Privatdozenten Die Billigheimer der Wissenschaft

Allein Berlins Hochschulen beschäftigen 4000 Lehrbeauftragte - bienenfleißige Wanderarbeiter, die das Seminarangebot sichern. Was sich kaum einer ihrer Studenten vorstellen kann: Die meisten leben auf Hartz-IV-Niveau. Und Privatdozenten lehren oft sogar für lau.


153 Euro - so viel erhielt Elisabeth Meyer-Renschhausen für ihr letztes Soziologie-Seminar an der Freien Universität Berlin. Wohlgemerkt nicht pro Monat, sondern im ganzen Semester. Darin waren enthalten: Vor- und Nachbereitung, die Seminarstunden selbst, Prüfungen, die Kontrolle von Seminararbeiten und Klausuren, natürlich auch die Betreuung der Studierenden. Man mag sich den Stundenlohn gar nicht ausrechnen.

Arm trotz Arbeit: 153 Euro für ein ganzes Semester
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Arm trotz Arbeit: 153 Euro für ein ganzes Semester

Meyer-Renschhausen ist Privatdozentin und damit verpflichtet, solche unbesoldeten Lehrveranstaltungen zu halten. Sonst würde sie ihre Lehrberechtigung verlieren - und damit die Möglichkeit auf eine Festanstellung oder die befristete Vertretung einer Professur. "Man interessiert sich natürlich für die Inhalte. Dann bereitet man sich entsprechend vor und versucht im besten Fall eine Doppelverwertung durch Zeitungsartikel", sagt die Dozentin. "Wenn ich jetzt Seminare über Hartz IV abhalte, versuche ich dann auch entsprechend Artikel zu schreiben, weil ich es für sinnvoll halte. In diesem Fall ist es mir zum Beispiel noch nicht gelungen."

Neben den unbesoldeten gibt es an Universitäten auch besoldete Lehraufträge, für die ein Dozent etwa 900 Euro pro Semester erhält. Auch davon lässt sich der Lebensunterhalt nicht bestreiten. Und so überrascht das Ergebnis einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unter Berliner Lehrbeauftragten nicht: Knapp zwei Drittel von ihnen haben ein monatliches Einkommen von weniger als 1000 Euro. Dabei sind sie für die Hochschulen unverzichtbar. Sie übernehmen an den Berliner Universitäten und Fachhochschulen zwischen zehn und fünfzig Prozent der Lehre.

Sabine von Oppeln, Studiendekanin an der FU Berlin, betont: "Jede Universität, die ein breites Fächerspektrum hat und auch den Anspruch, im Rahmen dieses Fächerspektrums eine breite Palette abzudecken, ist auf die Lehraufträge angewiesen. Nicht nur, um kapazitäre Löcher zu stopfen, sondern vor allen Dingen auch, um eine gewisse Vielfalt abzudecken", sagt sie. "Eine Universität ist auch ein Ort der Kommunikation zwischen Universität und Gesellschaft, dafür brauchen wir natürlich auch Lehrbeauftragte."

Praxiserfahrung vom Privatdozenten

Die Gruppe der Lehrbeauftragten ist sehr heterogen: Zu ihnen gehören die bereits habilitierten Privatdozenten genauso wie junge Nachwuchswissenschaftler, die gerade promovieren und Lehrerfahrung sammeln wollen. Es sind Dozenten aus dem Ausland oder Leute, die in Unternehmen fest angestellt sind und ihre Praxiserfahrungen an der Uni weitergeben.

Diese Vielfalt schätzen auch die Studenten. Miriam Oesterreich zum Beispiel, die Kunstgeschichte und Spanisch studiert: "Ich glaube, dass Privatdozenten dadurch, dass sie aus einem Berufsumfeld kommen, viel weniger an die Hochschulkanon gebunden sind und deshalb auch die spektakuläreren Seminare anbieten", erklärt die Studentin. "Ich habe selbst mal ein Seminar über die Rolle des Todes in der Mexikanischen Kunst gemacht. Es ist schon cool, dass so etwas auch mal angeboten wird und nicht immer nur die gängigen Sachen aus der Kunstgeschichte, die - vom Mittelalter bis zur Neuzeit - sowieso immer angeboten werden."

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Obwohl der Lehrbetrieb ohne Lehraufträge deutlich an Qualität verlieren würde - für höhere Honorare fehlt den Universitäten das Geld, sagt Studiendekanin Sabine von Oppeln. Stattdessen schlägt sie vor, den Lehrbeauftragten zumindest Büroplätze oder Kopiermöglichkeiten zu bieten und ihre Situation damit zu verbessern.

Elisabeth Meyer-Renschhausen hat da viel weitergehende Forderungen: "Dass man eine Umverteilung der bezahlten Arbeit macht, die Hochschullehrer selber aktiv werden und notfalls auch von ihrem eigenen Gehalt wieder etwas in Kassen geben", sagt die Privatdozentin. "Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist so entstanden, dass in der Weimarer Zeit die Hochschullehrer, die Geld verdienten, drei Prozent abgegeben haben, um damit nicht bestallte Privatdozenten zu finanzieren, um denen Forschungsmöglichkeiten zu ermöglichen."

Irgendetwas müsse sich ändern, sagt Meyer-Renschhausen, aber glaubt selbst nicht recht daran. Der Umgang mit den Lehrbeauftragten macht eines deutlich: die Kluft zwischen dem allseits großen Gerede um die Bedeutung der Bildung und der Wirklichkeit an den Universitäten.

Von Marcus Weber, "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk



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