Paradiesvögel als Berufsstarter Schrill zur Party, brav zur Arbeit

Schwarz geschminkte Augen, Haarberge, Nietenhalsbänder: Tobias, Carsten, Kevin und Rebea lieben in ihrer Freizeit exzentrische Outfits. Doch im Berufsalltag müssen sie sich anpassen. Verbiegen lassen sie sich trotzdem nicht - und manchmal kann ein krasser Look sogar die Karriere fördern.

Robert Hörnig

Von Almut Steinecke


Ein Dienstag in der Arge Nord in Düsseldorf, Abteilung "Arbeitsvermittlung für unter 25-Jährige". Die Bürowände sind blässlich gelb, die Schränke amtlich grau, die Akten amtlich braun. In einem der Büros am Computer sitzt Tobias Görgen, Vermittler für junge Leute. Einer, der von sich sagt, er liebe seinen Job und habe einfach einen Draht zu seinen Kunden. Besonders zu "Härtefällen".

Die könne er schnell "knacken", egal wie rebellisch oder unmotiviert. Käme zum Beispiel ein Punk in sein Büro, der wegen seines Aussehens bei der Jobsuche strauchelt, würde er mit ihm durchsprechen, was seine Zielberufe sind. "Und dann würde ich ihm sagen, dass er eine Entscheidung fällen muss - was ist wichtiger: persönliche Selbstentfaltung oder Weiterkommen?" Denn wer zu dick aufträgt oder schlicht einen arg spießigen Chef hat, kann sich im schlimmsten Fall die Karriere abschminken.

Entscheide dich - gegen dein Outfit, wenn's sein muss: Eine Antwort, die man erwartet von einem Arge-Angestellten. Aber nicht von einem, der aussieht wie dieser hier.

Tobias Görgen, 28, ist Arbeitsvermittler und studierter Diplom-Verwaltungsfachwirt. Er hat freirasierte Schläfen - einen "Undercut" - plus Irokesen-Schnitt in Weißblond. Im Moment ist der Iro heruntergekämmt, die Haare sind nach hinten zum Zöpfchen gebunden. Tobias trägt Schwarz: schwarze Schuhe, schwarze Hose, ein pludrig-schwarzes Hemd, darunter ein schwarzes Shirt.

Als Teenager hörte er gruftige Musik, stand vor allem auf die Bands Wolfsheim und Deine Lakaien. Sein Look dazu: Teufelstotenkopfringe an den Fingern, die Haare mal giftgrün, mal wasserblau gefärbt. "Hauptsache anecken", sagt er im Rückblick, er lebte das Klischee der Szene. Er wollte sich abgrenzen, bloß etwas anderes darstellen als das "Feindbild Normalo", sagt er heute und lächelt darüber. Schon damals habe er gespürt, dass "es lächerlich ist, etwas aus Prinzip zu verdammen".

Tobias tut seinen Teil, die Klientel nicht zu verschrecken

Wie kommt so ein Nonkonformist zu so einer Behörde? Nach Abi und Studium gefiel Tobias am öffentlichen Dienst vor allem die staatlich verordnete Toleranz: "Ein super Ort, um Kompromissbereitschaft an sich auszutesten und auszuleben - der öffentliche Dienst ist an das Antidiskriminierungsgesetz gebunden." Verbieten kann ihm also keiner was, wenn es um sein Aussehen geht.

Tobias reizte diese Freiheit nicht aus. Als er 2005 bei der Arge anfing, verzichtete er "auf Schmuck, Schminke, Nagellack". Als er die Teamleiterin fragte, ob sein Aussehen so gehe, habe die "sehr cool" geantwortet: 'Herr Görgen, ich glaube, Sie thematisieren das viel stärker als jeder andere hier.' Tobias fühlte sich schnell wohl, denn die Arge folgt dem von der Bundesregierung verordneten Motto, dass die Wertschätzung der Vielfalt dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens dient - "Diversity Management" in Neudeutsch.

Helmut Wessel, 58, Bereichsleiter der Arge Nord, würde das "genau so unterschreiben". Gerade Görgens Andersartigkeit sei ein großer Vorteil, sagt Wessel, darum werde er bewusst für die unter 25-Jährigen eingesetzt. "Ich könnte mir vorstellen, dass es junge Erwachsene gibt, die sich bei Herrn Görgen besser aufgehoben wissen - einfach, weil sie oft einen ähnlich schwierigen Weg der Selbstwertfindung gehen, wie ihn Herr Görgen gegangen ist."

Und weil sein Arbeitgeber ihm so sehr entgegenkam, tut Tobias seinen Teil, um die Klienten nicht zu verschrecken. Mag es auch noch so heiß sein, er trägt nur lange Ärmel - wegen seiner Tattoos auf Ober- und Unterarmen. Denn "Muskelshirt und nackte Tattoo-Arme in der Beratung" empfindet auch er als unangemessen.



