Deutschlands beste Professoren Der Radikalforscher

Was ist ein Leben wert? Gibt es eine Moral des Marktes? Ökonom Armin Falk, 45, Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Bonn, stellt die Fragen, an die sich viele Kollegen nicht herantrauen. Und er provoziert mit Experimenten, bei denen es um Leben und Tod geht - den Mausetod.

Von Caroline Schmidt

Ökonom Armin Falk: Nicht um abstrakte Theorien und um Zahlenreihen kreisen
Silja Götz/ DER SPIEGEL

Ökonom Armin Falk: Nicht um abstrakte Theorien und um Zahlenreihen kreisen


Es ist ein schockierendes Video, das sich fast tausend Menschen im Frühjahr 2012 ansahen. Eine Maus sitzt in einem Glaskasten, langsam strömt Gas hinein. Nach einem zehnminütigen Todeskampf verendet das Tier.

Der kurze Film war der Beginn eines Experiments, zu dem der Bonner Wirtschaftsprofessor Armin Falk in die große Beethovenhalle in Bonn eingeladen hatte. Es war ein schockierendes Dokument. Aber würde es Konsequenzen auf das Handeln der Studienteilnehmer haben?

Nach dem Film bekamen die Probanden die Verantwortung für eine Maus übertragen - und mussten eine Entscheidung fällen: Sollte ihr Tier am Leben bleiben - oder sterben wie der Nager im Film? Wer sich für die Tötung entscheide, bekomme zehn Euro. Wer ihm das Leben schenke, gehe leer aus, hieß es. Simuliert werde bei dem Experiment rein gar nichts, die Mäuse müssten im Fall des Falles wirklich sterben. Falk wollte herausfinden, wie weit Menschen gehen für Geld. Was er entdeckte, ist verstörend.

Falk sucht nach der Moral in der Ökonomie

Ökonom Falk kreist nicht um abstrakte Theorien und um Zahlenreihen, wie es viele seiner Berufskollegen tun. Er stellt moralische Fragen, die von den Wirtschaftswissenschaften über Jahrzehnte vernachlässigt wurden: Wieso tragen Konsumenten Billigkleidung aus Bangladesh, obwohl sie doch meist wissen, unter welchen Arbeitsbedingungen die Menschen dort leiden? Wieso kaufen sie Eier von Hennen aus Legebatterien? Und wie müsste der Markt eigentlich aussehen, damit die Menschen endlich moralisch korrekte Entscheidungen im Supermarkt treffen?

Um sich an die Antworten heranzutasten, entwickelt Armin Falk Experimente wie den Mausversuch. Eine solche Forschung ist in seinem Bereich so revolutionär, dass er etliche Wissenschaftspreise gewann. Auch im Ausland kennt man den Professor mittlerweile: Seit einiger Zeit ist Falk an der amerikanischen Elite-Universität Harvard, wo er ein Semester lang lehren wird.

Trotzdem wirkt der Ökonom nicht abgehoben. Er trägt Jeans und Turnschuhe und spricht so, dass es auch der Laie verstehen kann. Kurz vor seiner Abreise nach Harvard sitzt er in einem Café und berichtet über die Ergebnisse des Mäuseversuchs.

Als die Teilnehmer des Experiments nach Leben oder Tod des Tiers gefragt wurden, nahmen 40 Prozent die 10 Euro - und opferten die Maus. Aber es kam noch schlimmer.

Eine zweite Gruppe, die den Film auch gesehen hatte, wurde von Falk und seinen Kollegen in eine Art Marktsituation versetzt. Die Hälfte der Gruppe bekam die Verantwortung für eine Maus übertragen, die andere erhielt 20 Euro. Die Geldbesitzer sollten nun über ein Computernetzwerk versuchen, Mäusebesitzern das Tier abzukaufen - zu einem möglichst niedrigen Preis.

Komme der Handel zustande, werde die Maus vergast, hieß es. Alle wurden darauf aufmerksam gemacht, dass man sich auch gegen einen Deal entscheiden könne - keiner bekomme dann Geld, die Maus bleibe am Leben. Ein Vorschlag, den nur 20 Prozent der Händler annahmen. Der Rest entschied sich für Bares - und den Tod der Maus. Einige Verkäufer verhökerten das Nagerleben für unter 5 Euro; dem Käufer blieben also mehr als 15 Euro. Effekt: Hunderte Tiere starben während des Experiments.

Korrumpiert der Markt die Moral?

Der Markt, so scheint es, korrumpiert die Moral. Aber ist es so einfach? Falk glaubt, dass es neben dem Geldanreiz noch andere Mechanismen waren, die zum massenhaften Mäusetod führten. Die Probanden mussten das Tier nicht eigenhändig umbringen, das erleichterte die Entscheidung. Zudem bekamen sie mit, dass andere bereitwillig töten ließen - und ließen sich mitreißen. In der Handelssituation konnten sie die Schuld zudem aufteilen; auch das erleichtert es, den Daumen zu senken. "Menschen verhalten sich meistens nur dann falsch, wenn sie es irgendwie rechtfertigen können", sagt Falk, "wenn wir also einen Markt wollen, in dem Menschen bessere Entscheidungen treffen, müssen wir ihnen die Ausreden nehmen."

Nach dem Ende des Experiments waren einige Studienteilnehmer erschrocken und fühlten sich überfallen. "Wie könnt ihr so ein scheiß Experiment mit uns machen?", hätten einige gefragt. Falk zuckt mit den Schultern, er kann die Wut verstehen. "Wir waren über die Ergebnisse auch erschüttert", sagt er.

Anmerkung: Die Mäuse aus Falks Experiment waren überzählige Labormäuse, die alle getötet werden sollten. Für die von den studentischen Probanden verschonten Nager handelte Falk eine Begnadigung heraus: Auf Kosten der Universität blieben die todgeweihten Tiere am Leben, hopsen seitdem durch Käfige und wenn eine von ihnen krank wird, sehen sie sogar einen Tierarzt.

Hol Dir den gedruckten UniSPIEGEL!
  • Verena Brandt

    Ausgabe 5/2013

    Ich gegen Dich

    Der harte Konkurrenzkampf unter Studenten

    Diesmal mit Geschichten über eine 24-jährige Nonne, über die Zukunftswünsche von Studenten und über eine Stadt, die sich in einen Uni-Campus verwandelt. Wollt ihr das Heft nach Hause bekommen?
  • Dann abonniert den SPIEGEL im Studenten-Abo zum günstigen Sonderpreis.
Den UniSPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.



© UniSPIEGEL 5/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.