OECD-Bildungsbericht Die Mittelschicht droht abzurutschen

Auf den ersten Blick gut, auf den zweiten bedenklich: Ein neuer OECD-Bericht lobt das deutsche Bildungssystem. Doch er warnt vor dem Abrutschen der Mittelschicht. Junge Erwachsene fallen bei den Abschlüssen hinter ihre Eltern zurück.

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Studenten in Leipzig: 58 Prozent der Akademiker haben Akademikereltern
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Studenten in Leipzig: 58 Prozent der Akademiker haben Akademikereltern


Sag mir, was deine Eltern sind, und ich sag dir, was du bist: Akademikereltern haben studierende Kinder, Arbeitereltern eher Nachwuchs, der eine Ausbildung macht - fast 60 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland kommen auf den gleichen Bildungsstand wie ihre Eltern. Das war in Deutschland immer so und ist für Nicht-Akademikerkinder von jeher ein Ärgernis. Jetzt scheint sich dieses Gefüge zu ändern - und zwar zum Schlechteren.

Diese Analyse erlaubt der Bericht "Bildung auf einen Blick" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), einer jährlichen Leistungsschau der nationalen Bildungssysteme in 34 Industrienationen. Die Gesamtbilanz der Forscher ist zwar - wie jedes Jahr - verhalten positiv: Deutschland erziele "bei vielen Indikatoren gute Ergebnisse", sagt Heino von Meyer, Leiter der deutschen OECD-Niederlassung in Berlin, über die Ergebnisse. Aktuell schafften zwar so viele Deutsche eine Hochschulabschluss wie nie. Ein genaues Studium der Daten zeige aber, "dass die schönen Durchschnittswerte nur die halbe Wahrheit erzählen", warnt von Meyer. "Gerade für Schüler aus sozial schwachen Familien bleibt das Versprechen 'Aufstieg durch Bildung' häufig in weiter Ferne."

Besonders dramatisch aus Sicht der OECD: Je jünger die Deutschen sind, desto größer ist die Gefahr, dass sie den Bildungsabschluss ihrer Eltern nicht mehr erreichen. "Abwärtsmobilität" nennen es die Bildungsforscher, wenn etwa die Eltern studiert haben, der Sohn oder die Tochter dann aber eine berufliche Ausbildung absolviert.

International steigen Jüngere auf, in Deutschland ab

Über alle Erwachsenen in Deutschland hinweg betrachtet, steigen zwar nur 18 Prozent verglichen mit ihren Eltern ab, 24 Prozent auf. Die Jüngeren aber bereiten Sorge, hier kehrt sich das Verhältnis um: "Bei den 25- bis 34-Jährigen in Deutschland ist Bildungsmobilität nach oben weniger häufig als Bildungsmobilität nach unten." Hier haben nur 19 Prozent der jüngeren Deutschen einen höheren, 24 Prozent dagegen einen niedrigeren Bildungsstand als ihre Eltern. Ganz anders sieht es in vielen OECD-Mitgliedstaaten aus, wo 32 Prozent der jungen Erwachsenen ihre Eltern beim Bildungsabschluss überflügeln und nur 16 Prozent hinter ihren Eltern zurückbleiben.

"Angesichts des soliden beruflichen Bildungssystems in Deutschland besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich selbst Kinder, deren Eltern über Tertiärbildung verfügen, freiwillig für berufliche Bildungsgänge entscheiden", schreiben die Forscher. Eine solche Entscheidung "zeugt auch von der Wertschätzung, die die berufliche Bildung im Hinblick auf ihre Erfolgschancen am Arbeitsmarkt genießt".

Die berufliche Bildung in Deutschland ist ein Alleinstellungsmerkmal - und relativiert ein wenig den OECD-Leistungsvergleich. Die Definition der tertiären Bildung ist nicht immer einheitlich: Während in manchen Ländern etwa eine Krankenpflegerausbildung ein akademischer und damit tertiärer Abschluss ist, machen Krankenpfleger in Deutschland meist eine berufliche Ausbildung und damit einen Sekundarabschluss. Im OECD-Raster steht dieser auf einer Stufe mit dem Abitur. So erreicht Deutschland bei der Quote der Sekundarabschlüsse einen internationalen Rekordwert, im tertiären Bildungsbereich läuft die Bundesrepublik vielen Ländern hinterher.

