Mexikaner in Texas "Ey, hombre! Das ist nicht mehr dein Land"

Seit Donald Trumps Wahlsieg hat sich das Leben von Antonio in Texas radikal verändert. Der erfolgreiche Unternehmer hat mexikanische Wurzeln - und wird jetzt ständig angepöbelt.

Pickup-Trucks von Trump-Anhängern (Symbolbild)
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Pickup-Trucks von Trump-Anhängern (Symbolbild)

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Antonio, US-Bürger und gebürtiger Mexikaner, erlebt im US-Bundesstaat Texas gerade eine regelrechte Hetzjagd. Sie ist das Ergebnis der monatelangen Stimmungsmache von Donald Trump gegen Migranten: Auf SPIEGEL ONLINE erzählt der 37-jährige Geschäftsmann, wie sein Leben in diesen Tagen aus den Fugen gerät - nur weil man ihm seine mexikanische Herkunft ansieht:

"Wenige Tage nach Trumps Wahlsieg war ich abends im Supermarkt, habe dabei mit einem Freund telefoniert und mit ihm Spanisch gesprochen. Da schubst mich plötzlich jemand von hinten und stößt mich in den Rücken: 'Ey, hombre.' Ich drehe mich um und frage den Mann, was er will, und er sagt: 'Sprich gefälligst Englisch. Dies ist nicht mehr dein Land.'

Ich sage: 'Lass mich in Ruhe.' Aber da kommen zwei weitere Männer auf mich zu. Sie fangen jetzt auch an, mich zu bedrängen und auf mich einzureden. Und das Erschreckende ist: Das sind drei weiße, gut gekleidete Männer im Businessdress, die aussehen, als seien sie gebildet und hätten Bürojobs, keine halbstarken Jungs in Tarnkleidung.

'Hier wird gleich jemand verletzt'

Ich finde die Situation so bedrohlich, dass ich meinen Freund am Handy sage, er soll dranbleiben, damit er notfalls Hilfe verständigen kann. Aber Gott sei Dank kommt gerade mein Nachbar vorbei, ein Ex-Soldat mit Waffe am Gürtel. Er fragt, ob es Probleme gibt, und einer der Männer antwortet, sie würden mir nur gerade erklären, wie das neue Leben hier jetzt abläuft.

Mein Nachbar fordert sie auf, mich in Ruhe zu lassen. Aber das wollen sie nicht. Erst als er die Hand auf seine Waffe legt und ihnen sagt, dass sie einen Krankenwagen rufen sollten, weil gleich jemand verletzt wird, merken sie, dass es ihm wirklich ernst ist und gehen. Währenddessen hatte eine dunkelhäutige Frau den Laden mit ihrem Kind schon fluchtartig verlassen.

Mein Nachbar geht dann noch zusammen mit mir einkaufen, wir laufen zu den Autos, fahren nach Hause, und dort wartet er im Wagen, bis ich sicher im Haus bin. Es klingt verrückt, aber es sieht so aus, als ob ich jetzt so einen Schutz brauchen würde. Ich habe Angst, ich habe wirklich Angst, zumal ich schon vor zwei Monaten im Supermarkt Ähnliches erlebt habe und seit Trumps Wahlsieg fast täglich irgendwie angefeindet werde."

"Upper class"-Mexikaner

Antonio erzählt all das am Telefon und ihm ist anzumerken, wie bestürzt er über die Vorfälle ist. Immer wieder betont er, dass er fast sein ganzes Leben lang in den USA verbracht und dort bisher absolut friedlich, ungestört und legal gelebt hat. Seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht nennen, aus Angst, seine Familie könnte dann erst recht zur Zielscheibe werden.

Antonios Vorfahren sind vor Jahrzehnten vor den Faschisten in Spanien nach Mexiko geflohen, weil sein Großvater politisch verfolgt wurde. Seine Familie lebt noch dort, und zwar in wohlhabenden Verhältnissen. Großvater und Eltern sind hochqualifizierte Akademiker. Sie sprechen mehrere Sprachen fließend und haben teilweise mehrere Doktortitel.

