Lehrergeständnisse Warum ich nach Sympathie benote

Noten sind oft ungerecht, wissen Schüler und Eltern. Nur selten geben Lehrer zu, dass sie Zensuren nach Gusto verteilen. Ich tu's, gesteht hier eine Lehrerin.

Abiturprüfung (Archiv): Neutral benoten? Lehrern fällt das oft schwer, gesteht eine Pädagogin
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Abiturprüfung (Archiv): Neutral benoten? Lehrern fällt das oft schwer, gesteht eine Pädagogin


Jeder Lehrer hegt Sympathien und Antipathien, das ist menschlich. Deswegen sagen auch all jene nicht die Wahrheit, die behaupten, sie würden eine Klasse ganz neutral betrachten. Jeder Lehrer hat beim Korrigieren schon als Erstes auf den Namen des Schülers geschaut - und nicht auf die gelösten Aufgaben.

Ich finde es extrem schwer und auch ungerecht, Leistungen von Schülerinnen und Schülern zu bewerten, wenn ich gleichzeitig ihre Vorgeschichten kenne. Wenn ich weiß, wie der Lernprozess ablief und ob dem Schüler das Lernen leicht fällt oder schwer.

Bei dem einen drückt man eher ein Auge zu, bei dem anderen ist man nicht so hilfsbereit. Jemand, der immer seine Hausaufgaben macht und sich extrem bemüht, hat eher eine gute Zensur verdient als jemand, der nie seine Sachen dabei hat - so denken die meisten Lehrer.

Selbst in Mathematik wird bei manchen Schülern eine Ziffer eher erkannt als bei anderen. Vielleicht ist das genau der eine Punkt, der eine ganze Zensur ausmachen kann. Manchmal lässt man sich auch viel zu schnell von Kollegenurteilen beeindrucken, und die Zensuren stehen von vornherein fest. Ich möchte mich selbst als Lehrerin davon gar nicht ausnehmen.

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  • Sie sind Lehrer und möchten zu dem Thema auch gestehen? Dann schicken Sie Ihre kurze Geschichte gern an:

  • Lehrer@spiegel.de
Auch als Mutter habe ich das schon erlebt: Mein Sohn musste vor einiger Zeit eine Inhaltsangabe abgeben. Er hatte schon mehrere Arbeiten geschrieben und immer eine schwache 4 kassiert. Mir war nicht klar, warum. Unerlaubterweise habe ich die Inhaltsangabe geschrieben; meine Abschlussnote im Deutschstudium: 1,5. Mein Sohn schrieb meine Arbeit ab und reichte sie ein. Resultat: eine schwache 4.

Im Gespräch wich die Lehrerin mir aus und gab nicht nachvollziehbare Antworten. Ich gab den Text der Schulleitung, sie korrigierte die Zensur deutlich nach oben, und ich löste das Ganze auf - mit der Bitte, auch die anderen Arbeiten von ihm noch einmal zu korrigieren.

Ich selbst sehe mich in erster Linie als Person, die Schülern etwas beibringt und nicht als eine Person, die Schüler benotet. Ich bemühe mich darum, die Bewertungen zunächst in Kommentare zu verfassen und sie dann in Zensuren umzusetzen. Viel lieber würde ich den Schülern Lernempfehlungen geben und sie weiter unterstützen.

Ich wünschte mir, dass Schüler bis zur zehnten Klasse gar keine Prüfungen schreiben müssen. Sie sollten kein fester Bestandteil des Lernens sein. Durch ein Diktat beispielsweise lernen sie keine Rechtschreibung: Entweder beherrscht ein Schüler die Rechtschreibung und macht keine Fehler, oder er beherrscht sie nicht und macht viele Fehler. Individuelle Übungen würden in diesem Fall sowohl dem guten als auch dem schlechten Schüler helfen, sich zu verbessern. Prüfungen bringen nichts für den Lernprozess, sondern leiten den Lernenden nur an, sich isoliertes Inselwissen für eine Prüfung anzueignen.

Nach der zehnten Klasse dann sollten die Klausuren nicht mehr vom eigenen Lehrer bewertet werden. Das würde die Notengebung wesentlich gerechter machen.

Die 44-jährige Lehrerin unterrichtete jahrelang an Grund-, Haupt- und Realschulen. Inzwischen bildet sie Lehramtsstudenten aus.

Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier. Die Lehrer berichten anonym, dafür maximal ehrlich.

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insgesamt 372 Beiträge
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Thorkoch 03.06.2014
1. Pflichtverletzung
Es ist erschütternd, mit welcher Selbstverständlichkeit hier eine Beamtin private Meinungen über ihre Dienstpflichten stellt und diese damit verletzt. Eine Benotung ist gegenwärtig vorgesehen und muss so neutral wie möglich erfolgen. Ob eine Note privat als überflüssig oder gar schädlich angesehen wird, ändert daran nichts. Auch kommt es allein auf die erbrachte Leistung, nicht aber das Umfeld des Schülers, Lernschwierigkeiten oder Sympathie an. Dies auszublenden, soll und muss ein Lehrer leisten können.
qsecofr 03.06.2014
2. Das kene ich auch...
Ich habe 2 ältere Geschwister, und diese waren im Gegensatz zu mir, meistens Lehrers Liebling. Meine Schwester hat Hausaufsätze zu erst geschrieben. Alles mit 1 benotet. Mein Bruder schreiben den gleichen Aufsatz und alles 1 bekommen. Und ich habe den auch geschrieben, und habe abgesehen von der Rechschreibung (1) selten eine bessere Note wie eine 2 bekommen. Meistens 3 oder schlechter. Bei dem 10jährigen Klassentreffen hatte ich sie mal darauf angesprochen, das meine Schwester (Als Autor) schon beleidigt war, das sie den Aufsatz so schlecht bewertet hat. Darauf lief sie nur rot an, und sagte gar nichts mehr. Wenn es nicht gerade um 1+1=2 geht, geht es schon nach Nase. Dazu gab es doch hier mal einen Artikel: "Kevin ist kein Name, Kevin ist eine Diagnose!"
ludwig49 03.06.2014
3. Was die Lehrerin zugesteht...
...ist mit Sicherheit kein Ausnahmefall. Es gibt eben in jeder Klasse Lieblinge und Bösewichte. Bei Aufsätzen oder Präsentationen hat die Benotung dementsprechend Spielräume; bei Mathematik mache ich mir eher Gedanken, wenn die Punktzahl der einzelnen Aufgaben letztlich falsch zusammen gezählt wurden, was sich negativ auf die Note auswirkte.
wrobel2 03.06.2014
4. @Thorloch
Offensichtlich geht es halt wohl nicht! Lehrer sind eben auch nur Menschen .. Auch wenn ich mir früher nicht so sicher damit war ;) ..
Danares 03.06.2014
5. Deutschstudium
Auf welcher Hochschule lernt man, Sätze wie "Selbst in Mathematik wird bei manchen Schülern eine Ziffer eher erkannt als bei anderen." zu formulieren? Geht's darin um die Lesbarkeit oder die Geschwindigkeit?
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