arztberuf", sagt er. "Vielleicht lässt sich das im Alltag nicht immer umsetzen, aber ich habe vor, mir die Zeit zu nehmen. Ein 87-jähriger Arzt hat mir einmal gesagt, dass die höchste Form der Medizin die Nächstenliebe sei. Das hat mich sehr geprägt."

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CaptainSpock 07.06.2013
1. Sehr gutes Training!
Auch wir an der Uni Jena üben bereits in der Vorklinik mit Schauspielpatienten und ich finde diese Art des Lernens sehr hilfreich. Meiner Meinung nach kann man gar nicht früh genug damit anfangen, denn seine soft skills zu stärken und bei Gesprächen wertvolles feedback von Beobachtern zu hören, ist für den späteren Arztberuf absolut goldwert! Ich habe schon dokus gesehen, wo Ärzte nicht in der Lage waren ihrem Patienten richtig mitzuteilen, dass sie z.B. unheilbar an Krebs erkrankt sind.
DieButter 07.06.2013
2. Der Arzt ist nur der Bote...
Mindestens ebensowichtig wäre, daß die Patienten/Angehörigen auch seelsorgerische/psychoonkologische Betreuung in Anspruch nehmen würden. Das wären nämlich die Spezialisten, deren Aufgaben Patienten regelmäßig erwarten, von den Ärzten wahrgenommen werden zu sollen. Die haben aber meist noch 30 andere Patienten auf Station, die auch alle mal ein Stückchen Doktor für sich abhaben wollen. Ein Arzt sollte sich zwar die Zeit nehmen und sanft herausfinden wieviel schlechte Diagnose ein Patient überhaupt erfahren will, aber zum Trauern/Trösten und zur Verlustaufarbeitung ist er eigentlich nicht da. Vielmehr kann man mit ihm die weitere Strategie planen, zB. häusliche Versorgung, Schmerz-/Palliativmedizin und eben psychoonkologische + geistliche Betreuung.
lindenbast 07.06.2013
3.
Zitat von DieButterMindestens ebensowichtig wäre, daß die Patienten/Angehörigen auch seelsorgerische/psychoonkologische Betreuung in Anspruch nehmen würden. Das wären nämlich die Spezialisten, deren Aufgaben Patienten regelmäßig erwarten, von den Ärzten wahrgenommen werden zu sollen. Die haben aber meist noch 30 andere Patienten auf Station, die auch alle mal ein Stückchen Doktor für sich abhaben wollen. Ein Arzt sollte sich zwar die Zeit nehmen und sanft herausfinden wieviel schlechte Diagnose ein Patient überhaupt erfahren will, aber zum Trauern/Trösten und zur Verlustaufarbeitung ist er eigentlich nicht da. Vielmehr kann man mit ihm die weitere Strategie planen, zB. häusliche Versorgung, Schmerz-/Palliativmedizin und eben psychoonkologische + geistliche Betreuung.
Eigentlich braucht man als Angehöriger aber beides - ist denn der Psychologe mit den medizinischen Aspekten vertraut? Denn das braucht man ja AUCH. Z. B. für die Frage, wie es nun konkret weitergeht. Was mich angeht, wäre ich oft schon zufrieden gewesen, wenn es überhaupt möglich gewesen wäre, einen Arzt aufzutreiben, mit dem man sprechen kann und der den Fall kennt. Es ist ja immer ein anderer.
lucas 07.06.2013
4. Nach dem Aufstehen
...morgens bekam ich die Nachricht über den Tod meiner Mutter auf dem Anrufbeantworter ..."und bitte holen Sie die persönlichen Sachen ihrer Mutter ab"....danach war niemand mehr zu sprechen. Das ist die Realität.
badpritt 07.06.2013
5. gut, aber nicht neu
in Berlin seit ca 1995! in der Medizinerausbildung, ebenfalls seit den 90ern als "breaking bad news" für fertige Ärztinnen und Ärzte. Leider lehnen es Kassen rigoros ab, in bessere Trainings zu investieren - von anderen real existierenden Zwängen ganz abgesehen
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