Plagiator mit Doktorwürde Wie wird man einen Spitzenbeamten los?

Der Landesverband Lippe hat Kummer mit dem Chef: Weil der Landesvorsteher großflächig abkupferte, wurde ihm der Doktortitel bereits aberkannt. Nun geht es um seinen Job. Aber einen Beamten aus dem Amt zu kippen, kann teuer werden - eine Knobelfrage aus dem Öffentlichen Dienst.

Von Hermann Horstkotte


So sieht eine Blitzkarriere aus: Abitur 1994, dann binnen zehn Jahren fertiger Jurist, außerdem Master of Business Administration (MBA) sowie Master im Steuerrecht (LL.M.) und auch Dr. jur. Gleich nach dem ersten Studienabschluss Einstieg in den öffentlichen Verwaltungsdienst, 2004 persönlicher Referent des Hauptgeschäftsführers eines Kommunalverbandes, zwei Jahre später Bürochef der niedersächsischen Gesundheitsministerin.

Die letzte und aktuelle Karrierestation: seit Oktober 2008 hauptamtlicher Vorsteher des Landesverbandes Lippe, mit 35 Jahren. Für ein Beamtengehalt von rund 7000 Euro monatlich (Besoldungsgruppe B 4) verwaltet der Landesvorsteher die Besitztümer des früher eigenständigen Landes mit seinen Äckern und Wäldern und mit Touristenattraktionen wie dem Hermannsdenkmal bei Detmold. Der Spitzenbeamte ist sozusagen der moderne Fürst mit Sitz auf Schloss Brake in Lemgo.

Anfang 2009 aber bekam die Karriere von Andreas Kasper einen Knick. Einem fleißigen Doktoranden der Verwaltungshochschule Speyer war nämlich aufgefallen, dass der erfolgreiche Verwaltungsjurist in seinem Buch über "Kommunale Steuern" (2005) auffällig viel von anderen ohne Quellenangaben abgeschrieben hatte. Die Speyerer Lehrstuhlinhaberin für Finanzen vertiefte sich dann in weitere Fachveröffentlichungen Kaspers, vor allem in seine Doktorarbeit von 2004: "Sozialsponsoring - eine rechtliche Bewertung unter besonderer Berücksichtigung kirchlicher Einrichtungen und Werke". Auch schon da schien vieles nur geklaut.

Plagiate führten zum Verlust des Doktortitels

Wegen der Dissertation gab die Leserin einen Tipp an die Uni Göttingen, wegen anderer Beiträge an den Kohlhammer-Verlag. Der nahm gleich zwei kommunalpolitische Bücher von und mit Kasper vom Markt, der Abschreiber zahlte deswegen freiwillig einen Schadensersatz von 5000 Euro. Gern regeln Verlage solche Problemfälle außergerichtlich, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In diesem Fall hat die Staatsanwaltschaft Detmold aber ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und prüft gegenwärtig, ob ein strafbarer Betrug gegenüber dem Verlag vorliegt.

Den Doktortitel hat die Uni Göttingen Kasper bereits vergangenen Juni wegen seitenlangen Abkupferns entzogen. Die Staatsanwaltschaft belangte ihn deshalb wegen Urheberrechtsverletzung. Für sie liegt die Bestrafung im öffentlichen Interesse, auch wenn sich durch den geistigen Diebstahl kein privater Kläger geschädigt fühlt. Im Januar 2010 beugte sich der Beschuldigte einem Strafbefehl von 9000 Euro oder 90 Tagessätzen und damit auch dem Titelverlust.

Bis zu dieser rechtlichen Klärung waren die Lipper Verbandspolitiker gezwungenermaßen passive Zuschauer in einem schwebenden Verfahren. Dabei hatte Kasper zunächst öffentlich seine Unschuld in der Doktorfrage beteuert: "Ich habe damals auf die Korrektheit der eigenen Zitierweise vertraut", schrieb er in einer Stellungnahme. Auch den prüfenden Professoren seien keine Mängel aufgefallen. Deshalb dürfe man ihm den Titel im Nachhinein nicht aberkennen.

Der Hauptgutachter, ein Staatskirchenrechtler, stellt aber gegenüber SPIEGEL ONLINE klar: Kein Prüfer könne die gesamte Spezialliteratur eines einzelnen Gebietes im Kopf haben, weshalb jeder Doktorand ja alle Übernahmen von anderen ehrlich zitieren müsse. Leider habe der falsche Doktor nicht ohne größeres Aufsehen freiwillig auf seinen Titel verzichtet.

Am Ende entschloss sich Kasper doch, er werde den Verlust des Titels wie auch die Geldstrafe akzeptieren und "so die Konsequenz meiner Zitierweise tragen", heißt es in einer Stellungnahme. "Ein langjähriges Verfahren möchte ich meiner Familie und dem Landesverband Lippe nicht zumuten." Kasper und seine rechtlichen Berater sehen in der "fehlerhaften Zitierung" aber keinen strafrechtlich relevanten urheberrechtlichen Verstoß.

