Mein schlimmster Job Nächtliche Belästigung im Call-Center

Der Studentenjob von Silvana Koch-Mehrin war anständig bezahlt - manche Stöhn-Anrufe waren ziemlich unanständig. Im Call-Center lernte die FDP-Politikerin was fürs Leben. Denn auch im EU-Parlament fallen zotige Sprüche, mitunter von weiblichen Chauvinisten.


"Während meiner ersten Uni-Semester habe ich nachts in einem Call Center gearbeitet. Pro Stunde gab es 20 Mark, das war Anfang der neunziger Jahre richtig viel Geld. Aber bald verstand ich, dass der Lohn auch eine Art Schmerzensgeld war.

Silvana Koch-Mehrin: Versaute Anrufe stählen für ein Leben in der Politik
Bente Schipp

Silvana Koch-Mehrin: Versaute Anrufe stählen für ein Leben in der Politik

Bei dem Job ging es um Folgendes: Wenn Werbung im Fernsehen lief, zum Beispiel für Fitnessgeräte oder Kosmetika, schnappten wir Telefonmädchen uns den Gesprächsleitfaden und warteten auf Anrufe. Um gleichbleibende Informationsqualität zu garantieren, gab es in höflicher Sprache verfasste Dialogelemente zum Vorlesen. Ein erfolgreiches Gespräch endete mit der Aufnahme der persönlichen Daten, inklusive Kontoverbindung. Ein bisschen monoton vielleicht, aber kein Grund zu meckern.

Gleich in der ersten Nacht hatte ich aber einen Anrufer, der kein Interesse an einem der beworbenen Produkte hatte, sondern ein quasi privates Gespräch suchte: Er stöhnte in den Hörer. Zunächst war ich etwas perplex. Aber recht schnell hatte ich Routine und legte einfach auf.

Schwieriger war es, wenn der Anrufer immer wieder anzügliche Bemerkungen einstreute: ein freundlicher Kommentar, die Frage, wie denn die Frau zur Stimme aussieht oder die Ausführung, was der Anrufer gerade selbst machte oder machen wollte. Wie viel sollte ich tolerieren?

Damals hätte ich es nicht vermutet, aber ich habe bei dem Job fürs Leben gelernt. Ich habe meine Grenzen kennengelernt und weiß jetzt, ab wann ich sage: Es reicht.

Auch Frauen sind gute Chauvinisten

Auch im professionellen und politischen Umfeld ist Sexismus nicht verschwunden, leider. Vor allem ältere Herren zelebrieren zuweilen ein ätzendes Revierverhalten, mit Zoten bis hin zum versuchten Körperkontakt - das alles gibt es noch.

Wird sich das ändern, wenn mehr Frauen in Führungspositionen sind? Wenn ich mir weibliche Chauvinisten anschaue, habe ich Zweifel. Ob es die Chefin eines Bekannten ist, die von Mitarbeitern als ihren Chippendales spricht, oder eine EU-Kommissarin, die beim Anblick eines adretten Jünglings sagt: "Zwischen meinen Beinen wäre der besser aufgehoben als hier im Sitzungssaal."

In jedem Fall wüssten Männer dann, wie sich solche Sprüche anfühlen, und wir spielten auf einem Level. Es soll ja auch Frauen geben, die Männer am Telefon traktieren."

Silvana Koch-Mehrin, 38, wurde in Wuppertal geboren und lebt heute in Brüssel. Die FDP-Politikerin ist seit 2004 Mitglied im Europäischen Parlament.



Protokoll: Mariam Schaghaghi



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