Deutschland im OECD-Vergleich Nur wenige Studenten halten durch

59 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland beginnen ein Studium - aber nur 36 Prozent machen einen Abschluss. Wer es schafft, hat laut OECD gute Chancen auf einen hohen Verdienst.

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Die Hörsäle sind voll an deutschen Unis; laut OECD könnten aber durchaus noch mehr junge Menschen studieren
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Die Hörsäle sind voll an deutschen Unis; laut OECD könnten aber durchaus noch mehr junge Menschen studieren


Die Unis sind voll, ziemlich voll. In Landau in Rheinland-Pfalz haben Studenten am Montag den Campus besetzt, um gegen die Raumnot zu demonstrieren. In Hannover klagen die Studierendenvertreter vom Asta, dass in Seminaren für 20 Teilnehmer mitunter 100 Personen säßen. An der TU Berlin schlagen studentische Helfer Alarm: So viele Erstsemester gebe es diesen Winter, dass den Tutoren Überlastung droht.

Eine Akademikerschwemme?

Mitnichten. Die Industrieländerorganisation OECD zeigt eindrücklich, wie sehr solche Warnungen der Wirklichkeit widersprechen. Sie vergleicht in dem großen Report "Bildung auf einen Blick" die Bildungssysteme ihrer Mitgliedsländer.

Viele studieren, wenige schließen ab

Auf den ersten Blick stimmt es zwar: Der Andrang an die Hochschulen ist so groß wie nie. Nach den Berechnungen der Organisation nehmen in Deutschland 59 Prozent der jungen Erwachsenen ein Studium auf; ausländische Studenten mit eingerechnet. Das sind 15 Prozentpunkte mehr als 2006, aber immer noch weniger als im Schnitt der untersuchten Länder. OECD-weit fangen 67 Prozent aller jungen Menschen im Laufe ihres Lebens ein Studium an. Die Statistik umfasst neben Hochschulstudenten dabei auch Besucher von Meisterschulen und anderen höheren Berufsbildungseinrichtungen.

Aufschlussreicher als der Blick auf die Menschen, die in die Hochschulen drängen, ist aber die Frage danach, wie viele von ihnen am Ende mit einem Abschluss auf den Arbeitsmarkt kommen. Und hier fällt Deutschland bemerkenswert deutlich zurück: Die OECD schätzt, dass derzeit lediglich 36 Prozent aller jungen Menschen erfolgreich ein Studium beenden werden. Im Schnitt der Industrieländer schafft dagegen die Hälfte einen Hochschulabschluss.

Ganz offenkundig brechen zu viele junge Menschen das Studium ab. Die Hochschulen versagen darin, die ihnen anvertrauten Menschen auch zu einem Abschluss zu führen. Eine ungeheure Verschwendung von Talent und Ressourcen - und oft ein Drama für die Betroffenen. Die vollen Hörsäle, Bibliotheken und Mensen dürfen also nicht darüber hinwegtäuschen, dass am Ende nur wenigen ein Abschluss vergönnt ist.

Gute Chancen für Hochschulabsolventen

Dabei wird in jüngster Zeit gern und heftig beklagt, dass zu viele junge Menschen an die Hochschulen drängen. Der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin, ehemals Staatsminister mit SPD-Parteibuch in einer rot-grünen Bundesregierung, schreckt das Land mit der für einen Sozialdemokraten eher untypischen These eines "Akademisierungswahns". Der Chef des Industrie- und Handelskammertags verstieg sich vor einigen Monaten sogar zu der Forderung, man möge doch Studienplätze verknappen.

Gegen die These von der Überakademisierung spricht aber nicht nur die ernüchternd niedrige Zahl derer, die die Uni überhaupt mit Erfolg verlassen. Dagegen sprechen auch die überaus guten Arbeitsmarktchancen für die wenigen, die es zum Bachelor oder Master schaffen.

Weitere Ergebnisse der OECD-Studie
Viele Kinder in der Kita

Der Kita-Ausbau macht sich bemerkbar: 59 Prozent der Zweijährigen besuchen eine Kita oder eine andere frühkindliche Bildungseinrichtung, im Schnitt der OECD-Staaten sind es nur 39 Prozent.

Viele Naturwissenschaften- und Technikstudenten

Rund 40 Prozent der Bachelor-Studienanfänger in Deutschland haben sich in einer Natur- oder Ingenieurwissenschaft eingeschrieben. Im OECD-Schnitt interessieren sich dagegen nur 27 Prozent der Studienanfänger für Naturwissenschaften und Technik.

Weniger Studienanfänger, aber mehr Masterstudenten

In Deutschland nehmen zwar vergleichsweise wenige junge Menschen ein Studium auf. Dafür bleiben sie offenbar länger an der Uni als Studenten anderer Länder: 25 Prozent schreiben sich, in der Regel im Anschluss an den Bachelor-Abschluss, für ein Masterstudium ein. Im OECD-Schnitt sind es nur 22 Prozent. Hier dürften die traditionell relativ langen Diplom- und Magisterstudiengänge nachwirken, die lange Zeit der Standard an deutschen Hochschulen waren.

