Nachwuchsmanager getestet Die ahnungslose Wirtschaftselite

Wer bisher dachte, dass angehende Wirtschaftswissenschaftler zwangsläufig Ahnung von Finanzen haben, liegt schief. Eine aktuelle Studie offenbart gravierende Lücken bei Wirtschaftsstudenten - sie wissen kaum mehr als ein Durchschnittsbürger.


EZB: Natürlich in Bankfurt
DDP

EZB: Natürlich in Bankfurt

In welcher Stadt hat die Europäische Zentralbank ihren Sitz? Fast jeder dritte Student der Wirtschaftswissenschaften weiß nicht, dass die EZB die Geschicke des Euro von Frankfurt am Main aus steuert. Sogar zwei Drittel können die Beitragsbemessungsgrenze zur Sozialversicherung nicht korrekt erläutern. Und die Hälfte der Jungökonomen weiß nicht, dass ein Bausparvertrag nicht unbedingt an eine Immobilie geknüpft sein muss.

Das geht aus einer Untersuchung im Auftrag der Commerzbank hervor. Dabei testete die studentische Marketingvereinigung MTP die finanzielle Allgemeinbildung von 200 Kommilitoninnen und Kommilitonen an den Universitäten Mannheim, Köln, Münster und Duisburg-Essen.

Der Studie zufolge liegt die finanzielle Allgemeinbildung der angehenden Wirtschaftswissenschaftler zwar über dem Bevölkerungsdurchschnitt - aber überraschend wenig deutlich. Immerhin 73 Prozent der Studenten gelang es, mindestens die Hälfte der Testfragen richtig zu beantworten. Das schafften nur 58 Prozent der befragten Bürger, wie die NFO Infratest/Commerzbank-Studie "Finanzielle Allgemeinbildung in Deutschland" im Sommer 2003 ermittelt hat.

Über Kredite wissen die Studenten wenig

Besonders in den Bereichen Orientierungswissen und Geldanlage erzielen die Studenten bessere Ergebnisse. Dagegen lagen sie bei private Vorsorge, Einkommen und Zahlungsverkehr und vor allem beim Thema Kredite sogar unter dem Bevölkerungsdurchschnitt liegen.

"Insgesamt unbefriedigend" nennt die Commerzbank das Testergebnis. Mehr als 80 Prozent richtige Antworten und damit ein sehr gutes Finanzwissen wiesen nur 14 Prozent der Studenten auf. Über den Test zur finanziellen Allgemeinbildung hinaus wurden ihnen zehn Fachfragen gestellt, die nach Einschätzung von Hariolf Grupp, Wirtschaftsprofessor an der Universität Karlsruhe, jeder Ökonomiestudent problemlos beantworten können muss.

Doch gerade diese Fragen bereiteten dem Managernachwuchs die größten Schwierigkeiten. So konnte nicht einmal die Hälfte der Studenten die Begriffe "Deflation" oder "Basel II" richtig erklären. "Studenten im Hauptstudium sollten eigentlich wissen, was sich hinter diesen viel diskutierten Begriffen verbirgt", äußert sich Grupp enttäuscht. Diese Bildungsdefizite wettzumachen, sei aber nicht Aufgabe eines wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulstudiums, so der Professor weiter: "Die Studenten müssen finanzielle Allgemeinbildung bereits aus der Schule mitbringen."




© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.