Mythos Chancengleichheit Soziale Herkunft schlägt Leistung

Jeder kann den Aufstieg schaffen, allein Können, Talent und Fleiß ölen die Karriere - nichts als eine schöne Fata Morgana. In Wahrheit bleibt Deutschland eine geschlossene Gesellschaft. Beruflicher Erfolg wird über Generationen vererbt. Gerade auf den Chefetagen gilt das U-Bahn-Prinzip: Wer drin ist, hält die Tür zu. Von Finn Mayer-Kuckuk


Die Klassenlehrerin von Jost Blümel (Name geändert) ist sich sicher: "Mit seinen Fähigkeiten hätte der Junge es auch auf dem Gymnasium geschafft." Doch der 16-Jährige geht in die 9. Klasse einer Hauptschule. Er hat wache Augen, liest gern Stephen King, schaffte einen Notendurchschnitt von 2,4. "Die Leistungen reichen aber nicht für eine Lehrstelle", ahnt Jost jetzt schon.

Er möchte Tischler werden, aber zu viele bewerben sich um einen Ausbildungsplatz. Obwohl Jost in der Grundschule den Lernstoff schnell aufgefasst hat, war seine Mutter nicht der Meinung, dass er unbedingt aufs Gymnasium soll. Die gelernte Speditionskauffrau hat Jost allein aufgezogen, bezieht Sozialhilfe. Als Jost klein war, hat sie gearbeitet und konnte ihm nicht viel helfen.

Aufsteiger Witzleben (mit Mentor Späth): Karriere aus dem Bilderbuch
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Aufsteiger Witzleben (mit Mentor Späth): Karriere aus dem Bilderbuch

So hätte Alexander von Witzlebens Ausbildung nicht verlaufen können. Der 40-jährige Vorstandsvorsitzende des Jenoptik-Konzerns kommt aus einer stolzen Familie, die ihrem Nachwuchs von Anfang an klar macht, dass er hoch hinaus soll. Von Witzleben hätte auch dann studiert, wenn er weniger clever gewesen wäre. Doch mit seinen Fähigkeiten legte er eine Bilderbuchkarriere in der Industrie hin. Ihn und keinen anderen wünschte sich Lothar Späth als Nachfolger an der Spitze des ostdeutschen High-Tech-Unternehmens Jenoptik.

Deutschlands Gesellschaft verknöchert. Die Potsdamer Elitestudie von 1995 hat ergeben, dass 82 Prozent der Chefs in Deutschland selber einen Chef zum Vater haben. Seit den zwanziger Jahren hat sich wenig geändert: Eine Oberschicht besetzt Generation für Generation die Führungspositionen.

Auswahl ohne Gnade

Die Bildungsrevolution Ende der sechziger Jahre sollte eigentlich bewirken, dass der Mensch nicht länger ist, "als was er geboren war", sondern "wird, was er kann". Bildung sei Bürgerrecht, schrieb Vordenker Ralf Dahrendorf 1965: "Es ist die Pflicht des Staates, für dieses Recht Sorge zu tragen." Die Regierung reformierte das Abitur und führte Bafög ein. Immerhin stieg der Anteil der Arbeiterkinder, die in die Mittelschicht aufsteigen, seit damals von drei Prozent auf sieben Prozent. Seit 1990 sinkt er wieder.

Kein Zutritt: In Top-Jobs bleibt die Oberschicht unter sich
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Für Deutschland wäre es aber enorm wichtig, mehr Menschen zu qualifizieren: Die OECD hat in einer groß angelegten Studie 2003 nachgewiesen, dass Ausbildung Wachstum bringt. In Deutschland haben jedoch 16 Prozent weniger junge Arbeitskräfte einen Hochschulabschluss als in den anderen EU-Ländern. Die Bildungspolitiker rätseln: Warum nutzen nicht mehr junge Leute aus den unteren Schichten die Möglichkeit, kostenlos zu studieren und später einen gut bezahlten Job zu ergattern?

Weil Eltern, Lehrer und Manager zusammenarbeiten, um sie draußen zu halten. Die Gesellschaft selektiert gnadenlos, und das beginnt schon in der Grundschule. "Selbst bei guten Noten gehen nur 38 Prozent der Unterschichtkinder auf ein Gymnasium", sagt der Sozialwissenschaftler Rainer Geißler. Damit die Lehrer sie fürs Gymnasium empfehlen, müssen Grundschüler aus benachteiligten Verhältnissen 50 Prozent mehr Leistung bringen, so Geißler. Und selbst wenn sie die Empfehlung bekommen, heißt das noch nicht, dass sie künftig ein Gymnasium besuchen - 52 Prozent der Ungelernten schicken ihre Kinder trotzdem auf eine Haupt- oder Realschule.

Der Nimbus der Spitzenkräfte

Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks von 2004 vergleicht, was aus hundert Kindern weniger gebildeter Eltern wird: 64 gehen gar nicht erst auf weiterführende Schulen und fallen damit für eine Karriere in Berufen mit hohem Einkommen und Sozialprestige weitgehend aus. Von den verbleibenden 36 machen 25 trotz Abi einen Bogen um die Unis - da waren's nur noch elf.

Der Freiburger Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis hat dafür eine Erklärung: Viele Arbeiterkinder haben gar keinen Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. "Aufsteigen tut nur, wer auch wirklich aufsteigen will, weil zum Beispiel die Eltern ihn ermutigen", sagt er. Selbst der ehrgeizigen Minderheit, die das Studium meistert und sogar promoviert, legen die etablierten Eliten Steine in den Weg.