Antonio selbst spricht fließend Englisch, Französisch und Spanisch. Er ging fürs College in die USA, hat außerdem in Europa studiert, und ist seit fast zwanzig Jahren amerikanischer Staatsbürger, der übrigens immer gewählt habe, wie Antonio betont.

In Texas leitet Antonio eine eigene Firma mit mehreren Angestellten, verfügt über ein gutes Einkommen und zahlt regelmäßig Steuern. Er ist mit einer amerikanischen Frau verheiratet, hat Kinder, die er in sehr gute Schulen schicke und in einer sehr guten Gegend in einem "Upper class"-Vorort von Dallas groß werden lasse. Aber all das schützt ihn nicht vor dem Gift, das der künftige Präsident Donald Trump in seiner Hetzkampagne gegen Migranten verspritzt hat.

Stinkefinger, Pöbeleien, Anfeindungen

"An dem Morgen nach Trumps Wahlsieg hat mein Sohn geweint. Er hatte Angst, dass ich abends nicht wieder nach Hause komme, weil er in der Schule und im Radio gehört hatte, dass Mexikaner ausgewiesen werden sollen. Ich habe ihn beruhigt, ich würde ganz sicher wiederkommen, aber es war schlimm, ihn in solcher Angst zu sehen.

Auf dem Weg zur Arbeit im Auto wurde ich von mehreren Leuten in Pickup-Trucks mit Trump-Aufklebern und Fahnen immer wieder angehupt. Ich habe mich gewundert, was das soll, und dann zeigten sie mir den Stinkefinger. Ich habe keine politischen Aufkleber oder so etwas auf meinem Wagen, es war einfach nur, weil ich nicht so aussehe wie sie.

Das ist mir auf dem Weg zur Arbeit dreimal passiert. Auf dem Rückweg wurde ich wieder angehupt, und als mein Wagen stand, kam ein Mann auf mich zu und sagte: 'Verschwinde aus meinem Land. Wir haben dich gewarnt. Bis Januar solltest du hier weg sein.'

Wenig später bekam ich eine E-Mail von einem Kunden, in der er mir erklärt, er könne mich jetzt nicht mehr beauftragen, weil ich Mexikaner sei. Er hat es sich dann doch anders überlegt, als ich mit ihm telefoniert habe, allerdings mit der Begründung, ich sei ja nicht "so ein Mexikaner", sondern "ein anderer Mexikaner" was auch immer das bedeuten soll. Diese Anfeindungen, diese Aggressivität erlebe ich in den USA das erste Mal.

"Ich möchte gerne glauben, dass der Spuk bald vorbei ist"

Ich fahre nur noch zur Arbeit und zurück, ich gehe nicht mehr mit Freunden aus und nicht mehr alleine einkaufen. Als meine Frau und ich neulich unseren Hochzeitstag gefeiert haben, sind wir zu Hause geblieben. Wir hatten Angst auszugehen. Mir kommt das alles absurd vor. Warum können wir hier nicht einfach weiter friedlich zusammenleben? Fast alle Amerikaner sind doch letztlich irgendwann mal in die USA eingewandert.

Ich habe schon überlegt, an die Ostküste zu ziehen, weil es da weniger Trump-Anhänger gibt. Aber ich habe meine Firma hier und viel Geld investiert. Ich habe auch daran gedacht, nach Mexiko zu ziehen. Aber meine Frau und meine Kinder sind hier, wir leben hier, haben unsere Arbeit und unsere Freunde, ich habe fast mein ganzes Leben hier verbracht.

Ich möchte gern glauben, dass sich der Spuk in drei bis vier Wochen gelegt hat. Aber ich fürchte, so wird es nicht sein."



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