Praktizierende Philosophen Sinnstiftung in Hausbesuchen

Philosophie-Absolventen finden kaum noch Jobs. In Kneipen wirbt ein Berliner Mittdreißiger nun für seine "Philosophische Lebensberatung". Auch anderswo stellen Existenzgründer den Wert des rationalen Arguments der Psychoanalyse entgegen. Doch leben kann man davon nur schwerlich.

Von Andreas Ross


Im Dienstleistungsgewerbe ist Tempo Trumpf. Da müsste einer, der mit Nachnamen Schnell heißt, eigentlich gute Karten haben. Einen besonders flotten Werbeslogan hat sich Holger Jens Schnell trotzdem nicht auf die Flyer gedruckt. Schließlich bietet der 35-jährige Berliner ganz gediegen "Philosophische Lebensberatung in Hausbesuchen" an.

Holger Jens Schnell: Räsonnieren daheim oder im Café
Andreas Ross

Holger Jens Schnell: Räsonnieren daheim oder im Café

Im viel zitierten "Supermarkt der Sinnangebote" übernimmt der bald promovierte Philosoph den Lieferservice. Wer sich mit "persönlichen Krisen, schwierigen Lebensentscheidungen oder existenziellen Erfahrungen" herumschlägt, kann ihn anrufen. Für ein Honorar zwischen 25 und 40 Euro pro Stunde kommt Schnell vorbei - zum Philosophieren.

Sind aber bei Kant, Nietzsche, Heidegger und Co. die Lösungen für alle Krisen des Alltags nachzulesen? Schnell winkt ab. Für den Philosophen gebe es nicht das Buch der Bücher. Schnell kommt nicht mit höheren Wahrheiten, bringt keine Heilrezepte mit und stellt noch nicht einmal eine Diagnose. Seine einzige Methode ist der Dialog.

Dialog statt Diagnose

In Kants "Kritik der reinen Vernunft" ist immerhin das Ziel beschrieben: die Anleitung zum selbstständigen Denken. "Genau diese Fähigkeit zur rationalen, kritischen Auseinandersetzung mit ihren Problemen will ich bei meinen Klienten freilegen", sagt Schnell.

Dabei profitiere er von den konkurrenzlosen Kernkompetenzen des studierten Philosophen, nämlich "der Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen und im argumentativen Prozess Gründe und Gegengründe für verschiedene Lösungen logisch konsequent zu Ende zu denken und gegeneinander abzuwägen". Dabei führen auch konkrete Krisen der Klienten zu grundsätzlichen Fragen. Oft landen Schnells Beratungsgespräche beispielsweise bei den Widersprüchen zwischen Wissenschaft und Religion.

Eine ganz konkrete Krise war es auch, die Schnell überhaupt zum Lebensberater werden ließ - nämlich die auf dem Arbeitsmarkt. Zwar galt das Studium der Philosophie noch nie als Garant für einen besonders flotten Karriereeinstieg, doch heute sieht es für die jährlich gerade einmal rund 400 Absolventen philosophischer Magisterstudiengänge besonders düster aus. 1256 Arbeitslose mit Hochschulabschluss in Philosophie zählte das Arbeitsamt im Jahr 2002. Holger Jens Schnell hatte wie viele seiner Studienkollegen eigentlich vorgehabt, im Verlagswesen oder in der PR-Branche anzuheuern. Doch da war nichts zu holen, trotz Berufserfahrung und bester Zeugnisse. Zu viele Absolventen aller möglichen Geisteswissenschaften klopfen an die Türen der Personalchefs.

Philosophieren ist Wintersport

So fing Schnell im Sommer an, in Berliner Kneipen, Cafés und Kulturzentren seine Zettel auszuhängen. Mühsam ist das, und der Erfolg stellt sich nur langsam ein. Auch dafür macht Schnell die Wirtschaftskrise verantwortlich, denn so eine Lebensberatung, das sieht er ein, ist ein Luxus. Außerdem klagt der tatendurstige Doktorand über das Sommerloch. Tatsächlich kamen mehr Anrufe, als das Wetter kälter und die Nächte länger wurden.

Die Idee, den Menschen die Philosophie ins Haus zu tragen, stammt nicht von Schnell. Der Bonner Markus Melchers leistete diesen Service schon 1998. Sein Unternehmen nannte er werbewirksam "Sinn auf Rädern", was ihm die überregionale Presse mit einer Reihe ausführlicher Features dankte, durch die Melchers wiederum an Klienten in ganz Deutschland kam. Dennoch würde der Bonner dem Berliner Kollegen abraten, wenn der ihn um Rat fragen würde. "In den ersten drei bis vier Jahren hatte ich hart zu kämpfen", erzählt Melchers, "und auch heute weiß ich am Ende des Monats nicht, wie gut ich im nächsten über die Runden komme".

