Warschau Polnische Assistenzärzte beenden Hungerstreik

Arbeiten bis zum Umfallen für nur 500 Euro im Monat: Seit einem Monat sind Nachwuchsärzte in Polen im Hungerstreik. Nun wollen sie zwar wieder essen, aber nur noch 48 Stunden pro Woche arbeiten.

Streikende Ärzte in einer Kinderklinik in Warschau
Guz/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Streikende Ärzte in einer Kinderklinik in Warschau


Polnische Assistenzärzte haben einen rund einmonatigen Hungerstreik für bessere Arbeitsbedingungen beendet - und gleichzeitig neue Proteste angekündigt. So wollen die Nachwuchsmediziner beispielsweise nur noch so viele Stunden arbeiten, wie gesetzlich erlaubt sind, kündigte der Verband der Assistenzärzte in Warschau an.

Am 2. Oktober waren 20 Assistenzärzte im Warschauer Uni-Kinderklinikum in den Hungerstreik getreten, Kollegen landesweit schlossen sich ihnen an. Der Verband der Assistenzärzte kritisiert, es gebe im polnischen Gesundheitssektor zu wenig Geld und zu wenig Personal. Mehrere Mediziner seien in diesem Jahr bereits an Überarbeitung gestorben, hieß es. Auch in weiteren osteuropäischen Staaten protestierten Mediziner gegen das desolate Gesundheitssystem in ihrem Land.

Die Arbeitssituation von Ärzten in Polen ist auch deshalb so schwierig, weil sie bei Arbeitsantritt häufig eine sogenannte Opt-out-Klausel unterschreiben müssen, die sie zu zusätzlicher Arbeit verpflichtet. "Diese Klausel werden wir nun massenhaft verweigern", sagte der Vize-Verbandsvorsitzende der Nachwuchsmediziner, Jaroslaw Bilinski. Demnach wollen die Nachwuchsärzte nur noch maximal 48 Stunden pro Woche arbeiten.

In einem Tweet des polnische Ärzteverbands heißt es: "Der Protest in Form des Hungerstreiks wird beendet. Die Regierung schubst uns in die nächste Phase massenhafter Opt-out-Erklärungen."

"Wir hören auf, erschöpft zu sein"

Mit den rechtswidrigen Arbeitsbedingungen sei nun jedoch Schluss, sagte Bilinski. "Wir hören auf, erschöpft zu sein und Löcher im System zu stopfen." Er fügte hinzu: "Wir beenden den Hungerprotest, aber nicht den Kampf um die Idee."

Die polnischen Assistenzärzte fordern die Regierung auf, die Ausgaben für das Gesundheitssystem innerhalb von drei Jahren von derzeit etwa 4,7 auf 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Auch die Gehälter müssten steigen. Die Nachwuchsärzte könnten von einem Monatslohn von etwa 500 Euro oft kaum leben und wanderten häufig aus, hieß es. Der Ärzteverband hat zu einer Unterschriftenaktion aufgerufen, um diese Ziele umzusetzen.

Die Regierung schlägt bislang vor, die Gesundheitsausgaben bis 2025 auf sechs Prozent anzuheben. Für 2018 ist jedoch zunächst eine weitere Kürzung der Mittel geplant.

sun/koe/dpa



insgesamt 5 Beiträge
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theodtiger 30.10.2017
1. Arbeitzeiten
Regelmäßige Arbeitzeiten von über 48 Wochenstunden sind nach EU Recht unzulässig. Sowas kümmert allerdings nicht die polnische Regierung und wurde auch gerne von der britischen kritisiert, die weniger Arbeitnehmerrechte lieber hätte.
pharmakon 30.10.2017
2. richtig so
die Bedingungen sind schlichtweg Ausbeutung. kein Wunder, dass unzählige osteuropäische Ärzte v.a. in Ostdeutschland für -vergleichsweise- n Appel und n Ei, aber immer noch zu deutlich schlechteren Konditionen als der Marburger Bund vorgibt, arbeiten und so den deutschen Ärzten die Arbeitsplätze in der schlechteren Konditionen madig machen. hauseigene Tarifverträge machen es möglich: friss oder stirb.
ramon 30.10.2017
3. Opt Out
gibts auch in Deutschland und bedeutet, dass man länger -nämlich bis zu 64h- als durchschnittlich 48 Stunden die Woche arbeitet. Verstößt nicht gegen EU Recht. Hintergrund ist der, dass man in jedem Winkel der Republik eine flächendeckende medizinische Versorgung 7 Tage die Woche 24 Stunden gewährleisten möchte mit dem vorhandenen Personal. Das ist u.a. ein Grund weshalb einheimische Ärzte, die sich nach Jahren neben der regulären Arbeit im Bereitschaftsdienst verschlissen fühlen, Krankenhäuser verlassen und deren vakante Stellen mit ausländischen Ärzten wie in dem Artikel genannten ersetzt werden.
zora81 30.10.2017
4.
Ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen aus Polen viel Erfolg bei ihrem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen! Viele Ärzte die ich kenne, arbeiten regulär zwischen 50 und 60 Stunden pro Woche - ohne extra Vergütung versteht sich - Überstunden aufzuschreiben ist nach wie vor verpönt. Auch ein Opt-Out zu verweigern oder zurückzuziehen ist ein absolutes no go. Gerade in Unikliniken und größeren Häusern ist hier jegliches Aufbegehren ein Grund, warum Verträge dann nicht verlängert werden. Wie man das Ganze dann auch noch für 500 Euro im Monat durchhält, ist mir ein Rätsel. Mich wundert nicht, dass da alle abwandern...ich habe mal meinen "Realstundenlohn" mit dem meiner Freunde verglichen. Als Assistenzarzt verdient man dann etwa so viel wie Pflegepersonal oder Erzieher.
swische 31.10.2017
5. Kommt zu uns!
In unseren Kliniken brauchen wir Nachwuchs, insbesondere in den ländlichen Regionen. Ihr seid gut ausgebildet, meiner Erfahrung nach sprachbegabt und somit schnell integrierbar. Konkurrenz für Jobs unserer Ärzte seid ihr nicht, es herrscht Vollbeschäftigung seit Jahren. Gegen Eure Regierung seid ihr machtlos. Die reagieren erst, wenn ein Massenexodus einsetzt. Es war vor 10 Jahren bei uns vergleichbar, allerdings nicht ganz so krass. Allerdings sind auch mir Wochen mit 100 Arbeitsstunden gut in Erinnerung. Wenigstens stimmte die Kohle, um das zu ertragen. Spätestens mit Mitte 30 steckt man dieses Pensum aber nicht mehr so locker weg.
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