Plastikmüll 20-Jähriger will die Ozeane retten - für sechs Milliarden Euro

Boyan Slat hat sein Studium geschmissen, um die Meere dieser Welt von Plastikmüll zu befreien. Der Niederländer hat dafür schon einen Plan - er braucht nur noch ein paar Milliarden Euro. Ein Treffen mit einem ungewöhnlichen 20-Jährigen.

Von Matthias Fiedler

Corbis

An einem Mittwochmittag im September steht der Niederländer Boyan Slat, 20, am Hafenbecken von Rotterdam und presst sich ein Walkie-Talkie ans Ohr. Der Wind pfeift, der Empfang ist schlecht, Slat kneift die Augen zusammen. "Können wir zur Erasmusbrücke übersetzen?", fragt er den Hafenmeister. Aus dem Funkgerät rauscht und knackt es, dann sagt eine abgehackte Stimme: "Negativ, zu viel Verkehr, bitte warten."

Slat, der ausgewaschene Jeans trägt und Turnschuhe mit zu langen Schnürsenkeln, verzieht das jungenhafte Gesicht. Hinter ihm liegt eine 40 Meter lange Kunststoffbarriere, die aussieht wie ein riesiger Schlauch. Über drei Stunden haben er und 15 Helfer gebraucht, sie aufzublasen. Jetzt sollte das Ungetüm eigentlich längst auf dem Wasser schwimmen und bei der Müllentsorgung helfen.

Der Versuch in Rotterdam ist Teil einer Reihe von Experimenten, die Slat in den kommenden Jahren durchführen will, um seinem großen Ziel näherzukommen. Was der ehemalige Student der Luft- und Raumfahrttechnik vorhat, steht in fetten Lettern auf seinem T-Shirt: "The Ocean Cleanup" - die Ozeansäuberung. Slat und sein Team träumen davon, den Plastikmüll einzusammeln, der in den vergangenen Jahrzehnten über Strände, Flüsse und Schiffe in die Weltmeere gelangte.

16,6 Millionen Tonnen Müll allein auf dem Pazifik

Es ist strittig, um wie viel Abfall es sich genau handelt, aber allein auf dem Pazifik, den Slat als Erstes aufräumen will, treiben wohl etwa 16,6 Millionen Tonnen. Natürlich könnte man das Zeug auch mit Tausenden Schiffen abholen. Doch leider ist der Zivilisationsmüll durch Wind und Ozeanströmung ständig in Bewegung; eine Barriere, in der sich das Kunststofftreibgut nach und nach verfängt, wäre also sinnvoller - und auf Dauer viel günstiger, dachte sich Slat.

Am Computer hat er daher eine Anlage mit zwei jeweils 50 Kilometer langen Fangarmen entwickelt, die in V-Form auf der Wasseroberfläche treiben und bis zu 4000 Meter tief am Meeresgrund verankert sind. An den Barrieren sind bewegliche Vorhänge befestigt, die Abfall auffangen und zu einer Plattform im Zentrum leiten sollen; Fische könnten problemlos darunter durchschwimmen, behauptet Slat. Im Zentrum der Anlage wird der Müll in einen riesigen Container befördert, der achtmal im Jahr geleert werden soll. Betrieben wird die gesamte Vorrichtung mit Solarstrom, so die Theorie.

Die Fläche, um die sich die Aufräumer als Erstes kümmern wollen, ist etwa doppelt so groß wie Deutschland. Langfristiges Ziel ist aber, nach und nach alle Weltmeere vom Plastikmüll zu befreien. Slat nimmt an, dass man dafür mindestens 24 Anlagen braucht. Die erste soll 2020 fertig sein und 246 Millionen Euro kosten, die anderen wären wohl ähnlich teuer: Es könnten also Gesamtkosten in Höhe von etwa sechs Milliarden Euro entstehen.

Slat nennt das "ein Schnäppchen", verglichen mit den Schäden, die der Plastikmüll der Umwelt zufüge. Jedes Jahr sterben Millionen Seevögel und Fische, weil sie von dem Abfall fressen. Deswegen hofft der Erfinder, der noch bei seiner Mutter wohnt, dass sich möglichst viele Staaten zur Finanzierung der Anlage zusammentun. Zumal ein Großteil des Plastikmülls recycelt und zur Ölgewinnung genutzt werden soll.

Boyan war schon als Kind anders

Es ist kurz vor 16 Uhr, als das Walkie-Talkie an Slats Hosenbund wieder piept. Der Hafenmeister ist dran. Die Wasserstraße sei nun für einige Minuten frei, sagt er. Slat ruft seine Mitarbeiter zusammen, die alle deutlich älter sind als er. Auf einer Papiertafel skizziert er mit zackigen Handbewegungen den Ablauf der nächsten Stunden.

Slat will die Kunststoffbarriere ans Boot ketten, zur Brücke schleppen und mit Seilen zwischen zwei Pfeiler spannen. Dann soll ein Helfer 30 Meter von der Barriere entfernt Plastikflaschen, Flaschendeckel und Bojen ins Wasser werfen. "Im besten Fall fängt die Barriere alles auf", sagt Slat.

Zehn Minuten später haben zehn Männer die Barriere von der Hafenmauer ins Wasser gewuchtet und am Boot befestigt. Der Skipper wirft den Motor an, Slat springt an Bord. "Kann losgehen", ruft er.

Slat wurde 1994 in Delft geboren, Geschwister hat er keine. "Schon als kleiner Junge war Boyan anders als andere Kinder. Er wollte nicht nur spielen. Er wollte wissen, wie Dinge funktionieren", sagt seine Mutter. In der Schule sei ihr Sohn ein Außenseiter gewesen. Das habe sich erst geändert, als er auf eine bilinguale Schule kam, in der fast alle Fächer in Englisch unterrichtet wurden, und Slat Klassenkameraden fand, die ähnlich intelligent waren wie er.

