Politikberater Herfried Münkler Ein Zettel unter der Tür

Herfried Münkler trägt den Spitznamen "Ein-Mann-Think-Tank". Das nimmt der Berliner Politologe als nettes Lob zur Kenntnis. Aber eigentlich will er Politiker gar nicht beraten, sondern sich mit ihnen besprechen - so schleicht er sich ins Zentrum der Macht.

Von Hans-Christoph Stephan


Herfried Münkler hätte ein ruhiges Leben haben können. Ab und zu mal etwas forschen, dies und das publizieren und alle vier Semester die alten Vorlesungen wieder aufbacken. Dann noch aushalten bis zur Pensionsgrenze - und fertig. Manche Professoren-Biografien verlaufen so. Doch der gebürtige Hesse ist kein Langweiler. Und so hat er mit seiner Forschung weit über die Fachgrenzen hinaus für Kurzweil gesorgt. Seit er vor vier Jahren sein Buch über "Die neuen Kriege" veröffentlichte, geriet Münkler mit einem Schlag in die Rampenlichter der Medien und kurz danach über die Hintertreppen der Politik in das Zentrum der Macht.

Herfried Münkler
DDP

Herfried Münkler

Nun ist der Professor für politische Theorie am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität einer der gefragtesten Politikberater Deutschlands. Er sitzt zu Gesprächen im Planungsstab des Auswärtigen Amtes sowie des Kanzleramtes und hält Seminare bei der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

Besonders darum gerissen hat sich Münkler eigentlich nicht. Er öffnete 2002 mit seinem Buch nur einigen Politikern und Militärs die Augen, indem er ihnen erklärte, warum die Zeit der alten Kriege zwischen politischen Blöcken vorbei ist. Denn seit dem 11. September 2001 war klar geworden, dass das archaische Feindbild woanders zu suchen ist, nämlich im Untergrund. Ungleiche Gegner stehen sich seither an unsichtbaren Fronten gegenüber. Das Verhältnis zwischen ihnen ist asymmetrisch geworden. Sie befinden sich nicht mehr auf Augenhöhe. Und das macht den Politikern Angst.

Das Feindbild hat sich geändert

Da kam einer wie Münkler genau zur rechten Zeit. Er beruhigte zwar nicht, aber er eröffnete andere Sichtweisen auf neue Probleme und leitete Handlungsstrategien ab. "Als die deutsche Politik mit der Wende 1989 auf einmal nicht mehr von Bündnis-Abhängigkeiten eingezwängt war, bestand bei den Politikern ein erhöhter Orientierungsbedarf", sagt er. Doch die meisten Wissenschaftler, die Politiker beraten, sind empirische Spezialisten. Sie schreiben dem politischen Geschehen nur hinterher und verfassen Gutachten für Arbeits-, Umwelt- oder Familienministerien, die oft nicht einmal den Minister erreichen, sondern von den Referenten ausgewertet werden. "Als Fachberater bewegt man sich innerhalb der Spielregeln eines Ressorts. Das ist nichts für mich, ich habe da eher einen antispezialisierten Drang", sagt Münkler.

Lieber spielt er "über Bande", wie er es nennt, indem er einen Artikel in einer überregionalen Tageszeitung platziert, etwa über "das alte Rom und den 11. September" oder über Sicherheitsfragen. Das sind strategische Ansätze, wie sie Politiker heutzutage mögen. Haben sie einen solchen Zeitungsbeitrag von Münkler gelesen, rufen sie ihn oft an und laden zum Gespräch ein - mal im engen Kreis eines Planungsstabes, mal zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion.

"Ich liebe lange Gespräche, aber Aufträge für Gutachten würde ich nicht annehmen." Denn damit ginge Münkler Verpflichtungen ein, für die er seine Arbeit als Hochschullehrer zurückstellen müsste. Eine Lehrveranstaltung würde er nie ausfallen lassen, nur weil ein Politiker anruft. Als Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) einmal anfragte, ob Münkler zu einer Diskussion über asymmetrische Konstellationen in der Politik kommen wolle, sagte Münkler ab - das Seminar für seine Studenten gehe leider vor. Der Talk-Termin wurde extra für ihn verschoben.

Kommt Münkler von einem Termin im Ministerium, berichtet er den Studenten davon - natürlich ohne Details: "Dadurch erfahren sie, in welchen Handlungszwängen Politiker eigentlich stecken." Der Professor gibt ihnen dann Aufgaben. Sie sollen selbst eine Expertise schreiben, auf deren Basis ein eiliger Minister wichtige Entscheidungen fällen kann. "So lernen die Studenten die Kunst der Kürze und erwerben zugleich Schlüsselqualifikationen für ihre berufliche Zukunft", sagt Münkler.

Für ihn selbst sind seine Studenten "eine Denkschule". Denn "um ihnen ein Problem zu erklären, muss man es sich erst einmal selbst entfremden". Nur so bekomme man den nötigen Abstand. Und nicht anders versteht Münkler seinen Nebenjob als Politikberater: "Es geht nicht darum, dass ich jemandem etwas erkläre, sondern darum, dass wir uns gegenseitig beraten. Auch ich lerne viel dazu." Vielleicht auch deshalb hat er Rufe nach Augsburg und Zürich abgelehnt. Es gibt nichts Spannenderes für einen Politikwissenschaftler, als in Schrittnähe von Ministerien zu arbeiten. "Man bleibt in Berlin, wenn man nicht Distanz zur Macht sucht."

Eine besondere Spezies

Münkler ist gern im Machtapparat unterwegs und der Logik der Herrschaft auf der Spur. Hat er dann - wie in seinem jüngsten Buch - herausgefunden, wie Imperien von Rom bis zu den USA funktionieren, will er denen, die regieren, das auch mitteilen. Also spielt er "über Bande" und es dauert nicht lange, da erfährt er, dass Schäuble & Co. sein Buch gelesen und plötzlich einen ganz neuen, ja positiv besetzten Begriff des "Imperiums" kennengelernt haben.

Auf diese Weise ist Münkler mittlerweile zu einer besonderen Spezies unter den Politikberatern geworden. Er schleicht sich mit seinen Erkenntnissen und Einschätzungen über die Schreibtische und Ohrensessel der Politiker in deren Köpfe. Das macht er offenbar sehr überzeugend. Politiker suchen im innen- und außenpolitischen Geschäft ständig nach Handlungsstrategien. Doch hängen sie meist in den Stricken des diplomatisch Machbaren fest und sehen das politisch Mögliche nicht. Münkler schiebt ihnen genau in dieser vertrackten Situation einen Zettel unter der Tür durch, auf dem steht: "Schon mal so herum gedacht?" Und prompt hat er einen Termin zum Gespräch.

Dass ihn die "Zeit" als "Ein-Mann-Think-Tank" bezeichnete, geht ihm natürlich runter wie Öl. Er lässt es sich nur nicht anmerken: "Think-Tank-Forscher erklären sich mit Politikern nichts gegenseitig, sondern sie beraten nur", sagt der 55-Jährige, "mein Think-Tank ist die Humboldt-Uni." In diesem Tank versteckt er sich, wenn er Askese übt. Dann kann anrufen, wer will, Münkler sagt nichts. "Wenn man zu viel kommentiert, glotzt man zu sehr auf die Dinge, sodass man nur noch die Buchstaben, aber nicht mehr die Schrift erkennt."



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