Physik-Forschungsskandal Uni Konstanz bleibt bei Aberkennung des Doktortitels

Seine Forschung war spektakulär, sein tiefer Fall auch. Nachdem der Physiker Jan Hendrik Schön bei Fälschungen erwischt wurde, erkannte die Uni Konstanz ihm den Doktortitel nachträglich ab. Den Widerspruch prüfte sie fünf Jahre lang - und hat jetzt entschieden: Es bleibt beim Titel-Rückruf.

Forschung in Konstanz: Im Fall Schön bleibt die Uni hart
DDP

Forschung in Konstanz: Im Fall Schön bleibt die Uni hart

Von Frank van Bebber


Auch nach Jahren ringen die Universität Konstanz und der Physiker Jan Hendrik Schön um die Konsequenzen aus einem der größten Forschungsskandale in der Geschichte der Physik. Wie die Universität am Mittwoch mitteilte, hat sie einen Widerspruch des Physikers gegen den Entzug seines Doktortitels zurückgewiesen. Zuvor hatte sie den Protest des Physikers dagegen nicht weniger als fünf Jahre geprüft.

Schön hatte in Konstanz studiert und 1997 seine Doktorarbeit geschrieben. Später arbeitete er bei den Bell-Labors in den USA. Er war wegen seiner spektakulären Ergebnisse bereits als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt worden und sollte Direktor bei der renommierten Max-Planck-Gesellschaft werden, bevor Bell 2002 zahlreiche ebenso spektakuläre Fälschungen enthüllte.

Bis dahin galt der junge Physiker als Star der Physik. Die Universität Konstanz entzog Schön schließlich 2004 den Doktortitel. Ungewöhnlich an dem Schritt: Die Redlichkeit der Doktorarbeit selbst stellte die Uni nicht in Frage. Vielmehr stützte sie sich auf einen bis dahin kaum beachteten Passus im baden-württembergischen Universitätsgesetz, nachdem der Titel auch entzogen werden kann, "wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung des Grades als unwürdig erwiesen hat". Hierzu führte die Universität Schöns Fehlverhalten als Forscher in den USA an.

Gegen die Titel-Aberkennung durch ein mit zwölf Hochschullehrern besetztes Gremium konnte Schön Widerspruch einlegen - und tat es. Doch der Promotionsausschuss hielt an seiner Einschätzung im Widerspruchsverfahren fest, für das erneut verschiedene Publikationen geprüft worden seien. Es bleibe bei der Feststellung eines erheblichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Schön habe sich dadurch für den Doktorgrad als unwürdig erwiesen.

Juristisches Neuland für die Universität

Die Prüfung des Widerspruchs dauerte offenbar so lange, weil Gutachten eingeholt und mit dem Titelentzug wegen eines späteren Fehlverhaltens juristisches Neuland betreten wurde. Auch in der Wissenschaftsszene war kontrovers diskutiert worden, was es bedeutet, wenn ein korrekt erworbener Titel für ein späteres Fehlverhalten aberkannt werden kann.

Schön hat jetzt die Möglichkeit, vor Gericht um seinen Titel zu kämpfen. Damit könnte sich der Fall weiter hinziehen. Im Fall eines Titelentzugs durch die Universität Bonn bei einem anderen Forscher hatte es acht Jahre gedauert, bis Gerichte dies letztinstanzlich bestätigten.

Schön hatte seine Doktorarbeit über Solarzellen geschrieben und bei den Bell-Laboratorien auf dem Gebiet der Nanotechnologie gearbeitet. Sein Ziel war ein Transistor, der nur noch aus einem Molekül besteht. Der als Top-Forscher und mitunter als Genie gehandelte Schön publizierte zeitweise alle acht Tage einen wissenschaftlichen Artikel. Später sprach eine Bell-Kommission von 16 Fälschungen.

Eine Kommission der Universität Konstanz war 2003 zum Ergebnis gekommen, Schön habe auch in Konstanz schlampig gearbeitet. Doch sei ein vorsätzliches Fehlverhalten hier nicht nachweisbar. Beobachter hatten dies als ungewöhnlich mild kommentiert.

Mit dem Entzug des Doktortitels fand der zuständige Fachbereich anschließend doch noch eine harte Sanktion, die mit dem späteren Fehlverhalten Schöns in den USA begründet wurde. Schön, Jahrgang 1970, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.