Mehr als zwei Millionen Euro - dank Facebook und Twitter

Die Idee zu seinem Projekt kam dem Überflieger 2012, in seinem letzten Highschool-Jahr. Weil er bei einem Tauchurlaub in Griechenland so viel Plastik im Meer gesehen hatte, dachte er sich für eine Facharbeit eine Vorrichtung aus, die helfen könnte. "Das Teil hätte nie funktioniert", sagt Slat. Doch der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Er las Dutzende Bücher über Meereskunde, machte Skizzen, sprach mit Experten.

Im Oktober darauf stellte er sein Projekt bei einer Veranstaltung an der Uni vor. Slat wirkte enthusiastisch, charismatisch, wortgewandt. Er sagte Sätze wie "Veränderung ist wichtiger als Geld" und zeigte Bilder von toten Vögeln, die Plastikfeuerzeuge für Futter gehalten hatten. Über 1,6 Millionen Menschen sahen das Video bei YouTube - so dauerte es nicht lange, bis auch die Medien von seinem Plan erfuhren. "Die Aufmerksamkeit brach wie eine Riesenwelle über uns herein", sagt Slat, der Anfang 2013 sein Studium schmiss, um sich ganz und gar der Meeresrettung zu widmen.

Als er im selben Jahr einen ersten Test auf den Azoren ankündigte, sammelte er binnen zwei Wochen 90.000 Euro ein. Mitte September dieses Jahres hatte er nach einer Crowdfunding-Kampagne in weniger als hundert Tagen über zwei Millionen Dollar zusammen - gestiftet von 38.000 Gönnern. "Es ist abgefahren", sagt Slat, "ohne Facebook und Twitter hätten wir aber nie so viele Menschen erreicht."

Fotostrecke

3  Bilder
Studenten auf der Elbe: Auf meinem Müllberg bin ich Kapitän

Inzwischen hat der Erfinder ein Team aus hundert meist Freiwilligen aufgebaut - Biologen, Geologen, Ozeanografen, sie kommen aus den Niederlanden, den USA, Australien und Südamerika. Auch mit Forschern der Unis in Freiburg und Berlin arbeitet er zusammen.

Ganz unumstritten ist sein Idee jedoch nicht. Slat bekam viel Kritik zu hören, als er im Juni dieses Jahres auf einer Konferenz in New York seine 530 Seiten lange Machbarkeitsstudie präsentierte. Die Anlage werde scheitern, prophezeiten ihm Meeresforscher. Sie könne aus der Verankerung reißen und sei weder sturmfest noch resistent gegen Bakterien, die die Barrieren zersetzen könnten. Ozeanforscher warfen Slat vor, in den Fangarmen würden Plankton und Algen hängenbleiben.

Slat hörte sich die Kritik an - und modifizierte seine Idee. Mittlerweile haben ihm 70 Wissenschaftler bestätigt, dass die Barrieren stabil verankert werden können und die Algen unter ihnen hindurchtauchen können.

Fünf Schiffsexpeditionen will Slat bis 2015 noch unternehmen, Daten über Meeresströmung und Windverhältnisse sammeln und die Anlage bei Versuchen wie in Rotterdam weiter testen. Noch mal studieren? "Irgendwann vielleicht", sagt er.

Als es schon fast dunkel geworden ist, hat der Test vor der Brücke geklappt: Der Müll landete wie vorgesehen in der Barriere. "Wir haben sogar mehr Unrat eingefangen als geplant", sagt Slat. Zufrieden sei er aber erst, wenn das Ganze auch im Pazifik funktioniere - und ein Großteil der Meere wieder plastikfrei sei.

Hol Dir den gedruckten UniSPIEGEL!
  • SPIEGEL ONLINE

    Ausgabe 5/2014

    Mama ruft an!
    Wenn Eltern klammern und Studenten Heimweh haben

    Diesmal mit Geschichten übers Ausziehen, Rennovierungstipps für die neue Wohnung, ein Leben ohne Plastik und eine durchsoffenen Nacht in Greifswald. Wollt ihr das Heft nach Hause bekommen?
  • Dann abonniert den SPIEGEL im Studenten-Abo zum günstigen Sonderpreis.
Den UniSPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 80 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon_pix 29.10.2014
1. auf gehts ...
tolle idee, bitte machen!
deadcode 29.10.2014
2. Super Idee!
Endlich jemand, der dieses Problem angeht. Ich frage mich wieso nicht schon früher jemand ein ernsthaftes Konzept für so eine Säuberungsanlage vorgestellt hat. Ich würde das Projekt gerne unterstützen und hoffe wir hören bald mehr davon!
biogenetica 29.10.2014
3. super Initiative
Ich finde die Idee auch richtig gut! Die nächste Kirchensteuerspende hat er von mir sicher! Ich hoffe er bleibt unabhängig und reagiert weiterhin so auf Expertenkritik, dann ist sein Projekt eine echt gute Sache
uksubs 29.10.2014
4. superb
eine tolle idee, preisverdächtig und unbedingt unterstützenswert!! eventuell kann man doch auch tatsächlich schon dort anfangen, wo der müll in die meere kommt, mit dem ergebnis wie hier in rotterdam erzielt? so käme nicht noch mehr ins meer!
muckenflugplatz 29.10.2014
5. Genial
Hut ab vor diesem Jungen. Er tut etwas gegen diese Umweltverschmutzung, andere reden bloß darüber. Wenn ich höre was Mutti über unsere Klimaziele erzählt kommt mir die Galle hoch. Ist halt wie damals bei Kohl, aussitzen bis zum bitteren Ende
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UniSPIEGEL 5/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.