Überdurchschnittlich viele Promotionen

Auffällig ist auch, wie begehrt der Doktortitel hierzulande ist: 5,4 Prozent aller jungen Menschen nehme eine Promotion auf. Im OECD-Schnitt ist der Anteil der Doktoranden mit 2,4 Prozent nicht einmal halb so groß.

Exportschlager Doktor

Im Ausland ist besonders ein naturwissenschaftlicher Doktor einer deutschen Universität begehrt: 46 Prozent aller Promovierenden in den Naturwissenschaften stammen nicht aus Deutschland.

Frauen mit Hochschulabschluss seltener erwerbstätig als Männer

Auch wenn Frauen in der Bildung aufgeholt haben und deutlich häufiger als früher ein Studium aufnehmen – nach dem Abschluss öffnet sich die Kluft zwischen den Geschlechtern wieder. 91 Prozent der Männer mit Hochschulabschluss sind in Deutschland erwerbstätig, aber nur 84 Prozent der Frauen mit Studium. Immerhin: Die Lücke ist in den Jahren kleiner geworden.

Überdurchschnittliche Gehälter für Lehrer und Professoren

Lehrer und Professoren verdienen in Deutschland überdurchschnittlich gut. Die Einstiegsgehälter für Lehrer sind nur in Luxemburg noch höher als Deutschland. Bei den Gehältern für Hochschullehrer liegt Deutschland an der Spitze im OECD-Ranking.

Zwar hatte die Organisation bereits vor einigen Monaten festgestellt, dass Berufsanfänger gerade in Deutschland prekär beschäftigt sind: Häufiger als in anderen Industrieländern werden junge Menschen hierzulande mit Zeitverträgen abgespeist. Allerdings: Wer ein Hochschulzeugnis in seine Bewerbung legen kann, fährt immer noch vergleichsweise besser - vor allem in Deutschland.

Ein Jahr nach dem Abschluss finden in Deutschland 93 Prozent der Hochschulabsolventen einen Job - im OECD-Schnitt sind es nur 74 Prozent. Nur 2,5 Prozent der Akademiker sind hierzulande arbeitslos, aber 4,6 Prozent derjenigen mit einem Berufs- oder einem anderen nicht-akademischen Abschluss.

Im Schnitt der OECD-Länder erhalten Hochschulabgänger 60 Prozent mehr Gehalt als Absolventen in der Berufsausbildung. Für Deutschland hat die OECD in diesem Jahr nicht ermitteln können, wie die Verdienste von Akademikern ausfallen. In der Vergangenheit hatte die Organisation aber immer wieder festgestellt, dass der Gehaltsvorsprung für Hochschulabsolventen hierzulande eher noch größer ausfällt. Wer studiert hat, profitiert davon finanziell - gerade in Deutschland. Auch das spricht nicht unbedingt dafür, dass es eine Akademikerschwemme gäbe.

Viele Absteiger, wenige Aufsteiger

Insgesamt gelingt weniger jungen Menschen als in anderen Ländern der Bildungsaufstieg: Nur 14 Prozent der 25- bis 34-Jährigen erreichen als erste in ihrer Familie einen Studienabschluss - und damit einen formal höheren Bildungsgrad als ihre Eltern. Im Schnitt der OECD-Länder sind es 22 Prozent. Auch das belegt, dass der Ausbau der Hochschulbildung in Deutschland stockt.

Rund ein Viertel der jungen Erwachsenen sind nach den Kriterien der Organisation sogar Bildungsabsteiger - auch damit liegt Deutschland über dem Schnitt der OECD-Länder von 18 Prozent. Die Zahl der Absteiger wirkt alarmierend und ist mit Vorsicht zu interpretieren: Die Elterngeneration in Deutschland ist vergleichsweise gut ausgebildet. Entsprechend schnell rutscht der Nachwuchs in der OECD-Statistik in die Sparte der Absteiger. Der Sohn eines studierten Sozialpädagogenpaars, der selbst eine Ausbildung als Mechatroniker macht, wird sich vielleicht gar nicht als Bildungsverlierer verstehen. Womöglich kommt er ohne Studium sogar auf ein höheres Einkommen als die Eltern.

Sollte man die hohe Zahl der vermeintlichen Bildungsabsteiger also einfach als statistische Verirrung ignorieren? Auch das wäre der falsche Schluss. Denn der Vergleich zwischen relativ gering entlohnten Akademikern und gut verdienenden Ausbildungsabsolventen führt in die Irre.