Tarum von der eigenen Praxis

Seine Kartei umfasst derzeit 14 "Gastgeber", die er persönlich oder telefonisch in regelmäßigen Abständen - wöchentlich, 14-tägig oder monatlich - für 50 Euro oder mehr pro Stunde berät. Das alleine genügt nicht. Melchers hält Vorträge und veranstaltet in mehreren Städten "Philosophische Cafés", zu denen mittlerweile regelmäßig um die 60 Menschen kommen - noch vor fünf Jahren waren es oft nur drei oder vier gewesen. Alle diese Gespräche und Vorträge wollen intensiv vorbereitet sein. "Den Aufwand hatte ich völlig unterschätzt", gibt Melchers zu. An der hohen Belastung sei sogar seine Ehe gescheitert.

In Berlin aber lässt Holger Jens Schnell sich nicht beirren. Er ist fest entschlossen, sein Auskommen künftig als Freelance-Philosoph zu finden. Nicht alle Klienten, die ihn um seine Dienste bitten, müssen dabei in existenziellen Krisen stecken. Manch einer scheitert einfach seit Jahrzehnten bei dem Versuch, ein philosophisches Traktat zu begreifen, und sucht eine Art Nachhilfelehrer.

Senioren: Beim Philosophieren toll bei der Sache
GMS

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Auch Studenten buchen Schnell, wenn Prüfungen nahen, ihnen die gewundenen Gedanken der Herren Wittgenstein und Kierkegaard aber noch unergründlich erscheinen. Und wenn Schnell in der Berliner Seniorenbegegnungsstätte "Sonnenblume" Vorträge zu philosophischen Fragen hält, dann vergisst er nicht, auch den möglichen Nutzen einer individuellen Beratung zu erwähnen. "Ist übrigens toll, wie gut die älteren Herrschaften bei der Sache sind, wenn es um Philosophie geht", erzählt Schnell.

Mittelfristig plant der Philosoph, mit einer ehemaligen Kommilitonin eine richtige Praxis zu eröffnen. Mehr als fünfzig Philosophische Praxen gibt es inzwischen in Deutschland, aber nur sechs bis sieben sind finanziell erfolgreich, wie Markus Melchers schätzt. Erfunden wurde das Konzept der Philosophischen Praxis schon 1981. Der Pionier hieß Gerd B. Achenbach; er gründete eine Praxis in Bergisch Gladbach bei Köln und steht inzwischen der "Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis" vor, die zehn nationale Fachverbände vereinigt.

Gespräche von gleich zu gleich

Stehen diese praktizierenden Philosophen in Konkurrenz zu Psychotherapeuten? Holger Jens Schnell will davon nichts wissen. Wenn der Kunde in einer so schweren Lebenskrise stecke, dass er seinen Alltag nicht mehr bewältigen könne, dann sei er eindeutig ein Fall für den Therapeuten. "Solche Fälle nehme ich nicht an", beteuert Schnell. "Sonst würde ich womöglich einen Prozess auslösen, den ich nicht mehr steuern kann." Zwar sei es ihm bereits gelungen, durch Gespräche einen Klienten aus seiner Depression herauszuführen, doch das war für Schnell nur der praktische "Nebeneffekt" der philosophischen Beratung.

In besagtem Fall war ein Anwalt über einen Artikel in der "taz" auf den Philosophen aufmerksam geworden. Der Mann stand vor einer gescheiterten Ehe und hatte Erfolg nur im Beruf, nicht aber beim Aufbau persönlicher Beziehungen. In ihren Gesprächen, so Schnell, hätten sie nach den Bedingungen für gelingende menschliche Beziehungen gefragt. Dabei sei der Kunde schließlich selbst auf das gestoßen, was ihn behindert habe: "Er hat gemerkt, dass Beziehungen für ihn immer wie Klimmzüge waren; dass er glaubte, sich in der Rolle des erfolgreichen, alles kontrollierenden Anwalts beweisen zu müssen und dadurch auch seine Gesprächspartner in eine Rolle drängte."

Mit Psychotherapeuten hatte der Anwalt schlechte Erfahrungen gemacht. "Im Gegensatz zum Psychoanalytiker suche ich nicht nach Ursachen, sondern nach Gründen," sagt Schnell. "Wer zum Therapeuten geht, muss dessen Autorität akzeptieren." Mit Schnell konnte der Anwalt von gleich zu gleich reden. "Und vor allem musste er sich nicht als Kranker fühlen."


Holger Jens Schnell, Philosophische Lebensberatung in Hausbesuchen, Tel.: 030/4412612

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