Der Soziologe Michael Hartmann von der Universität Darmstadt hat die Karrieren von 6500 potenziellen Aufsteigern mit Doktortitel ausgewertet. Die soziale Herkunft entscheidet, "zum Manager wird man geboren", weiß der Wissenschaftler: Kandidaten mit großbürgerlichem Hintergrund haben fünfmal bessere Aussichten auf eine Eliteposition in der Wirtschaft - Tendenz steigend.

Habitus der Erfolgsbürger kann man kaum lernen

"Die Souveränität gibt den Ausschlag", erklärt Hartmann das Ergebnis. Wer aus einem Proletarierhaushalt komme, könne nie lässig genug mit den Spielregeln der Erfolgsbürger umgehen, um zu signalisieren: Ich gehöre zu euch, zur Elite.

Beste Startchancen: Puma-Chef Zeitz
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Der 41 Jahre alte Chef des Sportschuhherstellers Puma, Jochen Zeitz, etwa strahlt den Nimbus der Spitzenkräfte aus. Er kommt aus einer Ärztefamilie, hatte in seiner Jugend Muße, Sprachen zu lernen. Sein gelassenes Auftreten lässt nicht ahnen, dass er den Aufstieg auch zähem Ehrgeiz verdankt. Publicity verschmäht Zeitz - er muss sich nicht nach außen präsentieren, weil er tief in sich weiß, was er wert ist. So einer wird schon mit 30 Chef eines Großunternehmens.

Angesichts all der Hürden wundert es kaum, dass die Benachteiligten meist in ihrer Schicht hängen bleiben. Das wurmt besonders Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Selbst Tochter eines Binnenschiffers und einer Friseurin, hat sie es mit Bafög und Ehrgeiz von ganz unten nach ganz oben geschafft.

Binnenschiffers Tochter gestaltet Bildungspolitik

Als Ministerin will sie endlich erreichen, dass auch außerhalb der politischen Parteien der Erfolg nicht mehr von der Herkunft abhängt. Die Lehrer sollen in Zukunft dafür Zeit haben, sich die Kinder einzeln anzusehen. Jedes soll bekommen, was es wirklich braucht. Die Skandinavier machen es seit Jahrzehnten so. Die SPD-Politikerin will jedoch zugleich die offenen Unis weiter öffnen: mehr Bafög, keinesfalls Studiengebühren.

Verteidigt traditionelle SPD-Ideale: Ministerin Bulmahn
AP

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Dabei hat aus wissenschaftlicher Sicht die Idee längst ausgedient, dass einfacherer Zugang mehr Gleichheit schafft: "Die Öffnung der Universitäten hat für die alte Mittelschicht am meisten gebracht", sagt Soziologe Geißler. So stieg die Aussicht auf Hochschulbildung seit den Sechzigern für die Kinder von Ärzten und Anwälten um 30 Prozent, für Arbeiterkinder nur um 4 Prozent.

Überforderte Gymnasiasten und Studenten sind entsprechend eher die Kinder von Zahnärzten oder Bauunternehmern, für die etwa das "Kurpfalz-Internat" Anzeigen schaltet: "Auch nichtversetzte Schüler können bei uns in die nächste Klasse vorrücken. Mit uns wird ihr Sohn oder ihre Tochter das Abitur erwerben." Und womöglich studieren.

Mehr einheitlich organisierte Prüfungen würden hier Abhilfe schaffen, sagt der Kölner Soziologe Heiner Meulemann: "Wenn die Schüler und Studenten ihren Leistungsstand besser kennen, kommt das den sozial Schwächeren zugute." Denn der Nachwuchs von Führungskräften ist ohnehin selbstbewusst - Bafög-Empfängern dagegen können gute Noten den Rücken stärken.

Sieger sehen anders aus

Vorausgesetzt, es gibt Stipendien, können auch Studiengebühren gerecht sein, sagt Meulemann. Wenn Hochschulen um Studenten buhlen, betreuen sie besser. Eine Anwaltstochter weiß von zu Hause, wie das Jura-Studium läuft. Die Tochter eines Schweißers hingegen ist auf eine serviceorientierte Uni viel stärker angewiesen.

Tristes Bild: Soziale Herkunft von Studenten
Deutscher Instituts-Verlag

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In Kanada, Finnland und England schaffen es die Lehrer weltweit am besten, die Kinder von gebildeten und weniger gebildeten Eltern auf einen Stand zu bringen. Diese Länder haben vieles gemeinsam: Eigenverantwortung der Schulen, gute Betreuung der Schüler, landesweit standardisierte Kontrollen.

Vor allem aber haben diese Länder ihre Bildungsreformen schon vor 20 Jahren angepackt. Die Deutschen waren vor fünf Jahren noch selbstzufrieden davon überzeugt, dass bei ihnen die soziale Schicht kaum noch eine Rolle spielt. Erst mit der Pisa-Studie kam der heilsame Schock.

Immerhin: Auf Anraten seiner Lehrer erwägt Hauptschüler Jost, auf die höhere Berufsfachschule zu gehen - setzt er sich dort durch, kann er danach noch an einer Fachhochschule studieren. Gute Lehrer könnten Fähigkeiten und Ehrgeiz in einem Jugendlichen auch wecken, sagt Politikwissenschaftler Hennis. Und letztlich gelte doch: "Mit Fleiß und Begabung hatte man immer schon Chancen."

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