Natürlich gibt es Lehrberufe, deren Perspektiven attraktiver sind als manches Studium. Sinnvoller ist es daher, Tätigkeiten innerhalb eines ähnlichen Berufsfelds zu vergleichen - und da zeigt sich durchgängig der Vorteil eines Hochschulabschlusses: Mit einem Sozialpädagogikstudium verdient man zwar schlechter als mit manch einer Lehre, aber gewiss besser als ein Erzieher. Der Mechatroniker könnte mehr verdienen, wenn er doch Elektrotechnik studiert hätte - dass er anders als seine Eltern nicht an die Hochschule ging, ist insofern doch ein Abstieg.

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Didoxion 24.11.2015
1. wo ist der Unterschied
zwischen Sweden und Schweden (erste Grafik)?
smartphone 24.11.2015
2. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt
so um 1986 hatten wir dasselbe. Auslöser hier die erstmal aufgekommene "Fachkräftemangel(lüge) " Statt ca 300 konstatierte man in Maschinenbau RTWH Aachen rund 1000-1300.... Erstsemester . Exorbitante Durchfallqouten sorgten u.a. dafür , daß 14-18 Semester Studienzeit völlig normal waren ( und heute auch sein müßten) Und dann ? VOn wegen "Chance auf Verdienst .." max 1 von 10 fand was , Rest promovierte auf 1/4 Stelle etc , also Exclusivausgabe der kaschierten Arbeitslosigkeit . Sicherlich fing man ob des lausigen Arbeitsmarkts oftmals neben dem Hauptstudium Maschbau noch BWL an ... mit dem Erfolg daß man als Doppelabsolvent neben älter auch zu teuer , vorallem aber die Anspruchwelt der HR ins Astronomische steigen ließ ,weil diese Herrschaften sowas als normal ( aber bitte bei max 24 Jahre alt ) auch heute gerne sehen. ...... Das heißt solche Denkmuster , ein Mechatroniker könnte mehr verdienen sind hypothetisch, weil ein Mechatroniker schon als Azubi Geld verdient und so ein Studium ( noch dazu das schwere E-technik ) die Leute ganz schnell aus dem Altersraster der Human Resources vulgo Sklaventreiber fallen läßt - Wer heute suaber recherchiert erkennnt schnell, daß ein Studium , speziell MINT der beste Weg nach Hartz4 ist . Das wird halt net vermittelt von den "Experten"....a la BitKom, VDI usw.
KVPMD 24.11.2015
3. Wie immer
Ich halte es kurz: Das andere Berufsbildungssystem wird unterschlagen. Keine "studierten" Fotografen, Laborassistenten ect. in Deutschland. Damit ist das Studium im Schnitt schwerer, weniger fangen an, weniger schaffen es und wer es geschafft hat hat damit schon am Beginn bessere Bedingungen gehabt. Kurz: Die ganze Statistik krankt an unsinnigen Vergleichsgrößen.
mantrid 24.11.2015
4. Für die Tonne
Gemüß deutschem und europäischem Qualifizierungsrahmen ist ein Bachelor gleich zu werten wie ein Fachwirt, Techniker oder ein Meister. Die werden bei der OECD aber gar nicht berücksichtigt. Qualifizierten Wissenerwerb gibt es auch außerhalb vom Hochschulbetrieb. Bei der OECD wird nur in Schablonen gedacht. Mal wieder eine OECD-Studie für die Tonne.
SethSteiner 24.11.2015
5. Einfache Erklärung
Universitäten sind keine Schulen. Wo Schulen eine recht einheitliche Struktur haben, eine Organisation in Klassen, gleichbleibende Ansprichspartner, längst mit neuen Methoden experimentieren, Kreativität fördern, herrscht an Universitäten das blanke Chaos und der Zwang zur Autodidaktik. Tutoren sind fest eingeplante Lehrkräfte aus Studenten, obwohl ihnen jede Kompetenz in diesem Aspekt fehlt. Dozenten lesen gern ihre uralten Skripte vor, am besten direkt vor hunderten von Menschen. Der Unterschied von Dozent zu Dozent, Kurs zu Kurs, Modul zu Modul, Studienfach zu Studienfach und Universität zu Universität ist schlichtweg verrückt. Es ist gar kein Wunder, dass viele Studenten irgendwann keine Lust mehr haben, weil viel mehr Wert darauf gelegt wird, Studenten zur Aufgabe zu bewegen und ihnen Hindernisse in den Weg zu legen als sie tatsächlich zu lehren. Klar, für einen neueingeschriebenen Studierenden gibt es Kohle, wer lange dabei ist, sitzt der Uni nur auf der Tasche, entsprechend sollen viele kommen aber auch möglichst schnell wieder verschwinden. Studium ist eine Achterbahn aus Ruhe und Stressphasen, in der die Wohlhabensten die besten Chancen haben, weil sie sich außerhalb der Universität am besten mit dem Wissen versorgen können, dass ihnen und den weniger wohlhabenen eigentlich in der Universität beigebracht werden soll.
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