Abwahl und einstweiliger Ruhestand wäre finanziell ein Traumlos

Jetzt, nach der gültigen Titelaberkennung, ist die Enttäuschung im Lipperland groß. "Bei uns hat der Begriff der 'Würdigkeit des Doktortitels' und damit auch der Verlust dieser akademischen Auszeichnung noch was zu sagen", sagte Dirk Becker, Bundestagsabgeordneter und SPD-Kreisvorsitzender, SPIEGEL ONLINE. Alle fünf politischen Parteien im Landesverband (CDU, SPD, FDP, Grüne und Freie Wähler) wollen nicht länger über den wiederholten Wissenschaftsbetrug hinwegsehen - sie haben das Vertrauen in ihren Vorsteher verloren, fordern seinen Rücktritt und einen Neuanfang. Daher streben sie "gemeinsam eine Trennung an", wie es in einer Erklärung der Fraktionen heißt. Nur wie?

Mit Blick auf seinen Posten hatte Kasper schon im vorigen Sommer klargestellt: "Die Führung des Doktortitels war keine Voraussetzung für meine Wahl." Der Doktorgrad, so urteilte kürzlich auch das Oberverwaltungsgericht Niedersachsen, bedeute keinerlei Berufsqualifikation, jedenfalls nicht für eine Beamtenstelle außerhalb der Hochschule (Aktenzeichen 2 KN 906/06). Trotz der akademischen Fehltritte, nicht gerade eine Bagatelle, sieht auch der zuständige Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ingo Wolf (FDP), von sich aus keinen Anlass zu disziplinarrechtlichem Vorgehen.

Der Landesvorsteher sucht inzwischen einen neuen Arbeitsplatz, will sich darüber und über das ganze Drama aber auf SPIEGEL ONLINE nicht näher äußern. Offenbar sind die beruflichen Alternativen gar nicht so reichlich, wenn sich Kasper nicht unter seinem bisherigen Monatsgehalt verkaufen will. Eine gesetzlich naheliegende "Übergangslösung" wäre seine Abwahl durch die Landesversammlung. Danach könnte er im "einstweiligen Ruhestand" bis Herbst 2016 gut 70 Prozent seines Gehalts weiter beziehen. Das wären rund 5000 Euro im Monat oder insgesamt 400.000 Euro - plus die üblichen Beamtenprivilegien etwa bei der Krankenversicherung für eine vierköpfige Familie.

Geld oder Ehre

So viel Zaster nach dem Desaster entspräche ungefähr Kaspers früheren Dienstbezügen im Ministerium. Ein Rückkehrrecht dorthin hat er allerdings nicht, wie ein Regierungssprecher erklärt. Im einstweiligen Ruhestand darf ein Beamter indes bis zum End- und Höchstgehalt seiner Besoldungsklasse hinzuverdienen, ohne damit das auch ohne Arbeit gezahlte Grundeinkommen aufs Spiel zu setzen. Wer mag auf das alles freiwillig verzichten und stattdessen außerhalb des Staatsdienstes etwa irgendwo ein Anwaltsbüro eröffnen?

Angesichts der drohenden Kosten einer Abwahl fordern seit Mitte März alle Parteien in der Landesversammlung vom NRW-Innenminister, eine Entlassung des Vorstehers nach Artikel 12 des sogenannten Beamtenstatusgesetzes zu prüfen: eine Rücknahme der Ernennungsurkunde wegen "Unwürdigkeit". Dann bräuchte der Landesverband keinen Cent mehr an seinen Ehemaligen zu zahlen. Hintergrund ist die traditionelle Auffassung, dass der Beamte eine Vorbildfunktion in der Gesellschaft hat. Nur falls eine Trennung wegen "Unwürdigkeit" nicht möglich ist, wollen die Parteien Kasper Ende Mai abwählen.

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE verweist das Ministerium auf einen gängigen Gesetzeskommentar der Beamtenrecht-Experten Torsten von Roetteken und Christian Rothländer. Danach hängt die Unwürdigkeit aufgrund einer Straftat vom Einzelfall ab, vom persönlichen Charakter und dem Dienstposten. So mache sich beispielsweise ein Lehramtsanwärter wegen Drogenbesitzes und einer Verurteilung zu 50 Tagessätzen amtsunwürdig. Letztlich können wohl nur die Gerichte klären, ob die Lipper ihren ungeliebten Ex-Doktor auch ohne goldenen Handschlag loswerden.

