Nachwuchswissenschaftler Eine akademische Bastion wankt

Auf dem langen Marsch zum Lehrstuhl ist die Habilitation die letzte Hürde - bisher. Doch der Initiationsritus für Professoren steht jetzt auf dem Prüfstand.


Berlin - Deutsche Professoren werden im Ausland oft milde belächelt, wenn sie sich trotz hohen Alters und eigener Reputation immer noch gern als "Schüler von..." vorstellen. Der Hinweis auf den eigenen Doktor-Vater und wissenschaftlichen Lehrmeister von einst symbolisiert treffend jenes deutsche System persönlicher Abhängigkeit von Nachwuchswissenschaftler und Professor während der langjährigen Habilitationsphase.

Mit den jetzt alternativ vorgesehen Junior-Professuren startet Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) einen Angriff auf diesen "alten Zopf" deutscher Ordinarienherrlichkeit. Außer Deutschland und Österreich haben andere Industrienationen die als zu aufwendig und nicht mehr zeitgemäß empfundene Habilitation als Qualifikationsnachweis für Lehre und Forschung längst abgeschafft. Ein deutscher Nachwuchs-Professor ist bei seiner Erstberufung heute im Durchschnitt 42 Jahre - und damit im internationalen Vergleich viel zu alt, wie Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft seit Jahren beklagen.

Bulmahn will deshalb im Zuge der von Bund und Ländern geplanten Dienstrechtsreform die Junior-Professur im Hochschulrahmengesetz als neue Regelvoraussetzung für den Professorenberuf verankern. Mit diesen auf sechs Jahre befristeten Stellen soll der wissenschaftliche Nachwuchs möglichst schnell selbstständig lehren und forschen - ohne direkte Abhängigkeit zu einem Alt-Professor. Um den Hochschulen dies schmackhaft zu machen, lockt die Ministerin auch mit Geld: Mit 360 Millionen Mark will sie in den nächsten drei Jahren für eine vernünftige Forschungsausstattung dieser Stellen beitragen.

Die Habilitation würde zwar nicht verboten, wie einige Länder und die Fakultätentage monieren. Sie würde aber dem Gesetzentwurf zufolge nach einer neunjährigen Übergangsfrist faktisch bedeutungslos, weil solche Prüfungen dann nicht mehr als Einstellungskriterium zählen. Die Ministerin will verhindern, dass einige Fachbereiche auch künftig doch nur die Habilitierten berufen oder der Nachwuchs auf Dauer gar Habilitation und Junior-Professur anstrebt. Denn dann würde die Qualifizierungsphase noch länger dauern.

Doch das Professoriat bläst zum Gegenangriff: Der Deutsche Hochschulverband, die Berufsorganisation der Universitätsprofessoren, sieht bereits das "Schicksal der deutschen Universitäten" auf dem Spiel. 3759 Professoren, darunter freilich auch viele Emeriti (Pensionäre), unterschrieben Ende März eine vierseitige Anzeige ihres Verbandes in der "FAZ" gegen die neue Nachwuchsförderung und die zugleich geplante Leistungsentlohnung für Hochschullehrer - noch ehe Bulmahn ihren ersten Gesetzentwurf vorgelegt hatte.

Dabei steht die Zeit raubende Habilitation seit Jahren in der Kritik. Nach den Studentenprotesten der späten 60-er Jahre sollte sie bereits mit den Entwürfen für ein erstes Hochschulrahmengesetz Mitte der 70-er Jahre abgeschafft werden, was dann nach langem Tauziehen aber unterblieb. Der alternativ eingeführte "Hochschul-Assistent" wurde an den Universitäten nicht angenommen. Und auch die Spitze des Deutschen Hochschulverbandes, dessen Präsident Hartmut Schiedermair heute wieder für die Habilitation ficht, hatte sich erst vor einigen Jahren noch für deren Entbehrlichkeit ausgesprochen. Der Druck aus der habilitierten Mitgliedschaft war zu groß.

Das Habilitationsrecht steht den Hochschulen nach gängiger Rechtsauffassung nicht per se zu, sondern wird ihnen vom Staat verliehen - wie er seit dem Mittelalter auch immer wieder bestimmt hat, welche Grade die Hochschulen verleihen. Ursprünglich reichte allein die Promotion als Qualifikationsnachweis für wissenschaftliche Arbeit. Erstmals wurde in den Statuten der von Humboldt 1816 neugegründeten Berliner Universität zusätzliche eine besondere Prüfung "pro facultate docendi" verlangt. Diese bestand freilich zunächst nur in einem Probevortrag - nicht in den heute immer mehr ausufernden schriftlichen Arbeiten.

Von Karl-Heinz Reith, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.