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Seite 1
kuchenbob, 14.09.2009
1. .
Ich bin vor vielen Jahren ganz gern ab und zu auf Gothic-Parties gegangen. Meine Freunde ich und ich haben uns dann auch öferts über allzu fiese Outfits lustig gemacht. Bitte mal diese Person vorstellen: männlich, Sehr groß, sehr hager, Glatze, Knielange schwarze Lederstiefel und ein Borat-mäßiger Lack-"Bikini", mehr nicht. Wir sind aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen. Wenige Tage später der erste Tag meiner Berufsausbildung. Wer steht da in zivil? Genau. "Äh....Guten Tag"
zynik 14.09.2009
2. Haare schneiden, Anzug an
Ohje, ist das wieder so eine Werbeveranstaltung von Arbeitgeberseite, die zeigen soll wie tolerant sie doch alle sind? Man muss nur mal einen Blick auf die Straßen werfen um festzustellen, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Armee der 20-jährigen Anzugträger vermehrt sich wie die Fliegen und Anpassung ist die oberste Maxime. Sowohl beim Äusseren als auch in der Denke. Anders aussehen ist heute ein besonderer Angriffspunkt, so meine Erfahrung. Die Realität ist weitaus weniger tolerant, als es dieser Artikel glauben machen will. Da läufts dann eher nach Kurt Beck: „Haare schneiden, Anzug an, dann klappts auch mit dem Job.“ Naja, aber ein netter Versuch uns freundliche Arbeitgeber vorzustellen die auch „Freaks“ beschäftigen. Den Jungs und Mädels aus diesem Artikel wünsche ich, dass sie es schaffen sich selbst treu zu bleiben. Ausserdem hoffe ich, dass ihre Outfits nicht allein der Eitelkeit geschuldet sind, sondern auch eine entsprechende Lebenseinstellung dahinter steht. Vielleicht sieht man sich auf dem nächsten WGT ;-)
snirre 14.09.2009
3. Paradiesvögel,,,
Also meiner Erfahrung nach hat man es am Arbeitsplatz mit solchen Outfits sehr schwer. Vor allem, wenn man "Kundenkontakt" hat. Dort wird es fast nicht akzeptiert. Allerdings ist das bei den hier genannten Personen (außer der Schülerin) ja auch so, dass sie sich anpassen. Ich tue das auch und das Privatleben geht den Arbeitgeber eben nichts an, auch wenn das viele gern anders sehen würden. Bei mir wissen es inzwischen viele Kollegen und sie können damit umgehen, in jungen Jahren wäre das schwieriger gewesen, da kämpft man oft noch um Akzeptanz. Und etwas Kompromisse sind eben erforderlich. Mich würde das zu der "Einstellung" noch interessieren, zyniker...was meinst du damit?
sephira 14.09.2009
4. *seufz*
Also ich muss ehrlich gestehen, dass ich mir hiervon etwas mehr erhofft habe, als das was letzten endes dabei rausgekommen ist. Der Artikel zwar doch recht nett geworden, aber bei kleineren Fakten musste ich doch schmunzeln. Auch ein wenig sehr viel Umgangssprache... Und ich frage mich ernsthaft wann ich um Gottes Willen gesagt haben will, dass ich genau SO in die Schule gehe... das währe doch sehr sagen wir mal... seltsam.
Schnurz321 14.09.2009
5. Kleider machen Leute
Zitat von zynikOhje, ist das wieder so eine Werbeveranstaltung von Arbeitgeberseite, die zeigen soll wie tolerant sie doch alle sind? Man muss nur mal einen Blick auf die Straßen werfen um festzustellen, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Armee der 20-jährigen Anzugträger vermehrt sich wie die Fliegen und Anpassung ist die oberste Maxime. Sowohl beim Äusseren als auch in der Denke. Anders aussehen ist heute ein besonderer Angriffspunkt, so meine Erfahrung. Die Realität ist weitaus weniger tolerant, als es dieser Artikel glauben machen will. Da läufts dann eher nach Kurt Beck: „Haare schneiden, Anzug an, dann klappts auch mit dem Job.“ Naja, aber ein netter Versuch uns freundliche Arbeitgeber vorzustellen die auch „Freaks“ beschäftigen. Den Jungs und Mädels aus diesem Artikel wünsche ich, dass sie es schaffen sich selbst treu zu bleiben. Ausserdem hoffe ich, dass ihre Outfits nicht allein der Eitelkeit geschuldet sind, sondern auch eine entsprechende Lebenseinstellung dahinter steht. Vielleicht sieht man sich auf dem nächsten WGT ;-)
Was kann der Arbeitgeber dafür, dass seine Kunden evt. einen Anlageberater in Lederkluft unseriös finden? Es spielt zwar an sich keine Rolle, ob die betreffende Person einem Kunden nun Lehman-Zertifikate im Anzug oder in Lederkluft andreht, aber in ersterem klappt's eben besser. Kleider machen Leute, na und? Wenn man dagegen weniger mit Kunden zu tun hat, kann man sich auch problemlos etwas weniger förmlich kleiden.
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