Trotzdem liefert der Bericht gleich mehrfach Ergebnisse, die aus deutscher Sicht sehr ambivalent sind:

  • Ein Hochschulabschluss bringt, statistisch gesehen, einen deutlichen Einkommensvorteil - und der Verdienstvorsprung zu den gering gebildeten Berufsgruppen wird immer größer. Das liegt vor allem an einem Absinken der Löhne bei "mittelgut Qualifizierten", die keinen Meister- oder Hochschulabschluss vorweisen können. Die Forscher warnen vor einer "Aushöhlung der Mitte".

  • "Trotz des Anstiegs der Studienanfängerquoten liegen die Abschlussquoten im Tertiärbereich noch immer unter dem OECD-Durchschnitt", schreiben die Forscher. In anderen Ländern steigen sowohl Erstsemester- als auch Abschlussquote "in rascherem Tempo".

  • In fast allen OECD-Ländern sind jüngere Generationen besser gebildet als ältere. Doch "Deutschland ist neben Israel und den Vereinigten Staaten eines von nur drei Ländern, bei denen im Laufe einer Generation kein wesentlicher Zuwachs zu erkennen ist".

  • Deutschland hat zwischen 2008 und 2011 seine Bildungsausgaben um 12 Prozent erhöht - "insgesamt investiert Deutschland aber immer noch einen geringeren Anteil seines Volksvermögens in Bildung als andere Länder", stellen die Studienautoren fest. Außer bei der frühkindlichen Bildung lasse sich Deutschland alle Bildungsbereiche nur einen unterdurchschnittlichen Betrag des Bruttoinlandsprodukts kosten.

Auch wenn viele Kennzahlen in den vergangenen Jahren nach oben gegangen seien, müsse das deutsche Bildungssystem dennoch viel stärker gefördert und ausgebaut werden, fordert OECD-Repräsentant Heino von Meyer. Kaum etwas könne Menschen besser gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung helfen als Bildung. "Für eine Gesellschaft ist das vielleicht die größte Herausforderung: durch Bildung soziale Mobilität zu fördern."

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insgesamt 197 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 09.09.2014
1.
Ich brauche keine OECD um das zu wissen. Es ist doch alles von unseren Regierungen so gewollt. Ich sehe keine Maßnahmen, dass die deutschen Regierungen etwas dagegen unternehmen wollen. Ach ja, wird jetzt wieder eine Sozialneiddebatte angestoßen, dass Familien, die keinen Absolventen einer Hochschule in der Familie haben, weniger Geld zum Umsetzen haben.... Herrlich mit den Vokabeln Sozialneiddebatte um sich zu schmeißen....
Vanagas 09.09.2014
2. Echt witzig !
Echt witzig , aber die Mittelschicht ist schon dramatisch abgerutscht ! Und , liebe OECD , das deutsche Bildungssystem rutscht mit ab . Da gibt es nicht zu loben aber auch gar nicht zu loben !
fatherted98 09.09.2014
3. Es muss...
...noch viele Leute geben denen es unheimlich gut geht...oder die leben alle auf Pump. Wenn ich durch die Innenstadt gehe (morgens) und die Lokale ansehe...wie voll es darin ist...Frühstück: 18 Euro und aufwärts...bei Starbucks tritt man sich die Füsse für nen Kaffe für 6,50 platt...die Leute strömen in die Geschäfte...Luxusmarken überall...Tüten voll mit Klamotten...immer das neueste Handy...usw. usw. ...und dann die Autos...fast nur Mittelklasse aufwärts...PS stark, Ledersitze, SUV, .... also so schlecht kann es der Mittelschicht nicht gehen....und so viele Millionäre die von Mutters Erbschaft leben haben wir auch nicht. Wem es wirklich dreckig geht ist der sogenannte kleine Mann...der einfache Arbeitnehmer im einfachen prekären Job der keine Festeinstellung mehr bekommt und zwischen H4 und Zeitarbeit hin und herschwankt...der hat auch kein Auto sondern muss zu Fuss gehen...denn Bahnfahren ist viel zu teuer.
Leser161 09.09.2014
4. Zusammenhang?
Die Industrie braucht keine gebildeten Leute die auch noch Geld wollen. Die Industrie braucht gebildete Leute, die froh sind das sie einen Job haben. Von daher, überhaupt kein Grund zur Panik!
arakiel 09.09.2014
5. ...
Nein wir nehmen das Geld lieber in die Hand um die Renten der Hauptwählerschaft zu erhöhen. Denn was interessiert die die Bildung der Jugend.
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