Musikstudenten "Der Kick ist weg"

Einmal die erste Geige in einem großen Orchester spielen - das ist für die meisten Musikstudenten der große Traum. Manchen jungen Musikern allerdings ist das Orchesterleben viel zu verstaubt, zu oberflächlich. Sie stellen ihr Instrument in den Schrank und stecken sich neue Ziele.

Von Leon Stebe


Per Hauber: Organisiert jetzt Klassikabende in Szene-Clubs

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Ein großer Auftritt: Bei "Wetten, dass...?" war er vor Jahren Background-Sänger des singenden Soapstars Christian Wunderlich. Dabei ist Per Hauber eigentlich Saxophonist. Ein sehr guter dazu, wenn man sich seine bisherige Laufbahn anschaut. Der 25-Jährige hat bereits zusammen mit den Berliner Philharmonikern gespielt - unter freiem Himmel und im Gegensatz zur Fernsehsendung ganz ohne Playback: "Das war ein unglaubliches Gefühl."

Hauber studierte in Berlin Musikerziehung. Nebenher gründete er ein Saxophon-Quartett und veranstaltete Konzerttourneen. Sein Talent war schon früh erkennbar. Mit vier Jahren begann er, Geige zu spielen, mit zehn Jahren schließlich Saxophon. Bereits als Schüler räumte er beim Wettbewerb "Jugend musiziert" mehrere Preise ab. Seine Kommilitonen hätten ihre Instrumente darauf verwettet, dass Per Hauber eines Tages als Konzert-Saxophonist in einem großen Orchester spielen wird.

Junge Musikstudenten: Aus der Traum, heißt es häufig
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Doch Hauber steht nicht mehr in Frack und Fliege im Konzertsaal. Am Ende eines Klassikkonzerts gehört er auch weiterhin zu denen, die klatschen - und nicht zu denen, die beklatscht werden. Per Hauber hat sich entschieden, seinen Musikerjob an den Nagel zu hängen. Der Traum war geplatzt. "Das war mir alles zu verstaubt", sagt er. Außerdem sei ihm das Orchesterleben sehr schnell langweilig geworden: "Zwei Proben am Tag, abends Konzert, jeden Tag - das geht ziemlich schnell auf die Nerven." Per Hauber fehlte die Abwechslung, er war unzufrieden: "Der Kick ist weg!"

Heute fühlt sich Per Hauber deutlich besser. Als Product Manager arbeitet er in der Klassikabteilung der Plattenfirma Universal Music. "Im Gegensatz zu den starren Hierarchien in den Orchestern hat man hier viel Freiraum", sagt Hauber. Er ärgert sich darüber, dass ihm das Musikstudium nur selten wirtschaftliche Kenntnisse vermittelt hat. "Die Unis denken nur an die musikalische Laufbahn und schauen nicht über den Tellerrand."

Musikstudenten müssen lernen zu leiden

Sein Saxophon holt er nur noch für ein Geburtstagsständchen hervor. Jetzt ist er unter anderem zuständig für die "Yellow Lounge", ein Klassikabend für junge Leute in Berliner Clubs. Bei der Organisation dieser Events könne er sich besser selbst verwirklichen, sagt er. Und vermisst die Zeit als aktiver Musiker überhaupt nicht mehr.

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Junge Musiker gehen immer häufiger in andere Bereiche, bestätigt auch Johannes Ernst, Dozent an der Universität der Künste, den Trend. "Da die Orchesterstellen immer weniger werden, müssen die Studenten schauen, wo sie bleiben." Von seinen Schülern fordert Ernst daher vor allem Leidensbereitschaft: "Der Job als Musiker ist ein Beruf, der einem das Existenzminimum liefern kann." Ein eigenes schickes Haus und ein teures Auto springen in den seltensten Fällen heraus.

Daher sei es umso besser, wenn seine Schüler schon früh lernten, sich selbst zu vermarkten, sagt Ernst. In den USA hätten die meisten Musikstudenten zumindest auch einen kleinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaft. Das wäre in Deutschland sehr wünschenswert - damit würden junge Musiker lernen, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen, so Ernst. Es sei nicht selten, dass Studenten nach einer Instrumentalausbildung an der Hochschule als Produzenten oder Konzertveranstalter arbeiten. Nur müssten Studenten sich diese Fähigkeiten erst aneignen, indem sie zum Beispiel BWL-Kurse besuchen.

Bloß kein Leben im Orchestergraben

Auch Andreas Vogelmeier hat sich gegen ein Leben als aktiver Musiker entschieden. In München und Berlin hat er acht Jahre lang Instrumentalmusik studiert, mit dem Hauptfach Trompete. Auch er hat schon in großen Orchestern gespielt - zum Beispiel an der Staatsoper Hamburg. Vor fünf Jahren kam dann der Bruch. Er beschloss, katholische Theologie zu studieren. Sein neues Ziel: Er will Priester werden.

"Die Entscheidung, nach meinem Studium noch etwas Anderes anzufangen, ist mir nicht leicht gefallen", erzählt der 31-Jährige. Er weiß aber, dass sein Entschluss richtig war. "Ich habe gemerkt, dass ich zum Ende meines Studiums hin nicht mehr richtig bei der Sache war. Ich war auf der Suche nach was Neuem." Ein Leben als Trompeter im Orchestergraben konnte er sich nicht mehr vorstellen. Die Distanz zum Publikum war ihm zu groß.

Als Priester habe er die Möglichkeit, viel näher dran am Menschen zu sein. "Außerdem kann ich meine Fähigkeiten besser einsetzen." Heute ist die Musik nur noch sein Hobby. Gerade deshalb mache ihm das Spielen auf der Trompete auch mehr Spaß als früher. Während des Studiums habe er viele frustrierte Kommilitonen kennen gelernt. Der Konkurrenzdruck sei groß: "Man übt und übt und hat große Ideale - und landet angesichts der Stellensituation doch nur in einem kleineren Orchester, wenn überhaupt." Das sei ernüchternd.

Wenn sich Andreas Vogelmeier das Leben älterer Orchestermusiker anschaut, dann will er nicht tauschen. Viele seien ausgebrannt, hätten die Leidenschaft zur Musik verloren. So hat er sich seinen Beruf nicht vorgestellt. Zwar bereut er sein Musikstudium nicht - aber die Faszination für den Dienst als Priester war stärker. "Im Gegensatz zu früher bin ich wieder bei der Sache, und das gibt mir eine neue Perspektive."



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