Offener Brief Professoren kritisieren FU-Präsidenten

Gutachter und Berufungskommission sind sich einig: Albert Scharenberg ist der beste Kandidat für die neue Juniorprofessur am JFK-Institut der Freien Uni Berlin. Dennoch stehen seine Chancen schlecht. Darum setzen sich über hundert Professoren in einem Brief für ihn ein.

Von Katrin Schmiedekampf und


Professor Björn Ahl aus Hong Kong, Professor Neil Brenner aus New York und Professor Thomas Kalinowski aus Seoul haben es getan. Der Marburger Professor Rainer Rilling auch. Sie und rund hundert weitere Wissenschaftler haben ihren Namen unter einen offenen Brief gesetzt. Der Adressat: Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin. Das Schreiben wurde am Montag in Form einer Anzeige im Berliner "Tagesspiegel" veröffentlicht.

"Für die Freiheit der Wissenschaft" lautet die Überschrift des Briefes, in dem es um die "Berufung des Juniorprofessors Albert Scharenberg" geht. Für ihn setzt sich die Professorenschar ein. Über 6000 Euro brachten die Unterzeichner auf, um die Anzeige zu schalten. Sie endet mit dem Appell, "das Fehlverhalten des Präsidialamts umgehend zu korrigieren."

Das Verhalten der Wissenschaftler ist ungewöhnlich. Nur selten passiert es, dass Professoren einander Mailaufrufe schreiben, um Unterschriften bitten - ja, dass sogar Geld gesammelt wird, um für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen.

Für die Stelle am besten qualifiziert

Was die Professoren derart in Rage gebracht hat: Albert Scharenberg, der seit Jahren am John-F.-Kennedy-Institut der FU lehrt, war Mitte Januar für die geplante Juniorprofessur für die Politikwissenschaft Nordamerikas empfohlen worden. Die Berufungskomission hatte nach gründlichem Sichten von ein paar dutzend Bewerbungen, öffentlichen Anhörungen und externen Gutachten entschieden, ihn auf den ersten Platz der Empfehlungsliste zu setzen.

Doch dann - im Mai 2007 - leitete das FU-Präsidium die Empfehlungsliste nicht an den zuständigen Senator weiter. An der FU munkelt man, Uni-Präsident Lenzen soll sich kurzerhand gegen den geeignetsten Bewerber entschieden haben, weil er ihm politisch zu weit links stehen soll. Lenzen, so erzählt man an der Uni, habe beim Googeln des Namens Scharenberg gesehen habe, dass dieser zum Kuratorium der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) gehört.

Dass "ein Bewerber aus politischen Gründen keine Stelle bekommt" - dagegen wollen sich die Unterzeichner des offenen Briefes wehren. "Wir sorgen uns weniger um diesen speziellen Fall, sondern vielmehr darum, nach welchen Kriterien an manchen Unis Stellen vergeben werden", sagte Oliver Schmidtke, Professor für Politik und Geschichte an der University of Victoria, SPIEGEL ONLINE. Er hat den Anzeigentext gemeinsam mit zwei Kollegen verfasst. "Wir haben ihn auch an den Präsidenten der FU geschickt, aber noch keine Antwort bekommen."

"Spekulationen über politische Motive sind abwegig"

Gegenüber SPIEGEL ONLINE äußerte sich das Präsidialamt. "Die FU Berlin weist den Vorwurf, an der Freien Universität würden Professuren nach politischer Opportunität besetzt, aufs Schärfste zurück", heißt es in einer Stellungnahme. Der offene Brief entbehre jeder Grundlage.

Die Berufungsliste sei aus anderen Gründen nicht weitergegeben worden: Bei einem Mitglied der Berufungskommission und bei einem Gutachter liege der Tatbestand der Befangenheit vor. Die FU werde die Tatsache, "dass hier bedauerlicherweise eine Befangenheit verschwiegen wurde, eingehend auf ihre dienstrechtlichen Konsequenzen hin prüfen müssen." Spekulationen über politische Motive des Präsidiums bezüglich eines Bewerbers seien "völlig abwegig und nachdrücklich zurückzuweisen".

Dass das Uni-Präsidium nun rechtliche Bedenken geltend macht und auf Befangenheit von Verfahrensbeteiligten verweist, überrascht. Denn von derartigen Einwänden war im präsidialen Schreiben, das am 7. Mai bei der Dekanin des Fachbereichs einging, keine Rede. Den Beschluss, die Kandidatenliste nicht an den Wissenschaftssenator weiterzuleiten, sondern eine Neuausschreibung der Juniorprofessur zu empfehlen, begründete man seinerzeit stattdessen mit dem fortgeschrittenen Alter und der mangelnden Qualifikation Scharenbergs. Ein vorgeschobener Grund, wie viele Kollegen meinen.

(K)ein Problem mit dem Alter

In dem vom damaligen Ersten Vizepräsidenten Klaus W. Hempfer unterzeichneten Brief hieß es, der Erstplatzierte sei "im Hinblick auf sein Lebensalter (42 Jahre) in keiner Weise ausreichend wissenschaftlich qualifiziert, um auf Exzellenzniveau in einem Bereich mitzuarbeiten, der als bisher einziger im Exzellenzwettbewerb erfolgreich war". Die FU hatte zuletzt bei der Exzellenzinitiative des Bundes den Zuschlag für die Förderung eines Graduiertenkollegs am JFK-Institut bekommen.

Welches Mitglied der Berufungskommission das Präsidium nun als befangen erachtet, ist unklar. Was die externen Gutachter angeht, ist der Uni-Spitze - nach einem nunmehr monatelangen Verfahren - offenbar aufgefallen, dass der Kasseler Wissenschaftler Christoph Scherrer in den 90er Jahren am JFK-Institut wissenschaftlicher Assistent Margit Mayers war, die nun der Berufungskommission für die Juniorprofessur vorsitzt. 1999 habilitierte Scherrer am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der FU.

Scherrer hatte in seinem Gutachten "angesichts der raren wissenschaftlichen Assistentenstellen, insbesondere in seinem Spezialisierungsgebiet" ausdrücklich Verständnis für "die ressourciell bedingte Verzögerung" der akademischen Karriere Scharenbergs geäußert.

"Ist der Kandidat dem wirtschaftsnahen Präsidium zu links und kritisch?" und "Was ist da eigentlich los?", fragen einige Studenten der JFK-Fachschaftsinitiative "Students' Board" in einem Flyer. "Herr Lenzen, wo bleiben unsere Juniorprofessoren?", heißt die Info-Veranstaltung, bei der sie diese Fragen am Mittwoch um 14.00 Uhr im JFK-Institut klären wollen. Eingeladen sind: Der FU-Präsident Lenzen, Ursula Lehmkuhl, die FU-Vizepräsidentin, Albert Scharenberg und alle Lehrenden und Studenten. Die Hoffnung der Studenten: "Wir wollen Antworten auf unsere Fragen und wir wollen endlich unsere Juniorprofessoren für eine wirklich exzellente Lehre."

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