Forum - Verfällt der Wert akademischer Titel an deutschen Hochschulen?
insgesamt 1105 Beiträge
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Seite 1
dickebank, 29.08.2009
1. Falsche Frage
Zitat von sysopDie fragwürdigen Deals mit Doktortiteln durch so genannte Promotionsberater brachten akademische Würden made in Germany ins Gerede. Hat die universitäre Kontrolle versagt? Verfällt dadurch gar der Wert akademischer Titel an deutschen Hochschulen?
es gibt nur akademische Grade. Titel kennt nur das Namensrecht. Durch das Namensrecht wird der akademische Grad des Doktors erst zum Titel. Zweiter Denkfehler ist, dass kein Mensch promovieren kann. Ein Akademiker kann bei entsprechender Leistung, die Dissertation genannt wird, promoviert werden. Aber warum sich auch mit Feinheiten aufhalten, wenn die Masse mit ihrer Meinung zum Zuge kommen soll.
Kanzleramt 29.08.2009
2. ...
Zitat von sysopDie fragwürdigen Deals mit Doktortiteln durch so genannte Promotionsberater brachten akademische Würden made in Germany ins Gerede. Hat die universitäre Kontrolle versagt? Verfällt dadurch gar der Wert akademischer Titel an deutschen Hochschulen?
Habe noch nie verstanden warum praktizierende Ärzte unbedingt einen Doktor haben müssen. So weit ich weiß, ist das ja wirklich Pflicht, oder liege ich da falsch? Bei Zahnärzten ist es ja keine Pflicht und ich kenne Zahnmedizinstudenten die keinen Doktor machen. Mein Zahnarzt hat auch keinen Doktortitel und der ist super, jedenfalls gabs bisher nichts zu klagen. Wer nicht an der Uni (oder einem Institut) als Wissenschaftler und Forscher bleiben will, braucht meiner Ansicht nach auch keinen Doktor machen, außer er hat eben Spaß an der Freude daran. Allgemein kenne ich aber immer mehr, die einen Doktor machen wollen. Zum einen, um das "Studium" bzw. die Zeit an der Uni zu Verlängern (abhängig vom Arbeitsmarkt) oder ganz einfach aus ANGST später als Arbeitnehmer ohne Doktortitel nichts mehr wert zu sein, bzw. gar keinen Job mehr zu bekommen. Da herrscht anscheinend u.a. noch/wieder ganz viel ständischen Denken vor.
volkmargrombein 29.08.2009
3. Verfällt der Wert akademischer Titel an deutschen Hochschulen?
Zitat von sysopDie fragwürdigen Deals mit Doktortiteln durch so genannte Promotionsberater brachten akademische Würden made in Germany ins Gerede. Hat die universitäre Kontrolle versagt? Verfällt dadurch gar der Wert akademischer Titel an deutschen Hochschulen?
Erstaunlich ist, dass das man erstaunt ist! Der Handel mit Akademischen Titeln ist bestimmt schon 20 Jahre alt. Man hat das Problem einfach nicht zur Kenntnis genommen. Das allein ist schon bezeichnend für eine Klientel, der zum Teil der Blick für die Realität total abhanden gekommen ist, bzw. die ihn niemals besessen haben. Der Ordnung halber sei erwähnt, dass die Qualität eines Arztes durchaus nicht durch einen akademischen Titel besser wird. Im Gegenteil, ich kenne Ärzte, die keinen DR. an ihrem Schild haben und dennoch manchem der Herren Doktores an Leistung überlegen sind! Zusammen mit dem Geseter um die ach so niedrigen Honorare, die jüngst eine ganze Branche Lügen straften, ergibt sich ein weitere Beleg für den moralischen Niedergang dieser Branche!! Jedenfalls ist es nicht verkehrt, manchen Zeitgenossen mit einer gehören Portion Mißtrauen zu begegnen!
Skade, 29.08.2009
4. Medizin
was der Betrug bei den Medizinern soll ist mir ohnehin unverständlich. Den Medizin Dr. Titel bekommt man doch quasi geschenkt. Btw. ich kenne eine Klinik da laufen einige Ärzte mit einme Dr. Titel herum ohne ihn wirklich zu haben. Anweisung vom Chef, damit die Patienten mehr Vertrauen zum Arzt haben.
GM64 29.08.2009
5. ja, der Medizin Dr. ist ein Geschenk
Zitat von Skadewas der Betrug bei den Medizinern soll ist mir ohnehin unverständlich. Den Medizin Dr. Titel bekommt man doch quasi geschenkt. Btw. ich kenne eine Klinik da laufen einige Ärzte mit einme Dr. Titel herum ohne ihn wirklich zu haben. Anweisung vom Chef, damit die Patienten mehr Vertrauen zum Arzt haben.
Eigentlich braucht man dazu nur einige Versuchsobjekte und Statistik Kenntnisse. Die Statistik gibt es im Paket z.B. Maple, oder Mathlab. Sollte auch mal an einem veterinär Dr. mitarbeiten. Wer es nötig hat so etwas zu kaufen ist wirklich das aller Letzte. Dennoch gibt es Mediziner die keinen Dr. Titel haben. Das kann ich nicht verstehen. Wenn der Arzt keinen Dr. Titel hat, würde ich da nicht hin gehen, weil der ist absolut unfähig.
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